Bhopal-Drama
Acht Schuldsprüche 25 Jahre nach Giftgas-Katastrophe
Am 3. Dezember 1984 waren aus der ehemaligen Pestizidfabrik von Union Carbide in Bhopal etwa 40 Tonnen hochgiftiges Methylisocyanat (MIC) ausgetreten. Die meisten Schätzungen gehen davon aus, dass in den 72 Stunden nach dem Unglück 8.000 Menschen zu Tode kamen. An den Spätfolgen starben bis heute mehr als 15.000 Menschen, mindestens 100.000 Menschen wurden chronisch krank. Insgesamt waren eine halbe Million Einwohner mit dem Gas in Berührung gekommen.
"Das Urteil ist ein juristisches Desaster"
Vor dem Gericht in Bhopal, der Hauptstadt des zentralindischen Bundesstaates Madhya Pradesh, protestierten am Montag Hunderte Menschen gegen die Entscheidung. "Das Urteil ist ein juristisches Desaster", sagte der Bürgerrechtler Satinaht Sarangi. Die Richter bewerteten damit eine der größten Katastrophen der Industriegeschichte wie einen Verkehrsunfall. Rachna Dhingra von der Internationalen Kampagne für Gerechtigkeit in Bhopal (ICJB) beklagte: "Zwei Jahre Gefängnis für die Tötung von 25.000 Menschen? Wo ist da die Gerechtigkeit?" Bürgerrechtsgruppen kündigten an, vor dem Obersten Gerichtshof Berufung gegen das Urteil einzulegen.
Ehemaliger Union-Carbide-Boss "flüchtig"
Der Strafprozess gegen die indischen Angestellten war 1987 eröffnet worden. Warren Anderson, Ex-Chef von Union Carbide, zählte ursprünglich ebenfalls zu den Angeklagten, am Montag erklärte ihn das Gericht in Bhopal aber für "flüchtig". Um die Auslieferung des damaligen Firmenchefs Anderson aus den USA hatte sich die indische Regierung vergeblich bemüht.
Das Chemieunternehmen Dow Chemical, in dessen Besitz Union Carbide seit 2001 ist, betrachtet die Gaskatastrophe von Bhopal offiziell als abgeschlossenes Kapitel der Firmengeschichte. Bereits 1989 hatte sich der Konzern mit der indischen Regierung auf eine finanzielle Entschädigung in Höhe von 470 Millionen US-Dollar verständigt. Nach indischen Medienberichten erhielten bis 2004 mehr als eine halbe Million Geschädigte sowie die Familien von 15.274 Toten jeweils Einmalzahlungen in Höhe von wenigen hundert Euro. Bürgerrechtler hingegen fordern die langfristige Rehabilitierung der Opfer, unter anderem durch Renten und eine kostenlose medizinische Versorgung.
Boden und Grundwasser bis heute verseucht
Auf dem Dow-Chemical-Fabrikgrundstück (Bild) lagern nach Angaben von Umweltaktivisten noch immer tonnenweise giftige Chemikalien, die den Boden und das Wasser in einem Umkreis von bis zu fünf Kilometern verseuchten. Tausende weitere Tonnen lagern in sogenannten "Verdunstungsteichen", in denen Union Carbide über Jahre hinweg bis zu dem Unfall seine Abfälle geworfen hatte.
Für die Sanierung ist seit 1998 die Regierung von Madhya Pradesh zuständig. Doch bis heute ist sie ihrer Aufgabe nach Angaben der Bhopal-Verbände nur halbherzig nachgekommen. Während die Behörden erklären, die Industriebrache sei sicher, weisen jüngste Studien um das Vielfache erhöhte Giftkonzentrationen im Grundwasser auf. Indiens Regierungschef Manmohan Singh versprach nun weitere Anstrengungen für sauberes Trinkwasser und zur Sanierung des Fabrikgeländes.
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