Schärfere Rhetorik
Ölpest: Geduld der US-Politiker mit BP geht zur Neige
BP, der die Plattform vom Besitzer Transocean geleast und betrieben hatte, und der technische Dienstleistungskonzern Halliburton hatten sich in den letzten Tagen gegenseitig die Schuld an der Katastrophe zugeschoben. BP-America-Chef Lamar McKay sagte dabei aber immer wieder zu, alle "legitimen" Ansprüche auf Schadenersatz zu begleichen.
BP werde über die gesetzliche Obergrenze von 75 Millionen US-Dollar für die wirtschaftlichen Folgeschäden der Ölpest aufkommen. Laut McKay wurde bereits Soforthilfe an mehr als 1.000 Empfänger ausgezahlt, die meisten von ihnen Fischer. Die Schäden durch die Ölpest könnten sich aber auf mehrere Milliarden Dollar belaufen. BP hat laut eigenen Angaben bisher 350 Millionen Dollar ausgegeben, um die Schäden der Ölpest zu bewältigen.
US-Politik unbeeindruckt von Entschädigungserklärung
Die US-Politik vertraut aber offenbar nicht auf die Moral des britischen Ölkonzerns, der in den vergangenen Jahren Millionen für Lobbying ausgegeben hat und laut einem Bericht des US-Magazines "Newsweek" "Washington mit voller Kraft manipuliert", um Umweltverfahren gegen seine Projekte abzuwenden und regulatorische Verschärfungen zu verhindern. Während der Bush-Administration (im letzten Amtsjahr 2009 flossen 16 Millionen Dollar an Lobbying-Geldern, nach 10,4 Millionen im Jahr davor) sollen mehrere Ermittlungsverfahren der US-Umweltbehörde auf rätselhafte Weise eingestellt worden sein.
Ex-Mitarbeiter der Behörde zeichneten gegenüber "Newsweek" ein verstörendes Bild des britischen Konzerns: BP - vor ein paar Jahren wurde das Kürzel von "British Petroleum" auf den Slogan "Beyond Petroleum" geändert - berechne Umweltkatastrophen in seine Projekte mit ein, hieß es. Der Konzern ist übrigens der größte Treibstofflieferant des US-Verteidigungsministeriums.
Bei der Senatsanhörung am Dienstag gab sich McKay zunächst reumütig. "Klagen, Schuldzuweisungen, Fehler - werfen Sie alles zu uns herüber. Meine primäre Verpflichtung ist derzeit aber, den Ölfluss zu stoppen, das Meer sauber zu bekommen und alle, die durch diese Katastrophe geschädigt wurden, zu entschädigen." Die großen Worte prallten am Großteil der Senatoren aber spurlos ab. Sie wollen wissen, wie es zur Explosion der Ölplattform gekommen ist.
Bohrloch drei Tage vor Explosion mit Wasser versiegelt
Der republikanische Senator Jeff Sessions aus dem Golfküsten-Bundesstaat Alabama konfrontierte McKay mit Untersuchungs-Ergebnissen, wonach die Plattform drei Tage nach einer temporären Versiegelung des Bohrlochs explodierte (als Ursache gilt eine plötzlich aufgestiegene Methangasblase). Die Arbeiter hätten bei der Verschließung aber statt eines üblichen Schlammgemisches bloß Meerwasser benützt. "Ich bin mit den Arbeiten an diesem speziellen Bohrloch nicht vertraut", gab McKay zurück. Vertreter von Transocean und Halliburton gaben an, sie wüssten nicht, wie oft für temporäre Versiegelungen bei Bohrlöchern im Golf von Mexiko Wasser verwendet werde. "Aber Sie machen dort Geschäfte, oder? Ich erinnere Sie hiermit daran, dass Sie unter Eid stehen!", ermahnte Sessions die Konzernvertreter verärgert.
McKay meinte, schuld an dem Unglück sei ein fehlerhaftes Not-Stopp-Ventil über dem Bohrloch. Der "Blowout Preventer" liege in der Verantwortung des Plattformbesitzers, also Transocean. Steven Newman von Transocean sagte: "Offshore-Projekte beginnen und enden mit dem Plattformpächter, in diesem Fall BP." Die Arbeit seiner Firma habe drei Tage vor der Explosion mit der Unterbrechung der Bohrarbeiten geendet. Halliburton gab an, sich strikt an die Bohrpläne BPs und die US-Vorschriften gehalten zu haben.
Jeff Bingaman, der demokratische Vorsitzende des Senatskomittees, sagte: "Wenn es hier genau so abgelaufen ist, wie bei vielen anderen technischen Katastrophen in der modernen Geschichte - vom Untergang der Titanic über den Beinahe-Super-GAU in Three Miles Island bis zur Explosion der Challenger -, wird dieser Ausschuss auf eine Kaskade von technischen Fehlern, menschlichen Versagens und regulatorischen Unzulänglichkeiten stoßen. Und ich sage Ihnen, Sie werden ihren Anteil bezahlen."
Neue Stahlglocke wesentlich kleiner
Der Ausgang des in der Nacht auf Mittwoch angelaufenen Rettungsversuchs ist indes ungewiss: Die Experten haben wegen der Tiefe mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Ein erster Versuch mit einer über 100 Tonnen schweren Stahlglocke war am Wochenende gescheitert. Die nun abgesenkte zweite Konstruktion (re.) ist wesentlich kleiner. BP hofft, dass sich in der kleineren Konstruktion, deren Oberfläche speziell behandelt wurde, nicht mehr Verklumpungen bilden, die das Abpumpen des Öls verhinderten.
Aufgrund der geringen Wassertemperatur in 1.500 Metern Tiefe bildeten sich beim ersten Versuch Eis-ähnliche Wasser-Öl-Kristalle, bedingt durch das aus dem Bohrloch strömende Methangas. Diesmal wollen die Ingenieure zusätzlich ein warmes Wasser-Methanol-Gemisch in die "Pollution Containment Dome" genannte Konstruktion pumpen (um den Container laufen mehrere Leitungen herum), um Verklumpungen zu verhindern. Erst am Donnerstag soll die Stahlglocke diesmal in Position sein. Wann mit dem Abpumpen der täglich austretenden 700 Tonnen Rohöl begonnen werden kann, wurde nicht bekanntgegeben.
Langfristig kann das Austreten des Erdöls aus der Quelle nur mit einer Entlastungsbohrung verhindert werden. Die Arbeiten dafür sind im Gange, nehmen aber rund 90 Tage in Anspruch. Nach der Entlastungsbohrung kann die Quelle mit Beton versiegelt werden.
Schutz-Methoden an Küste immer verzweifelter
Drei Wochen nach der Explosion auf der Bohrinsel sind bereits mindestens 15 Millionen Liter Rohöl ausgelaufen. Die Maßnahmen von Küstenwache, Militär und zivilen Einsatzkräften zum Schutz der Küsten im Süden der USA werden immer verzweifelter. Von Militärhubschraubern aus werden seit Dienstag tonnenweise Sandsäcke vor der Küste abgeworfen (li.), um den Ölteppich mit künstlichen Dämmen zu stoppen. An anderen Stellen schütten Bagger Erdreich ins Meer, um eine schützende Barrikade vor dem eigentlichen Uferland zu bilden. Doch niemand weiß, ob die Notbehelfe halten, wenn größere Ölteppiche an Land treten.
Als Reaktion auf die Ölpest planen zwei US-Senatoren eine Gesetzesinitiative, die den Einzelstaaten ein Vetorecht gegen Bohrungen vor der Küste geben würde. Das geht aus einem Entwurf hervor, der am Mittwoch vorgestellt werden sollte. Darin fordern der demokratische Senator John Kerry und sein unabhängiger Kollege Joe Lieberman, dass US-Staaten zum einen ein Vetorecht bekommen, falls Bohrungen in Nachbarstaaten möglicherweise negative Auswirkungen auch auf sie haben könnten. Zum anderen sollen Staaten das Recht bekommen, Bohrungen bis zu 120 Kilometer vor ihrer eigenen Küste abzulehnen.
Im Gegensatz zur bisherigen Regelung sieht der Gesetzentwurf vor, Einzelstaaten an den Einnahmen des Bundes aus der Ölförderung zu beteiligen. Damit soll den Ölbohrungen vor der Küste, bei denen die Staaten kräftig mitkassieren, die Attraktivität genommen werden.
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