Ethnische Unruhen
Opferzahl in Kirgistan vermutlich “zehnmal höher”
Bisher war die Totenzahl offiziell mit mindestens 191 angegeben worden. Fast 2.000 Menschen wurden demnach bei den Kämpfen zwischen Angehörigen der usbekischen Minderheit und Kirgisen verletzt.
400.000 Menschen auf der Flucht
Etwa 400.000 Menschen sind laut UNO inzwischen auf der Flucht. Ein Viertel der Flüchtlinge hat sich demnach ins Nachbarland Usbekistan gerettet. Die 300.000 anderen halten sich entlang der mittlerweile geschlossenen Grenze auf der kirgisischen Seite auf. In Kirgistan leben insgesamt etwa 5,3 Millionen Menschen.
Die Bedingungen, unter denen die Flüchtlingen ausharren müssen, werden immer schlimmer. Vielen drohen die wichtigsten Dinge zum Überleben auszugehen. Beobachter vor Ort berichteten, dass Hilfslieferungen aus dem Ausland derzeit wegen Sicherheitsbedenken die meisten Bedürftigen - darunter viele Frauen und Kinder - nicht erreichten. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle wies seinen usbekischen Kollegen Wladimir Norow in einem Telefonat daraufhin, dass es notwendig sei, humanitäre Hilfslieferungen und Flüchtlinge die Grenze passieren zu lassen.
HRW: "Es ist hochexplosiv"
In Osch, einem Schwerpunkt der Unruhen zwischen den usbekischen und kirgisischen Bevölkerungsgruppen, herrschte angespannte Ruhe. Usbeken verbarrikadierten sich in ihren Wohngebieten und errichteten Kontrollpunkte an den Übergängen zu den Kirgisen-Vierteln. "Es ist äußerst gespannt, es ist hochexplosiv", beschrieb Ole Solvang von Human Rights Watch die Lage in der Stadt.
Vor der für den 27. Juni geplanten Volksabstimmung droht ein Wiederaufflammen der Gewalt. Die neue Führung des Landes, die nach dem Sturz von Präsident Kurmanbek Bakijew ohne Wahl ins Amt kam, will mit dem Referendum ihre Herrschaft legitimieren. Die Führung um Interims-Präsidentin Otunbajewa will die Volksabstimmung nur absagen, wenn über das ganze Land oder mehr als dessen Hälfte der Notstand verhängt werden sollte. "Das heißt, das Referendum wird stattfinden."
Die Führung des Landes räumte indes ein, die Lage nicht völlig unter Kontrolle zu haben. "Wir können nicht sagen, dass alles eingedämmt und gestoppt ist", sagte der Sekretär des Sicherheitsrats, Alik Orosow. Noch seien Kräfte unterwegs, die zurückgeschlagen werden müssten.
Erstarken des Islamismus befürchtet
Russland und der Westen fürchten, dass durch anhaltende Unruhen die frühere Sowjetrepublik ein Hort für international operierende Extremisten werden könnte. Die Vereinten Nationen warnten vor einem Erstarken des Islamismus in der Region. Es gebe dort zahlreiche extremistische Organisationen und unter den derzeitigen Umständen würden sie einen fruchtbaren Boden für ihre Ziele finden. Der Konflikt könne ganz Zentralasien bis an die Grenzen zu Afghanistan radikalisieren.
Otunbajewa telefonierte am Donnerstag mit US-Außenministerin Hillary Clinton. Der für Zentralasien zuständige US-Spitzendiplomat Robert Blake wird am Freitag in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek erwartet. Otunbajewa telefonierte auch mit dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew.
Der Sohn des gestürzten kirgisischen Präsidenten beantragte unterdessen in Großbritannien Asyl. Berichten britischer Medien zufolge floh Maxim Bakijew nach Großbritannien, da ihn die Übergangsregierung seines Heimatlandes auf eine Liste gesuchter Personen setzte. Ihm werden Steuerschulden in Höhe von umgerechnet etwa 65 Millionen Euro vorgeworfen. Das britische Innenministerium erklärte, der 32-Jährige sei ohne die nötigen Einreisepapiere bereits am Sonntag mit einem Privatflugzeug auf dem Flughafen Farnborough in der Nähe von London gelandet. Maxim Bakijews Vater war im April gestürzt worden. Er hat in Weißrussland Asyl erhalten.
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