26.12.2019 12:00 |

Hermann Glettler:

„Mehr Priester allein füllen keine Kirchen“

2019 war auch für die Kirche ein bewegtes Jahr. Hermann Glettler, Bischof der Diözese Innsbruck, über das Dauerthema Zölibat, Frauen in der Kirche, Vorbilder wie Greta Thunberg und Wünsche an die Regierung.

Herr Bischof, wir sitzen hier im „Chill Out“, wo Beratung und Übergangswohnungen für Jugendliche bereitgestellt werden. Warum haben Sie sich diese Einrichtung für das Interview ausgesucht?
„Chill Out“ ist eine wichtige Anlaufstelle, die auch mit den Themen rund um Weihnachten und Jahreswechsel zu tun hat. Wo gehöre ich hin? Wo bin ich zu Hause? Wer trägt Sorge? Das sind Fragen, die die junge Menschen hier im Haus beschäftigen. Gerade jetzt gilt es, darauf aufmerksam zu machen, dass Weihnachten überall dort stattfindet, wo Herberge geboten wird.

Glauben Sie, dass die Jugend heute orientierungsloser ist als früher?
Das würde ich nicht so sagen. Jede Zeit hat ihre Herausforderung. Heute mit den vielen Möglichkeiten umzugehen, das ist nicht einfach für junge Menschen. Wirklich schwierig wird es aber dann, wenn eine prekäre Situation plötzlich hereinbricht. Eine Familie, die zerbricht. Die Schule, die nicht mehr zu schaffen ist. Ein fehlender Lehrplatz, eine Mobbing-Erfahrung. Manchmal mangelt es auch an Personen, an denen sich junge Menschen orientieren können. Was ich aber auch sehe: junge Menschen haben eine hohe soziale Sensibilität und sind bereit, sich für ihre Anliegen einzusetzen. Das sieht man nicht zuletzt an den Klimaaktivisten rund um Greta Thunberg. Von ihnen können wir viel lernen.

Würden Sie sich bei jungen Menschen auch für die Kirche so viel Begeisterung und Einsatz wünschen?
Ja, dafür müssen wir mehr Gelegenheiten schaffen. Wir werden Ende Jänner ein diözesanes Jugendforum veranstalten und laden alle ein, die für Jugendarbeit verantwortlich sind. Wir als Kirche brauchen die junge Generation, da ist einiges verschlafen worden. Kirche ist jungen Menschen heute oft peinlich – als wäre der Glaube an Jesus etwas, für das man sich schämen müsste. Dabei ist er doch die interessanteste Person der Menschheitsgeschichte.

Das Jugendforum ist ein Projekt für 2020. Was hat die Diözese noch vor?
Die Gründung von Weggemeinschaften geht weiter. 30 haben sich mittlerweile in Tirol formiert. Gemeinsam wird das Evangelium gelesen, diskutiert und Nachbarschaftshilfe organisiert. Einen Schwerpunkt wird 2020 auch das Thema Versöhnung bilden: Sich mit anderen Menschen versöhnen, mit sich selbst, mit unerfüllten Lebenswünschen – das ist eine Herausforderung. Im Glauben haben wir dafür einen großen Schatz. Nur ist dieser versteckt. Wir wollen die Kultur der Versöhnung anregen – so, dass die Menschen was damit anfangen können. Wir planen außerdem Ende August nach vier Jahren Pause wieder eine Diözesanwallfahrt nach Rom. Acht Busse mit rund 400 Leuten werden dabei sein. Auch da werden wir unter anderem für junge Menschen ein besonderes Programm organisieren.

Beim Blick zurück auf das Jahr 2019 hat zuletzt das Thema Zölibat wieder für viel Gesprächsstoff gesorgt. Der neue Bischof von Kärnten hat sich für die Abschaffung ausgesprochen. Glauben Sie an ein Ablaufdatum?
Durch die Amazonas-Synode ist viel in Bewegung gekommen. Ich glaube, dass der Weg, verheiratete Personen zu weihen, in Zukunft auch für Europa ernsthaft zu erwägen ist. Es braucht aber geduldige Schritte. Man darf sich dadurch nicht die Lösung aller Probleme erwarten. Ich kenne viele Pfarren in Tirol, in denen ein Priester da ist und auf schöne Weise Messe gefeiert wird. Trotzdem sind wenige Leute in der Kirche. Mehr Priester allein werden die Kirchen nicht füllen. Die größte Herausforderung der Kirche ist nicht der Umgang mit dem Zölibat, sondern die Aufgabe, den Glauben in den Menschen zu wecken und das Evangelium in verständlicher Weise zu vermitteln.

Beim Thema Zölibat ist im heurigen Jahr etwas in Bewegung geraten. Sehen Sie das auch, wenn es um das Priesteramt für Frauen geht?
Es wird immer deutlicher als Ungerechtigkeit gesehen und benannt, dass Frauen nicht Priesterinnen werden können. Das ist eine Wunde. Ja, ich sehe die Ungleichheit. Aber es darf auch in diesem Fall nicht allein darauf fokussiert werden. Wir haben noch nie so viele Frauen in verantwortungsvollen Positionen der Kirche gehabt wie heute.

Was erwarten Sie von der neuen Regierung, wenn sie dann endlich gebildet ist?
Ich hoffe, dass die soziale Aufmerksamkeit ein zentrales Anliegen der neuen Bundesregierung wird. Wichtig und entscheidend ist, dass Familien gestärkt und Gruppen am Rande der Gesellschaft nicht marginalisiert werden. Ich wünsche mir eine solide und stabile Regierung. Eine Regierung, die Mut zum Gestalten hat.

Claudia Thurner
Claudia Thurner
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