Rätsel nach Absturz

Was geschah in der polnischen Unglücksmaschine?

Ausland
13.04.2010 09:04
Nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine in einem Waldstück vor dem Militärflughafen Smolensk kann über die Ursache der Tragödie weiterhin nur gerätselt werden. Zwar laufen die Erhebungen der polnischen und russischen Ermittler auf Hochtouren, doch dringt nur wenig nach draußen. Weil gerade über die Auswertung der Flugschreiber und Stimmenrekorder beharrlich geschwiegen wird, mehren sich die Spekulationen über eine mögliche Mitschuld Lech Kaczynskis an dem Unglück. Der Politiker hatte schon einmal einen Piloten unter Druck gesetzt.

"Wer Offizier wird, sollte nicht ängstlich sein!" Diesen Satz schleuderte Kaczynski im Jahr 2008 dem damaligen Piloten der Präsidentenmaschine entgegen, als dieser eine außerplanmäßige Landung im georgischen Tiflis verweigerte. 

Kaczynski sollte damals für einen Besuch bei Georgiens Michail Saakaschwili inmitten des militärischen Konflikts zwischen der Kaukasusrepublik und Russland aus Sicherheitsgründen in Aserbaidschan landen. Der Pilot setzte sich letztendlich auch durch. "Wir werden das klären, wenn wir wieder zu Hause sind", soll Kaczynski bei der Landung in Aserbaidschan zu den mitreisenden Reportern gesagt haben. Dem Offizier wurde dann aber kein Dienstverfahren aufgebrummt, berichten polnische Medien.

Nebel-Absturz: Alle Warnungen ignoriert
Am Samstag ignorierten der Kapitän der Präsidentenmaschine, sein Co-Pilot und zwei im Cockpit befindliche Flugingenieure alle Warnungen der russischen Fluglotsen. In Smolensk gibt es kein ultramodernes Instrumentenlandesystem, das quasi eine Landung im Autopilot unabhängig von den Sichtverhältnissen ermöglicht hätte. Die Piloten sind auf die Fluglotsen und ihr Präzisionsanflugradar angewiesen. Die polnische Maschine unternahm trotzdem drei erfolglose Landeversuche auf dem nebelumhüllten Flughafen. Schließlich zerschellte das Flugzeug beim vierten Landeversuch, im Anflug bei nur 400 Metern Sichtweite viel zu tief hereinkommend, in einem Waldstück vor der Landebahn.

Polnische Piloten können ihren verunglückten Kollegen, der in seinen Mittdreißigern war, nicht verstehen. "In der zivilen Luftfahrt bekommt ein Flugkapitän ernsthafte Probleme, wenn er in so einer Situation landet - selbst wenn die Aktion gut geht", zitiert die Zeitung "Gazeta Wyborcza" anonym einen Piloten der staatlichen Airline LOT. 

Laut dem deutschen Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt liegen drei Landeversuche innerhalb internationaler Normen, wenn auch im Grenzbereich. Ein vierter Landesversuch verstoße allerdings gegen alle international gültigen Regeln und sei normalerweise "ein absolutes No-Go", wie Großbongardt erklärt. 

Verschwiegenheit über Flugschreiber-Auswertung
Jene, die glauben, dass Kaczynski den Piloten zu den riskanten Landemanövern zwang - immerhin sei der Präsident oberster Befehlshaber der Streitkräfte, heißt es -, warteten seit Samstagmittag gespannt auf die Auswertung des Flugschreibers und Stimmenrekorders. Bei Letzterem werden zwar nur die Gespräche zwischen der Cockpit-Crew und den Fluglotsen aufgezeichnet, doch könnten ja auch diese Hinweise bergen, hieß es. Trotzdem sind bis Montag kaum Details aus der vom russischen Premier Wladimir Putin geleiteten Untersuchungskommission gedrungen. 

Es gebe in den aufgezeichneten Gesprächen zwischen dem Piloten und dem Tower keine Hinweise auf technische Probleme, hieß es vom russischen Chefermittler Alexander Bastrykin am Sonntag. Vielmehr sei der Pilot mehrfach auf die schlechte Wetterlage und den Nebel hingewiesen worden und habe trotzdem mehrere Landeversuche unternommen. Mehr könne er aber nicht sagen, da die Auswertung noch mehrfach überprüft werden müsse, so Bastrykin. Laut einem Bericht der Associated Press vom Montag sollen die polnischen Ermittler die Stimmenrekorder-Aufnahme noch nicht gehört haben.

Fluglotse: Nach viertem Versuch hätte Pilot abgebrochen
Auf der russischen Website "lifenews" wird indes ein Fluglotse, der angeblich Zeuge des Absturzes vom Tower aus gewesen sein soll, zitiert. Ihmzufolge hatte der polnische Pilot dem Tower vor dem vierten Landeversuch versprochen, er würde bei einem erneuten Durchstartemanöver auf einen anderen Flughafen ausweichen. Als die Fluglotsen bei der Rückmeldung nach der aktuellen Flughöhe fragen wollten, sei nichts mehr gekommen. 

Manche Polen spekulieren auch, dass der Präsident am Samstag deshalb nicht zu spät zur Gedenkfeier nach Katyn kommen wollte, weil das Flugzeug mit den Journalisten schon eineinhalb Stunden zuvor dort eingetroffen war. "Vielleicht befürchtete er schlechte Presse", meinte eine junge Frau in der Warschauer Innenstadt.

Tupolew-154 in einwandfreiem Zustand
Einen technischen Defekt der Regierungsmaschine schließen nahezu alle Experten aus, die in polnischen und russischen Medien zitiert werden. Die erst letztes Jahr generalüberholte Maschine hatte bisher knapp über 5.000 Flugstunden absolviert, die Lebenszeit einer Tupolew-154 wird mit 30.000 Stunden angegeben. Allerdings handelt es sich bei ihr um einen vergleichsweise gefährlichen Typ: Von 1.015 produzierten Maschinen sind laut der Website "aviation-safety.net" schon 57 abgestürzt. Zum Vergleich: Von 4.225 hergestellten Airbus A320 trifft dies nur auf 16 Flugzeuge zu.

Dass der Pilot beim letzten Landeanflug nicht mehr rechtzeitig hochziehen konnte, hat nach Ansicht der Luftfahrtexperten wohl auch nichts mit seinem Können zu tun. "Die Tu-154 ist eine schwere Maschine und so dicht über der Erde kaum ins Gleichgewicht zu bringen", meinte etwa Alexej Korontschuk, Mitarbeiter des Smolensker Flughafens, gegenüber der "Gazeta Wyborcza".

Schwierige Identifizierung der Todesopfer
Drei Tage nach dem tragischen Absturz ist mittlerweile fast die Hälfte der 96 Opfer identifiziert. Angehörige hätten bisher die Identität von 45 der Toten festgestellt, sagte Russlands Gesundheitsministerin Tatjana Golikowa laut russischen Nachrichtenagenturen. Die Bergungsarbeiten an der Absturzstelle, die aufgrund der Ermittlungsarbeiten nicht geräumt werden darf, gestalten sich extrem schwierig.

Der Sarg mit den sterblichen Überresten des polnischen Staatschefs wird am Dienstag öffentlich aufgebahrt. Im Präsidentenpalast in Warschau können seine Landsleute ihm dann die letzte Ehre erweisen. Am selben Tag soll der Leichnam seiner Ehefrau Maria Kaczynska in die polnische Hauptstadt gebracht werden. Dem Vernehmen nach soll das Paar dann am Sonntag gemeinsam beerdigt werden - wenn alle Opfer der Katastrophe in die Heimat überstellt sind. Für die Opfer der Flugzeugkatastrophe setzte der polnische Senat für Samstag eine Gedenkfeier an.

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