Jahrelang beschattet
FBI lässt russisches Spionage-Netzwerk auffliegen
Die zehn mutmaßlichen Spione seien am Sonntag in den vier nordöstlichen US-Bundesstaaten New York, New Jersey, Massachusetts und Virginia festgenommen worden, so das Justizministerium. Den Verdächtigen drohen fünf Jahre Haft wegen Spionage und weitere 20 Jahre Gefängnis wegen Geldwäsche. Ein elfter Verdächtiger ist vorerst noch auf der Flucht.
Die Bundespolizei FBI hatte die Verdächtigen teilweise mehr als zehn Jahre lang überwacht, sie in ihren Häuseren, Wohnungen und in Hotelzimmern abgehört, ihre Anrufe mitgeschnitten und sogar ihre E-Mails gelesen. Als federführend gelten zwei Verdächtige, die unter den Namen Richard und Cynthia Murphy in einer US-Vorstadtsiedlung lebten (re.). Die Nachbarn seien noch stolz darauf gewesen, eine Familie in ihrer Siedlung zu haben, bei der der Vater zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert, berichteten US-Medien. Vom Doppelleben der Murphys hätten sie keine Ahnung gehabt.
Neben drei weiteren Ehepaaren wurde auch eine peruanische Reporterin verhaftet. Die Frau schrieb für eine spanischsprachige Zeitung in New York, soll aber in Wahrheit eine "bestens ausgebildete Meisterin der Täuschung" sein, so das FBI in der Klageschrift. Verdeckte Ermittler filmten die Frau u.a. bei einem Treffen mit russischen Agenten in Südamerika.
Informationsbeschaffung aus politischen Kreisen
Die Verdächtigen waren nach FBI-Informationen auf einer langfristigen Mission in den USA und erstatteten dem Hauptquartier des russischen Auslandsgeheimdienstes SVR Bericht. "Ihre Ausbildung, Bankkonten, Auto, Haus usw. - all dies dient einem Ziel: ihre Hauptmission zu erfüllen, das heißt Verbindungen in Politik-Kreise in den USA aufzutun und zu entwickeln", zitierte das FBI aus einer entschlüsselten Botschaft. In einem Arbeitsauftrag vor der letztjährigen Sommer-Visite von US-Präsident Barack Obama in Moskau hieß es etwa: "Informieren Sie uns über seine Ansichten zu START, seine Ziele, die er bei dem Treffen erreichen will, mit welchen Argumenten sein Team vortritt und wie man Moskau überzeugen will."
Die elf Verdächtigen sollten unter anderem auch Informationen über die US-Politik gegenüber Afghanistan und dem Iran sammeln. Auch gezielten Fragen zu Nuklearwaffen, Wahlen, Politikern, Begleitern des Präsidenten sowie Tratsch und Klatsch aus dem Weißen Haus sollte man nachgehen. Kontakte wurden dabei meist mit Beamten mittleren Ranges, Mitarbeitern von staatlichen Forschungseinrichtungen und Personen aus Strategieabteilungen von Ministerien aufgebaut, aber auch Unternehmer mit guten Beziehungen in die Politik waren Zielpersonen. Wie erfolgreich die Spione dabei waren, wollten die US-Behörden nicht kommentieren.
High-Tech und Zaubertinte
Das FBI listete in seiner Klageschrift auch die Methoden des Netzwerks auf. Die Spione arbeiteten den Angaben zufolge mit verschlüsselten Botschaften und einem High-Tech-Computer-System, das auf kurze Distanzen nahezu unentschlüsselbare Übertragung ermöglichte. Eine Prise klassische Spionage war aber auch dabei: Unsichtbare Tinte, gemorste Botschaften, Daten-Übergaben im Vorbeigehen und sogar versteckte Codes in Zeitungsanzeigen sollen die Agenten benutzt haben.
Bargeld sei den Agenten von russischen Boten bei Aufenthalten in lateinamerikanischen Ländern übergeben worden - darauf zielen auch die Geldwäsche-Anklagen ab. Bei Reisen nach Moskau und zurück in die USA sei man zur Tarnung über Rom geflogen und hätte falsche Pässe benutzt, heißt es in der Klageschrift.
"Die Beweise sind wirklich überwältigend"
Fünf der Verdächtigen wurden am Montag einem Bundesgericht in New York vorgeführt. Die anderen fünf Festgenommenen sollten Gerichten in Virginia und Boston im Bundesstaat Massachusetts vorgeführt werden. Die Verdächtigen hatten laut den Klageschriften angegeben, Bürger der USA oder Kanadas zu sein - ihre tatsächliche Nationalität wurde jedoch zunächst nicht mitgeteilt. US-Medien spekulieren, es könnte sich in Wahrheit bei sämtlichen Verdächtigen um russische Staatsbürger handeln.
"Die Beweise sind wirklich überwältigend", meinte der US-Staatsanwalt Michael Farbiarz nach der Anhörung, bei der die Anwälte der Verdächtigen mit ihren Anträgen auf Kautionsfreilassung zunächst scheiterten. Der Verteidiger der peruanischen Journalistin meinte etwa, die Vorwürfe gegen seine Mandanten seien übertrieben. In der Klageschrift finde sich kein konkreter Anhaltspunkt für eine Gefährdung der nationalen Sicherheit der USA. Die Staatsanwaltschaft begründete die U-Haft mit Fluchtgefahr. Erst für den 27. Juli wurde eine Vor-Anhörung zu den konkreten Spionage-Vorwürfen angekündigt.
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