06.12.2019 06:01 |

Großer Ansturm

Erster Integrationsgipfel in der Wiener Hofburg

Es war ein voller Erfolg: Rund 1000 Personen, unter ihnen mehr als 450 Vertreter von Organisationen aus ganz Österreich, trafen am Montag in der Wiener Hofburg zusammen, um sich ganz und gar einem Thema zuzuwenden: der Integration - ein Thema, das gerne für populistische Zwecke missbraucht wird und das polarisiert. Dabei geht es nicht um links oder rechts.

Dino Schosche, Projektleiter und Initiator des 1. Integrationsgipfels, freute sich über den großen Andrang. Neben Vertretern aus den politischen Parteien und diversen Interessensvertretungen richtete auch der Hausherr per Video seine Botschaft an das Publikum: „Es geht nicht nur um Integration, es geht vor allem um gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft. Das betrifft uns alle“, erklärt Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Das Staatsoberhaupt vertraut dabei dem österreichischen Weg: „Durchs Reden kommen d’ Leut‘ z‘samm‘.“

„Es geht nicht um links, Mitte oder rechts“
„Mit dem Integrationsgipfel stellen wir eine Plattform zur Verfügung, um das Miteinander zu fördern und um das Zusammenleben und die Zusammenarbeit in unserem Land zu stärken. Dabei geht es nicht um links, Mitte oder rechts. Es geht nicht um Regierung oder Opposition. Es geht um uns alle, 8,8 Millionen Mitbürger. Der Gipfel hat in aller Deutlichkeit gezeigt, dass das der richtige Weg ist. Aber unsere gemeinsame Reise endet nicht jetzt und hier, sie beginnt erst. Denn Migration, Integration und Teilhabe sind langfristige Herausforderungen, die wir gemeinsam, nachhaltig und strukturell angehen müssen. Weil eine starke, moderne und offene Gesellschaft die Einbindung aller Akteure braucht“, brachte es Dino Schosche auf den Punkt.

Zu den zahlreich erschienenen Gästen zählte unter anderem der Wiener Integrationsstadtrat Jürgen Czernohorszky, der erklärte: „Integration bedeutet für mich, die Teilhabe aller Menschen an unserer Gesellschaft zu ermöglichen.“ Und AK-Präsidentin Renate Anderl betonte, dass die Arbeiterkammer für alle da sei.

ExpertInnenrat ins Leben gerufen
Missverständnisse gibt es gerade in der Integrationsdebatte viele. Migration wird gerne mit Assimilation verwechselt. Und hier lebende Menschen mit ausländischen Wurzeln werden ständig mit den neu angekommenen Flüchtlingen gleichgesetzt. Aus diesem Grund hat Dino Schosche einen ExpertInnenrat ins Leben gerufen. Seine konkrete Aufgabe ist die jährliche Erarbeitung des Österreichischen Integrationsplans.

Darin entstehen zu verschiedenen gesellschaftlichen Themen praktische und wissenschaftliche Beiträge von ExpertInnen. Die rund 30 bis 40 Teilnehmer arbeiten ehrenamtlich. In Österreich sind Menschen mit Migrationshintergrund jedoch unterrepräsentiert. Der Ausländeranteil unter Unternehmern wird immer größer, doch wer zum Finanzamt geht, wird feststellen, dass Menschen mit Migrationshintergrund oft in den Putzkolonnen zu finden sind.

Positionspapier unterzeichnet
Auch das Wahlrecht ist mit ausländischem Pass tabu. So lautet eine der Forderungen, die Migrantenorganisationen mit einem Positionspapier unterzeichnet haben: „Wir können die Integration nicht mehr nur als eine vorübergehende Sonderaufgabe betrachten, die sich allein über einzelne Organisationen und Projekte lösen lässt. Vielmehr handelt es sich dabei um eine langfristige Herausforderung, die wir gemeinsam, nachhaltig und strukturell angehen müssen.“

Soziologe provoziert
Für viel Applaus in der Hofburg sorgte der deutsche Soziologe Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani. Sein Buch „Das Integrationsparadox“ ist ein Bestseller. Die provokante These: Wer davon ausgeht, dass Konfliktfreiheit ein Gradmesser für gelungene Integration und eine offene Gesellschaft ist, der irrt. Konflikte entstehen nicht, weil die Integration von Migranten und Minderheiten fehlschlägt, sondern weil sie zunehmend gelingt. Interessant dabei: Die lebenswertesten Städte der Welt haben alle einen hohen Migrationsanteil. Früher funktionierte angeblich vieles besser, weil die Gesellschaft durch Unterdrückung zusammengehalten wurde. Damit ist nun Schluss, denn alle sitzen an einem Tisch und möchten etwas vom Kuchen haben.

Martina Münzer, Kronen Zeitung

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