03.11.2019 17:49 |

SCHLAGFERTIG

Martin Grubinger: Schule für Führungskräfte

„Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig.“ Ein Satz, der mir diese Woche öfters in den Sinn kam und meinen Puls auf 190 hochschnellen lässt. Und das passiert mir normalerweise nur, wenn ich auf der Konzertbühne Schwerstarbeit verrichte.

Letzten Montag hatte ich eine großartige Begegnung mit Schülerinnen und Schülern der Josef-Rehrl-Schule in Salzburg. Dort habe ich mit der 4. Klasse Musik gemacht.

Ein Trommelworkshop, der besonders Spaß gemacht hat und mir in Erinnerung bleiben wird. Denn diese Teenager haben Hörbeeinträchtigungen und für mich zeigte sich, dass dadurch eine besondere Sensibilität für Musik, Rhythmus, Sprache und Emotionen verbunden ist.

In Österreich diskutieren wir leidenschaftlich gerne über Schule und was anders werden sollte. Über Schulformen, Klassengrößen, Digitalisierung, Deutschunterricht für Migranten, Kopftücher etc.

Dabei vergessen wir, was wirklich unserer Aufmerksamkeit bedürfen würde: Die Lehrerinnen und Lehrer.

Wie herausfordernd, mental und körperlich anstrengend ein guter, aufregender, leidenschaftlicher und spannender Unterrichtsvormittag sein kann, hab ich selbst erlebt. Österreichs Lehrerinnen und Lehrer genießen meinen Respekt und Bewunderung. Zu oft haben wir es zugelassen, diese Berufsgruppe zum medialen Spielball politischer Interessen und Ideologien werden zu lassen und zu selten unser Augenmerk darauf gelegt, was tatsächlich getan werden könnte, Lehrerinnen und Lehrer im Schulalltag besser zu unterstützen.

Ich selbst dachte, dass eine Gesamtschule das Allheilmittel sein würde. Ein kolossaler Irrtum. Im Grunde ist es völlig egal, wie die Schule heißt oder aussieht. Entscheidend ist, was inhaltlich passiert. Bei allem Augenmerk auf die Digitalisierung der Schule, neue Unterrichtsformen und moderneres Ambiente des Schulalltags steht und fällt alles mit jenen, die unseren Kindern im besten Sinne die Welt erklären. Respekt und einhergehend eine bessere Bezahlung für das Lehrpersonal sind ein erster Schritt.

Die entscheidende Frage: Wer ist wirklich für diesen Job geeignet? Lehrerinnen und Lehrer sind Führungskräfte in der Entwicklung unseres Landes. Wir wollen in den Klassenräumen Menschen, die begeisternden, kompetenten, pädagogisch sowie im sozialen Umgang mit den Schülern wertvollen Unterricht machen? Wir suchen also Exzellenz für unsere Kids?

Dann sollten wir sie entsprechend auswählen, behandeln und bezahlen. Eine Herkulesaufgabe für die Besten!

Zurück in die Rehrl-Schule. Eine dieser Besten habe ich dort erlebt. Katharina Leikermoser hat mich begeistert. Ihre Schülerinnen und Schüler haben sie während des Workshops herausgefordert. Ihre Reaktion mit Humor und Kompetenz für die Sache waren bemerkenswert. Klare Ansagen und Führung im besten Sinne, in der Kommunikation immer auf Augenhöhe mit ihren Schützlingen.

Dazu ist sie am Schlagzeug begabt. Mehr geht nicht.

Das eingangs erwähnte Zitat stammt übrigens von Wiens Ex-Bürgermeister Michael Häupl und ist dumm, dreist und verletzend. Eines traue ich mich ohne Umschweife zu sagen: Nur wenige Anlässe können so herausfordernd sein, wie zwei gut gemachte und aufregend gestaltete Unterrichtsstunden vor 25 jungen Menschen mit all ihren Sorgen, Problemen, Hoffnungen und Träumen.

Naja, in einem langen politischen Leben hat man halt auch nicht nur Sternstunden.

Ihr Martin Grubinger

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