"Paradies Europa"

Studie: Afrikaner erhoffen sich zu viel vom Auswandern

Ausland
27.05.2010 15:03
Was bringt Afrikaner dazu, sich auf den langen Weg nach Europa zu begeben und dabei oft sogar ihr Leben zu riskieren? Die Soziologen Max Haller und Bernadette Müller von der Uni Graz haben in Äthiopien die Motive für Auswanderung oder Flucht nach Europa erhoben. Grund dafür, dass vor allem junge und gebildete Afrikaner der Heimat den Rücken kehren, sind demnach überzogene Erwartungen - auch wenn das Faktenwissen der Befragten über Europa ziemlich groß ist.

Die "Vorstellung von 'Europe as a Paradise'" sei verbreitet, so Haller in der Studie "Europa in Afrika - Afrika in Europa". Das Bild der Äthiopier von Europa ist sehr positiv, die Bewohner assoziieren damit vor allem ein gutes Gesundheits- und Bildungssystem, eine höher entwickelte und demokratischere Gesellschaft und bessere Lebensbedingungen.

Hohes Faktenwissen
Das Faktenwissen über Europa ist unter den Befragten, die allerdings deutlich gebildeter als der Bevölkerungsschnitt waren, ziemlich hoch: Sowohl bei der Anzahl der Bewohner Europas (591 Millionen), als auch der Lebenserwartung (77,4 Jahre) und dem Anteil armer Menschen (zehn Prozent) lagen die Schätzungen nahe an der Realität, das Durchschnittseinkommen (1.760 Euro) wurde von ihnen allerdings deutlich zu hoch angesetzt.

Die Lebensumstände in Äthiopien, einem der ärmsten Länder Afrikas, sind unterdessen alles andere als einfach: Ein Viertel der 319 Befragten hatte in den vergangenen Jahren mehrmals nicht genug zum Essen, fast die Hälfte hatte finanzielle Probleme, ein Fünftel wurde Opfer körperlicher Gewalt und ein Drittel erhielt nicht immer die benötigte medizinische Hilfe - immerhin kommt in dem Land nur ein Arzt auf 30.000 Einwohner. Fast die Hälfte der Erwerbstätigen mit höherer Bildung verdient nur bis zu 100 Birr (rund 5,50 Euro) pro Monat, nur etwa ein Fünftel ist sozialversichert.

Trotz dieser bedrückenden Lebensverhältnisse bezeichnet sich allerdings jeweils ein Drittel der Befragten als "glücklich" oder "sehr glücklich". "Da es allen ähnlich geht, nimmt man Entbehrungen und materielle Deprivation als etwas Gegebenes und Unabänderliches hin", so der Schluss der Autoren.

Viele erwägen Emigration
Doch auch wenn "keineswegs alle Menschen an ein Verlassen des Landes" denken, ziehen vor allem junge und besser gebildete Äthiopier Auswanderung ernsthaft in Betracht, unter den unter 35-Jährigen immerhin jeder Dritte. Herausragendstes Motiv für eine mögliche Emigration sind nicht in erster Linie die schlechten Lebensbedingungen in Äthiopien, sondern die besseren Arbeitsbedingungen, Berufschancen und Bildungsmöglichkeiten, die in Europa erwartet werden. Insgesamt haben fünf Prozent der Befragten schon konkrete Vorbereitungen für ihre Auswanderung getroffen, ein Viertel zieht diese ernsthaft in Erwägung und 46 Prozent haben schon einmal daran gedacht.

In seinem Plädoyer für die Abschaffung des "Eisernen Vorhangs", den Europa zur Abwehr afrikanischer Flüchtlinge aufgezogen hat, pocht Haller darauf, "viel mehr Visa auf begrenzte Zeit zu vergeben" und mehr Afrikanern durch großzügige Stipendien, Lehr- und Arbeitsmöglichkeiten Aus- und Fortbildung zu ermöglichen. Dies würde unter anderem dazu führen, dass das Bild Europas in Afrika realistischer werde.

Sonne, Sand und Elefant
Afrika-Bild der Österreicher wiederum erschöpft sich heute in Vorstellungen von Sonne, Sand und afrikanischen Wildtieren (Löwen, Elefanten)", erklärte Haller. Das tatsächliche Wissen der Österreicher über den Kontinent ist gering. Bei der Frage, welche Begriffe sie spontan mit Afrika assoziieren, nannte die Mehrheit der 232 Befragten (Stichprobe nicht für Österreich repräsentativ) Tiere (Löwe, Elefant, Skorpion etc.), Landschaftsaspekte (Sonne, Sand, Wasser) oder bestimmte Länder (Südafrika, Kamerun, Nigeria etc.). Politische oder gesellschaftliche Themen (Armut, Hilfsorganisationen etc.) wurden dagegen sehr selten genannt.

Zu bestimmten Begriffen befragt, zeichnen die Österreicher ein negatives Bild von Afrika: Die Mehrheit hält die Länder des Kontinents im Durchschnitt für undemokratisch und stark von Korruption betroffen. Die Weiterentwicklung von Wirtschaft und demokratischen Systemen in Afrika wird stark unterschätzt.

Das konkrete Wissen der Österreicher über Afrika ist laut der Studie deutlich geringer als jenes über Europa: Bei der Bevölkerungszahl (944 Millionen) lag fast die Hälfte der Befragten um durchschnittlich 45 Prozent daneben. Ganz falsch lagen viele Befragte auch bei ihrer Schätzung zur Höhe des Einkommens von Afrikanern, durchschnittlich wurde es um 75 Prozent über- bzw. unterschätzt. Großteils nahe an der Realität waren lediglich die Annahmen zur Zahl der Kinder (fünf) bzw. zur Lebenserwartung (53 Jahre).

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