13.11.2019 10:50 |

100 Jahre Festspiele

Anfang bis 1945: Vom Mozartfest zur Nazipropaganda

Die Salzburger Festspiele werden 100. Anfangs mit sechs Aufführungen eines Ersatzprogramms, sind sie zum wahrscheinlich bedeutendsten Klassikfestival der Welt avanciert. Die Zeichen der jeweiligen Zeit haben sich in die Chronik der Festspiele geschrieben, vom Kampf ums wirtschaftliche Überleben bis zur Vereinnahmung als Nazipropaganda, vom Traum eines „Friedenswerks“ bis zum Kulturtourismus.

Langzeit-Präsidentin Helga Rabl-Stadler sprach einst von einer „Hochschaubahn der Gefühle“: „Atemberaubende Aufführungen, aber auch Skandale, mitreißende Theaterabende, aber auch Streitigkeiten, außerirdisch schöne Konzerte, aber auch allzu menschliche Eifersüchteleien... Jubelstürme, Standing Ovations, aber auch Buhrufe und dann die Begleitung der Medien, Lobeshymnen, scharfe Kritik, blanker Hohn. Großes Welttheater eben, auf der Bühne, hinter der Bühne und neben der Bühne.“ Im Folgenden eine kurze Chronologie.

1877 bis 1910: Nach einem Fest zur Einweihung des Mozart-Denkmals 1842 in Salzburg veranstaltet die Internationale Stiftung Mozarteum in unregelmäßigen Abständen insgesamt acht Musikfeste zu Ehren des großen Komponisten der Stadt. Dabei treten die Wiener Philharmoniker 1877 erstmals außerhalb Wiens auf. Diese Mozartfeste - ein Gegenpol zu Wagners Bayreuth - gelten als Vorläufer der Salzburger Festspiele, ziehen Gäste aus vielen Ländern an und formen Salzburg schon damals zur Tourismusstadt: 1879 bietet der britische Reiseveranstalter Thomas Cook bereits Pauschalreisen inklusive Karten für das Musikfest an.

1903/04: Schauspieler und Regisseur Max Reinhardt und Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal schmieden ersten Pläne für Festspiele in Salzburg, in die Jahre später auch der Komponist und Dirigent Richard Strauss eingebunden wird.

1917: Reinhardt formuliert in einer Denkschrift die Idee eines Festspiels im barocken Salzburg als „eines der ersten Friedenswerke“; „Sommerspiele im ländlichen Umfeld sollten es sein“, schreibt er Jahre später. Der Versicherungsdirektor Friedrich Gehmacher und der Musikkritiker Heinrich Damisch gründen die „Salzburger Festspielhaus-Gemeinde“ und erstellen ein Konzept.

1918: Ein Leitungsgremium für die Festspiele wird bestellt, es besteht aus Reinhardt, Strauss und dem Wiener Operndirektor Franz Schalk.

1919: Hofmannsthal und der Bühnenbildner Alfred Roller werden in das Gremium aufgenommen, Hofmannsthal publiziert die erste Festspielprogrammatik.

1920: Am 22. August geht der „Jedermann“ von Hofmannsthal in Reinhardts Regie vor dem Salzburger Dom zum ersten Mal über die Bühne. Eigentlich als Notlösung, weil das bei Max Mell in Auftrag gegebene „Halleiner Weihnachtsspiel“ nicht rechtzeitig fertig wird. Außerdem war sein Erfolg bei der Uraufführung 1911 in Berlin eher bescheiden. Ganz anders in Salzburg.

1921: Erste Konzerte - im 1914 eröffneten Mozarteum - kommen zum „Jedermann“ dazu.

1922: Erste Opernaufführungen mit vier Mozart-Opern im Stadttheater (heutiges Landestheater), erste Uraufführung mit Hofmannsthals „Das Salzburger große Welttheater“ in der Kollegienkirche, erstmals spielen die Wiener Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen, Grundsteinlegung für ein Festspielhaus in Hellbrunn, das mangels Geld nie gebaut wird. Strauss folgt Alexander Thurn und Taxis als Festspielpräsident.

1924: Die Festspiele fallen aus wirtschaftlichen Gründen aus, nachdem sie schon 1923 ohne „Jedermann“ aus nur einer Theaterproduktion bestanden hatten. Danach rettet Landeshauptmann Franz Rehrl die Festspiele mehrmals mit Sondersubventionen.

1925: Das Terrain der großen Winterreitschule der Fürsterzbischöfe (heutiges Haus für Mozart) wird erstmals als provisorisches Festspielhaus genutzt. Erste Radioübertragung mit „Don Giovanni“.

1926: Die (Sommer- oder) Felsenreitschule kommt als zweite Spielstätte dazu. Clemens Holzmeister baut das Festspielhaus zum ersten Mal um. Ein Gesetz über die Bildung eines „Fonds zur Förderung des Fremdenverkehrs im Land Salzburg“ sorgt für die wirtschaftliche Absicherung der Festspiele. Salzburg wird in diesen Jahren zum Treffpunkt der besten Künstler der Zeit wie Bruno Walter, Arturo Toscanini, Clemens Krauss und Fritz Busch, Alexander Moissi, Werner Krauß und Helene Thimig sowie Lotte Lehmann und Richard Tauber.

1928: Die Künstlerin Poldi Wojtek kreiert ein Festspielplakat, das bis heute das Logo des Festivals ist.

1938: Nach dem „Anschluss“ wird der „Jedermann“ des Juden Hofmannsthal und auch die „Faust“-Inszenierung des Juden Reinhardt in der legendären Fauststadt (Felsenreitschule) abgesetzt, nicht aber die Strauss-Opern mit Hofmannsthals Libretti. Jüdische Künstler erhalten Aufführungsverbote oder gehen ins Exil. Arturo Toscanini, in den Vorkriegsjahren die prägende Figur der Festspiele, verweigert seine Teilnahme am Festival. Das internationale Publikum bleibt weitgehend aus.

1939: Das Festspielhaus des emigrierten Clemens Holzmeister wird einer nationalsozialistischen Ästhetik entsprechend umgebaut. Hitler besucht die zu einem Propagandainstrument umfunktionierten „Deutschen Festspiele Salzburgs“ (Goebbels).

1944: Goebbels sagt die Festspiele wegen des Hitler-Attentates ab. Clemens Krauss darf aber am 16. August die Generalprobe zur geplanten Uraufführung von Richard Strauss‘ neuester Oper „Die Liebe der Danae“ abhalten. Krauss, Karl Böhm und Hans Knappertsbusch prägen die Festspiele der Nazizeit künstlerisch.

1945: Erste Nachkriegsfestspiele unter amerikanischem Protektorat. Nach und nach kehren die in der Nazizeit unerwünschten Künstler wie Rolf Liebermann und Georg Solti zurück. Heinrich Puthon, Festspielpräsident von 1926 bis 1938 wird von den Amis wieder eingesetzt.

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