18.04.2019 11:00 |

Paradies für Entdecker

Zu Besuch auf dem entlegensten Fleckchen der Erde

Versteckt in den Weiten des Ozeans ist die Osterinsel ein Paradies für Entdecker. Statt nach bunten Eiern wird hier nach Magie gesucht.

Im längsten Land der Erde den abgeschiedensten Ort unseres Planeten aufspüren - das mag verwegen klingen, trifft aber auf Chile und das östlichste aller Südsee-Eilandes zu. Umspült von den Wogen des Pazifiks, ist die einsame Osterinsel gut 3800 Kilometer vom dazugehörigen Festland Südamerikas entfernt. Mehr als 4200 Kilometer sind es nach Tahiti im Westen. Als wir dort in Papeete, der Hauptstadt Französisch-Polynesiens, abheben, fliegen wir fünf Stunden übers Wasser bis zu unserem ersehnten Ziel, Hanga Roa. Dank der NASA besitzt die einzige, knapp 4000 Einwohner zählende Siedlung auf der aus Lavaströmen geformten Osterinsel die längste Landebahn Südamerikas. Denn der Airport Mataveri wurde 1984 als Notpiste für abgedriftete Raumfähren ausgebaut, ab dann konnten auch Passagierflugzeuge aufsetzen. Herzlich willkommen am Rande der Welt!

Zeitreise in die 1980er-Jahre
Ein wenig müde von der Anreise marschieren wir dennoch gleich los, um von der Unterkunft im „Iorana“ auf einer Anhöhe ins Zentrum von Hanga Roa zu gelangen. Nach Burger und Bier gönnen wir uns bis 20.45 Uhr den ausgedehnten Sonnenuntergang in dem von allen Bewohnern gerne besuchten winzigen Hafen beim Fußballplatz. In der Bucht vor uns schauen wir jungen Surfern zu, die freudig auf den Wellen tanzen. Kurz vor der felsigen Küste, wo die athletischen Akrobaten von ihren Brettern hüpfen müssen, strecken beinahe im Minutentakt Schildkröten ihre Köpfe aus dem Wasser, um Luft zu schnappen.

Laut geschnauft wird hingegen hinter uns. Durchtrainierte Männer matchen sich auf dem grünen Rasen in einer Art Rugby-Spiel. Harte Körperattacken bleiben aber aus. Nicht minder vor Kraft strotzen die Fischer, die sich bei Einbruch der Dunkelheit hinaus auf den Ozean wagen. Ihren äußerst schmackhaften Fang des Tages genießen wir erst Stunden später. Das sind erste Eindrücke, die das Alltagsleben durchwegs sympathisch erscheinen lassen. Manches erinnert an die 1980er-Jahre. Zeit spielt hier aber keine übertrieben große Rolle, Hektik kommt erst gar nicht auf.

Jenseits des Horizonts, wo alles begann
Das Eiland ist ein einziges Mysterium. Seinen Namen erhielt es genau vor 297 Jahren. Am Ostersonntag im April 1722 war der Niederländer Jakob Roggeveen im Auftrag der Westindischen Handelskompanie mit drei Schiffen an der Küste vor Anker gegangen. Von da an hieß das magische Fleckchen Erde Paasch-Eyland, Osterinsel, nach dem Tag der Entdeckung. Isla de Pascua sagen die Spanier dazu, Rapa Nui die Polynesier. Für die Urbevölkerung war es Te Pito Te Henua, der Nabel der Welt. Jener Europäer, der das Eiland als Erster sah, war jedoch nicht Roggeveen. Es dürfte der Pirat Edward Davis gewesen sein, als er 1687 nach den Galápagos-Inseln das Kap Hoorn umsegeln wollte.

„Der alte Mythos ist allgegenwärtig“, wie uns die Einheimischen bei jeder Gelegenheit wissen lassen. Wie imposante Boten aus längst vergangenen Zeiten ragen die weltberühmten tonnenschweren Köpfe und Figuren aus dem Boden. In diesem „Jurassic Park“ geheimnisumwobener Steinkolosse dreht sich alles um deren Ursprung. Woher stammen sie? Wann, wie und warum wurden sie erschaffen? Wie konnten Menschen vor 1500 Jahren die abgeschiedene Insel im Pazifik überhaupt erreichen? Was führte zum Niedergang der faszinierenden Hochkultur? Wenngleich Forscher immer wieder neue Erkenntnisse liefern, sind viele Fragen bis heute offen.

Sieger von ebensgefährlicher Mutprobe herrschte über Insel
Die Moai - so werden die steinernen Relikte bezeichnet - geben Archäologen unaufhörlich Rätsel auf. Eine weitere Besonderheit wird im Museum genau erklärt: „Im 15. Jahrhundert schlug der Kult um den Vogelmann hohe Wellen. Zur Brutzeit ließen sich die kämpferischen Kriegshäuptlinge der Stämme auf einen lebensgefährlichen Wettstreit ein.“ Schauplatz war Orongo. Auf einer schmalen Klippe der Südwestspitze der Insel mussten die von den Familien auserkorenen Burschen an einer Kraterkante am Vulkan Rano Kau 300 Meter tief zum Ozean hinabklettern und durch die tosende Brandung zu vorgelagerten Felsensplittern schwimmen, um dort in aller Eile das erste Ei der Seevögel zu finden. „Der Sieger herrschte als Vogelmann ein Jahr lang mit seinem Stamm über die Insel“, so die Überlieferung.

Die Einwohner kennen die Legende nur zu gut. Gerne lassen sie die Tradition hochleben. Bei Bräuchen geraten auch unsere Taxifahrer ins Schwärmen. Voller Stolz präsentiert einer die Schnappschüsse mit seinem achtjährigen Sohn Mananui, der schon früh Charakter zeigt und sich der rituellen Körperbemalung verschrieben hat. Echte Leidenschaft im Kleinen!

Ob mit dem Auto, per Fahrrad oder zu Fuß - die Osterinsel mit ihrer maximalen Länge von 24 Kilometern und 13 Kilometern Breite lässt sich auf jede Art wunderbar erkunden. Spannend ist der Besuch von Rano Raraku. Der Vulkankegel gilt als regelrechte Moai-Fabrik. Haufenweise gibt es dort jene Steinmonumente, welche die Osterinsel so berühmt gemacht haben. Die mächtigste Statue mit fast 20 Metern und 180 Tonnen ist noch nicht ganz aus dem Gestein gehauen.

Auf den einzigen Moai, der sogar Beine hat, machen mich entlang des Besichtigungspfades Francesco und Alessandra aufmerksam. Das freundliche Paar stammt aus der chilenischen Hafenmetropole Valparaiso, die für ihre steilen Seilbahnen und Hügel mit farbenfrohen Häusern bekannt ist. „Es ist die schönste Stadt auf der Welt. Ein Besuch lohnt sich allemal“, schwärmt Francesco. Gleichzeitig outet er sich als Österreich-Fan. Die Ikonen der Malerei wie Gustav Klimt und Egon Schiele und Schriftsteller wie Stefan Zweig haben es ihm angetan. Spontan spazieren wir gemeinsam zum grün bewachsenen Kratersee. Der Anblick begeistert. Die Hitze macht aber ganz schön durstig. Zwei Ginger Ale in der Raststätte verdampfen dann förmlich in der Kehle.

Nach acht Tagen beeindruckender Erkundungstouren auf der Osterinsel samt polynesischem Disco-Feeling sind wir zurück auf dem Airport in Hanga Roa. Mit den schönsten Erinnerungen im Gepäck steigen wir in den Flieger nach Santiago de Chile. Nach der Ankunft fast fünf Stunden später nimmt uns schon Francescos Freund Cristian in Empfang. Mit dem zuvorkommenden Chauffeur geht es – flankiert von Chiles Bergkämmen – eineinhalb Stunden weiter ins viel gelobte Valparaiso. Unser trendiges Hotel Augusta im Viertel Cerro Concepción hat erst seit Kurzem geöffnet.

„Ihr seid die ersten internationalen Gäste“, verriet uns Rezeptionist Diego. Österreichische Wurzeln hat die Chefin. Sie ist aus Landeck. „Ich werde aber als Deutsche bezeichnet“, erzählt sie schmunzelnd. Nach kurzer Plauderei geht es für uns ein paar Busstationen entlang der Calle Alemania hinauf zum einstigen Haus des allseits verehrten Schriftstellers Pablo Neruda. Der „Dichter des Volkes“ und Nobelpreisträger für Literatur 1971, der sich gegen den Faschismus in seinem Land stark machte, hatte Humor. Oft empfing er nach der Arbeit am Schreibtisch Freunde bei sich, lief als exklusiver Koch und eloquenter Barkeeper zur unterhaltsamen Höchstform auf. „Lachen ist die Sprache der Seele“, lautet eines seiner Zitate. Unsere neue Bekanntschaft, Francesco, behält jedenfalls recht: Als bunte Stadt voller großartiger Graffitis, kurzweiliger Livekonzerte und erlebnisreicher Bootsfahrten durch den Hafen hinterlässt Valparaiso großen Eindruck.

Eine Reise für alle Sinne
Mit unserem Chauffeur Cristian geht es retour nach Santiago de Chile. Auf halber Strecke legen wir Stopps bei riesigen Weingütern ein. Die verlockenden Kostproben lassen sich nur im Restaurant Castillo in einem Park mit vielen schmusenden Pärchen der Hauptstadt toppen - Risotto Champagne und ein Glas mit der erlesenen Rotweinsorte Carménère. Das inspiriert. Ganz im Sinne von Pablo Nerudas ewiger Weisheit: „Am besten du spielst jeden Tag mit dem Licht des Universums.“

Karl Grammer, Kronen Zeitung

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