Nach Moskau-Blutbad

Fahndung nach Helfern der Metro-Attentäterinnen

Ausland
30.03.2010 08:11
Nach dem Doppelanschlag auf die Moskauer U-Bahn mit mindestens 39 Toten und über 70 Verletzten fahnden die russischen Behörden nach den Drahtziehern der Tat. Der Geheimdienst FSB habe die Identität der beiden Selbstmordattentäterinnen festgestellt, die sich am Montagmorgen im Berufsverkehr in den U-Bahn-Stationen Lubjanka und Park Kultury in die Luft gesprengt hatten, hieß es. Moskau hat indes den Dienstag im Gedenken an die Todesopfer zum Trauertag erklärt.

Menschen legten an den U-Bahn-Stationen Lubjanka und Park Kultury, in denen sich am Montag die Anschläge ereignet hatten, Blumen nieder. Die Moskauer Stadtverwaltung hatte zum Trauertag angeordnet, dass die Flaggen auf halbmast wehen sollten, Fernsehsender und Theater sagten ihre Unterhaltungsprogramme ab. In der orthodoxen Christ-Erlöser-Kathedrale und anderen Kirchen sollen Trauergottesdienste stattfinden.

Die Sicherheitsvorkehrungen in Moskau wurden spürbar verschärft. Zusätzliche Polizisten mit Maschinengewehren und Spürhunden gingen in U-Bahn-Stationen und der Umgebung auf Streife. Die staatliche Bahngesellschaft RZD erklärte, sie habe ihren Mitarbeitern "besondere Instruktionen zur Erhöhung der Wachsamkeit" gegeben.

FSB: "Schwarze Witwen" hatten zwei Helferinnen
Derweil vermeldete die russische Nachrichtenagentur Interfax, dass der FSB die Attentäterinnen identifiziert habe. Außerdem seien mit Hilfe von Überwachungskameras zwei mutmaßliche Helferinnen identifiziert worden, die die sogenannten Schwarzen Witwen begleitet haben sollen. Sie seien mit ihnen bis zum Bahnsteig vorgegangen und im letzten Moment vor den Explosionen geflohen.

In den russischen Medien wird über das Motiv der Attentäterinnen spekuliert. Demnach könnten die Anschläge ein Racheakt für den Tod eines Extremistenführers im Nordkaukasus gewesen sein. Zunächst bekannte sich niemand zu der Tat. Der Chef des russischen Geheimdienstes FSB, Alexander Bortnikow, machte Rebellen aus den Konfliktgebieten im Nordkaukasus verantwortlich, in denen die russische Regierung hart gegen Separatisten vorgeht. Außenminister Sergej Lawrow brachte auch eine Verbindung der Täter zu islamistischen Terroristen aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet ins Spiel.

"Die Terroristen werden zerstört werden"
Präsident Dmitri Medwedew legte in der Moskauer Metro am späten Abend Blumen nieder und kündigte an, die Terroristen finden und töten zu lassen. Er äußerte sich wütend, die Täter seien keine Menschen, sondern "Bestien". Zudem ordnete Medwedew für das ganze Land verschärfte Sicherheitsmaßnahmen an. Auf allen Transportstrecken und an den Flughäfen wurden die Einsatzkräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Medwedew forderte schärfere Gesetze, um Terroranschläge in Zukunft zu verhindern. Das Hauptaugenmerk müsse auf der Verbesserung mancher Bereiche der Gesetzgebung sowie der Arbeit mancher Dienste liegen. Auch die Anwendung der bisherigen Anti-Terror-Gesetze müsse überprüft werden.

Auch Premier Wladimir Putin rief zur "gnadenlosen Jagd" auf die Hintermänner auf. "Ein Verbrechen ist begangen worden, das schrecklich ist in seinen Konsequenzen und abscheulich in seiner Art", sagte Putin. "Ich bin zuversichtlich, dass die Polizei- und Justizbehörden keine Anstrengung unterlassen werden, die Kriminellen zu finden und zu bestrafen. Die Terroristen werden zerstört werden."

Weltweites Entsetzen über blutigen Terrorakt
Der schwerste Terrorakt in Moskau seit sechs Jahren löste international Entsetzen aus. US-Präsident Barack Obama telefonierte am Abend mit Kremlchef Medwedew, um ihm persönlich sein Beileid auszusprechen. Auch die Außenminister der G8-Staaten verurteilten die Selbstmordanschläge. Der Terrorismus müsse international bekämpft werden, meinte Kanadas Außenminister Lawrence Cannon. Den G8-Staaten gehören die sieben größten Industriestaaten sowie Russland an. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte, er verurteile die Anschläge auf das Schärfste. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy sagte, die demokratischen Länder müssten gemeinsam gegen den Terrorismus kämpfen.

Anschlag im Keller des russischen Geheimdienstes
Die Explosionen ereigneten sich am Montag mitten im Berufsverkehr. Der erste Anschlag geschah quasi im Keller des Geheimdienstes FSB, dem Nachfolger des berüchtigten KGB: Die Station Ljubjanka befindet sich unterhalb des Behördengebäudes. In ihr kreuzen sich die Linien 1 und 7. In dem Bahnhof wurden nach Angaben des Katastrophenschutz-Ministeriums 25 Menschen getötet. Etwa 45 Minuten später kostete eine zweite Detonation in der U-Bahn-Station Park Kultury 14 Menschen das Leben. Rund 70 Personen wurden bei den Anschlägen verletzt.

Aus den Ausgängen der betroffenen Stationen strömten kurz nach dem Anschlag Massen von Passagieren, viele hatten Tränen in den Augen. Ein Mann schrie außer sich vor Wut: "Unter solchen Bedingungen müssen wir hier also leben!"

Sicherheitskräfte entdeckten später eine scharfe Sprengladung in der Station Park Kultury. Der nicht detonierte Sprengstoffgürtel sei entschärft worden, meldete die Agentur RIA Novosti. In der Station wurden auch der Kopf und weitere Körperteile einer Selbstmordattentäterin im Alter von etwa 18 bis 20 Jahren gefunden.

Zahlreiche Anschläge der "Schwarzen Witwen"
Die "Schwarze Witwen" handeln im Auftrag von Extremisten. Seit dem russischen Einmarsch in der Kaukasusrepublik Tschetschenien im Jahr 1999 haben sie bereits zahlreiche schwere Anschläge verübt. Im Juni 2000 traten die Terroristinnen erstmals in Erscheinung: Zwei Attentäterinnen griffen den russischen Militärstützpunkt Alchan Jurt in der Kaukasusrepublik an. Dabei starben mindestens zwei Menschen.

Es folgten mehrere Anschläge im Jahr 2003, an denen Frauen beteiligt waren. Zu einem bekannte sich der tschetschenische Rebellenführer Schamil Bassajew, der damals laut tschetschenischem Innenministerium auf eine Gruppe von mehr als 30 Kamikaze-Frauen zugreifen konnte.

Auch im August 2004 waren es Frauen, die sich an Bord zweier russischer Passagier-Flugzeuge in die Luft sprengten und 90 Menschen töteten. Nur wenige Tage später sprengte sich eine Frau vor der Moskauer U-Bahn-Station Rischskaja in die Luft und tötete zehn Menschen. Auch an der blutigsten Gewalttat des vergangenen Jahrzehnts im Kaukasus waren Frauen beteiligt. Im September 2004 nahmen mehr als 30 Extremisten im nordossetischen Beslan rund 1.100 Schüler, Eltern und Lehrer als Geiseln. In einem Geiselvideo sind mindestens zwei Frauen in Schwarz zu sehen, mit Schusswaffen und Sprengstoffgürteln. 331 Menschen kamen damals ums Leben, unter ihnen 186 Kinder.

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