20.11.2019 06:00 |

„Krone“ in der Region

„Hier im Westen wird niemandem kalt“

Der Dichter Reinhard P. Gruber schrieb einmal, dass Kernöl, Schilcher und Verhackert das Getriebe der Weststeiermark schmieren. Und dass niemand bekannt sei, der dort verrostet wäre. Doch wie steht’s abseits der Tourismus-Klischees rund um Blauen Wildbacher, Kürbis und Lipizzaner wirklich um die hügelige Region westlich der Mur mit 110.000 Einwohnern? Vor der Landtagswahl am Sonntag war die „Krone“ in der Region unterwegs.

Die „Steirerkrone“-Landvermessung beginnt oberhalb der schmucken Gemeinde Stainz, deren erster Bürgermeister übrigens Erzherzog Johann war. Hier, im weiß getünchten Pfarrhof gegenüber der prächtigen Kirche, legt Franz Neumüller Holz nach. Im Nu ist die Küche von angenehmer Wärme durchströmt. Während die freundliche Köchin („wir sind aus Bayern hierhergezogen“) Karfiol schneidet - zu Mittag gibt es kräftige Gemüsesuppe -, schenkt der Pfarrer heißen Kaffee ein. Zarte Dampfwölkchen quellen aus der Kanne. „Bei uns wird keinem kalt“, sagt Hochwürden, und er meint es durchaus im doppelten Wortsinn.

Herzenswärme, soziale Wärme, die brauche jede Gesellschaft. Und dass einer für den anderen da ist. In guten wie in schlechten Zeiten.

Zeit zum Innehalten
„In meinem Fall von der Wiege bis zur Bahre“, erzählt Franz Neumüller, der jedes Jahr 35 Hochzeiten, 70 Begräbnisse und 100 Taufen hat. Niemals habe er es bereut, die Entscheidung für Gott getroffen zu haben, „weil es für mich keine schönere Aufgabe gibt“: „Ich kann Menschen Trost spenden, wenn sie trauern, und mich mit ihnen freuen, wenn sie feiern.“ Selbstverständlich ist für den 68-Jährigen daher, dass „seine“ Kirche offen für alle bleibt: „Sie ist eine Kraftquelle und ein Ort zum Innehalten.“

Innehalten, das hat für den Stainzer Pfarrer auch mit intensivem Nachdenken über die Zukunft unseres Landes, die Gesellschaft, die Schöpfung zu tun. „Wie kann es sein, dass ein Bauer 120 Tiere im Stall hat und trotzdem dazuzahlen muss? Warum zählt Fleisch mittlerweile zu den Billigprodukten im Supermarkt? Da läuft doch etwas falsch.“

Hier zählt noch das Ursprüngliche
Zehn Autominuten von Stainz entfernt liegt Frauental, 3000 Seelen, Schwimmbad, Konditorei mit Ruf über die Bezirksgrenzen hinaus. Hier wohnt Gregor Mörth, 46 Jahre alt, Vater einer zwölfjährigen Tochter. Er ist Musikant („Stainzer Trio“), lehrt an der Musikschule und spielt auf seiner Steirischen, dass man neidisch werden könnte. Dass es auch Tiefen in seinem Leben gegeben hat, merkt man dem Gaudimax nicht an. Sein Optimismus, seine Fröhlichkeit stecken an. Wenn er lacht, lacht man mit. Wie geht’s einem waschechten Weststeirer, der tief mit seiner Region verwurzelt ist?

„Ich lebe gern hier“, sagt er, „schauen Sie sich nur die herrliche Gegend an“. Hier, zwischen Glein- und Koralm, zähle noch das Ursprüngliche, das Regionale: „Das merke ich ganz besonders bei der Musik. Die Klänge der Ziehharmonika und das alte Liedgut sind wieder gefragt.“

Und doch bilden sich auf der Stirn von Gregor Mörth auch Sorgenfalten - wenn er an die Arbeitsplatzsituation in Deutschlandsberg und Leibnitz denkt. In der Porzellanfabrik in seinem Heimatort habe es Dutzende Kündigungen gegeben, „diese Leute sieht man nicht mehr, sie verschwinden einfach. Das ist traurig.“ Das liege auch daran, dass sich vieles im Ballungsraum konzentriere, „das schwächt die Peripherie. Da müsste die Politik einmal hinschauen.“

„Wir setzen auf Eigeninitiative
Auf die Politik will er sich nicht mehr verlassen, “ich setze vielmehr auf Eigeninitiative, damit was weitergeht„: Das sagt Heinz Koch, 46-jähriger Schilcherbauer aus Aichegg, einer Katastralgemeinde von Schwanberg. Er hat über seine Reben ein Hagelnetz gespannt, damit die auch im Westen immer häufiger auftretenden Unwetter seinen Junganlagen nichts anhaben können. Denn den Wein, den er produziert, möchte in der Region niemand missen: “Ich war zweimal Josefiweinsieger. Qualität statt Quantität, das ist das Motto unseres Betriebs."

Diesen unterstützt nicht nur Gattin Simone kräftig, auch auf den Nachwuchs, Elias und Raphael, ist Verlass. Sie werden irgendwann den Hof übernehmen, sind als Musikanten im Vereinsleben integriert. „Das ist uns einfach wichtig.“

Von hier wegziehen würde er nie, betont Koch. „Aber wenn ich mir was wünschen könnte, dann bessere Zugsverbindungen nach Graz. Der Anbindung der Regionen an den Zentralraum müsste größerer Stellenwert eingeräumt werden!“

Vom Gefühl, wo daheim zu sein
Verankert in seinem Bezirk ist auch Alois Sackl aus Hollenegg, einer 2000-Einwohner-Kommune in der Nähe von Deutschlandsberg. Ein Kind der Heimat quasi, dem die Bewahrung von Kulturgut und Brauchtum Herzensanliegen ist. 40 Jahre lang spielte der heute 71-Jährige Theater, gehörte der Musikkapelle an, sang im Chor. Jetzt engagiert er sich für die Wolfgangikirche, ein beliebtes Ausflugsziel in der Gegend, „weil sie mir das Gefühl von Heimat vermittelt“.

„Wenn ich früher von Auslandsreisen etwa aus Asien heimgekommen bin und das Kleinod am Berg gesehen hab’, hab’ ich gespürt: Jetzt bin i dahoam!“ 260.000 Euro hat sein Wolfgangikomitee bislang in die Erhaltung des Höhenheiligtums investiert. Weil’s ihm wichtig ist. Und weil er der Nachwelt etwas hinterlassen will, wenn er nicht mehr ist.

Vielleicht ist es das, was das Weststeirische ausmacht: dieses Verantwortungsgefühl für Land und Leute. Dieses Engagement für Brauchtum und Gemeinschaft. Dieses optimistische „Irgendwie wird’s schon gehen“. Auch, wenn im fernen Graz Politik gemacht wird: Die Musi, die spielt hier im Schilcherland. Nicht nur, wenn Herr Mörth, Herr Koch oder Herr Sackl zu ihren Instrumenten greifen!

Gerald Schwaiger und Josef Fürbass

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