24.03.2019 07:00 |

„Krone“-Interview

Wild Nothing: Durchzogen von verträumter Romantik

Unter dem Namen Wild Nothing hat der amerikanische Klangtüftler Jack Tatum vor zehn Jahren ein Ventil begründet, um seine Liebe für 80er-Dream-Pop und Shoegaze ausleben zu können. Nach kurzen Kursirritationen hat er letzten Herbst mit „Indigo“ wieder in die Spur gefunden. Im Zuge seines Auftritts im Wiener WUK nahm sich der 30-Jährige Zeit, um über seine Karriere, sein Eheglück, 80s-Sounds und sein Nerdtum zu sinnieren.

„Krone“: Jack, mit Wild Nothing hast du das letzte Mal 2010 im Wiener Rhiz gespielt, nachdem dein Debütalbum rauskam. Seither warst du nie mehr wieder in Österreich.
Jack Tatum:
Das stimmt und ist eigentlich ein Wahnsinn. Diese tolle Location unter der U-Bahn, das weiß ich noch gut. Ich habe meinem Bookingagenten immer mal wieder gesagt, dass ich gerne zurück möchte. Jetzt hatte er es endlich hinbekommen. (lacht)

Deine Reise mit diesem Projekt begann vor zehn Jahren mit deiner ersten Single „Summer Holiday“ und dem gefeierten Kate-Bush-Cover „Cloudbusting“. Seither hast du vier Alben veröffentlicht, den Dream Pop mit Shoegaze-Einflüssen ins neue Jahrtausend verfrachtet und bist zu einem Underground-Helden der Indie-Szene geworden. Wie würdest du diese ersten zehn Jahre in der Retrospektive zusammenfassen?
Gute Frage. Für mich ist die Zeit sehr natürlich vergangen. In den ersten Jahren und nach dem ersten Album „Gemini“ war alles sehr neu für mich und ich musste mich erst in dieser Welt orientieren. Dass Menschen aus der ganzen Welt von diesem Album Notiz genommen haben, war ziemlich verrückt. Damals war die Rhiz-Show ein Teil der ersten Europatour meines Lebens und ich war etwas überwältigt von allen Eindrücken. Vieles lief für mich sehr surreal ab. Es klingt nach einem Klischee, aber es war alles so trüb und verschwommen. Ich kann heute mit jedem Album eine gewisse Zeitspanne in meinem Kopf abrufen und mich zurückerinnern, wo ich gerade in meinem Leben war. Ich bin jetzt erst 30 und das Zehn-Jahres-Jubiläum erinnert mich auch daran, wie verdammt jung ich am Anfang noch war. (lacht)

Gab es in dieser Zeit ein paar wirklich markante Highlights und vielleicht auch richtig schlimme Tiefpunkte?
Es gibt immer wieder diese Wechselbäder der Gefühle. Die Highlights waren zahlreich. Vor allem die Freude, so viel Zeit und Einsatz in all meine Alben bringen zu können. Ich kam immer an den Punkt, wo ich am Ende zufrieden war und meine Vision perfekt umsetzen konnte. Wenn ein Album dann in einem Regal stand, war das stets ein unbeschreibliches Gefühl. Ich hatte anfangs immer den Gedanken, dass es unmöglich wäre ein neues Album zu schreiben, aber es klappte dann doch immer. (lacht) Am meisten Wohl fühle ich mich im Studio. Mittlerweile liebe ich auch das Touren. Selbst wenn es mich oft ermüdet, komme ich an Plätze, von denen ich als Teenager im ländlichen Virginia niemals zu träumen gewagt hätte. Es kam mir alles so weit entfernt vor. Tiefpunkte gab es natürlich auch. Ich bereue nichts, was ich gemacht habe, aber in der Retrospektive hätte ich in meinen jüngeren Jahren gerne mehr Selbstsicherheit gehabt. Außerdem habe ich vieles überdacht und mit etwas zu viel Perfektionismus ruiniert. Gerade die ersten Liveshows waren nicht so angenehm.

Der Reiseaspekt ist ein wichtiger, denn auch deine Songs sind Reisen für Geist und Seele. Inspirieren die Orte, an die du kommst und die du fühlst, im Endeffekt deine Musik?
Definitiv, aber eher indirekt. Es gibt viele Referenzen in meiner Musik, aber das Reisen ist stets ein wichtiger Teil davon. Das gilt gar nicht nur für die Musik, sondern für mein Leben im Allgemeinen. Nichts öffnet deine Augen so sehr wie das Reisen und es macht dich auch bescheiden. Ich weiß welcher Luxus das ist, weil sich das viele Menschen nicht leisten können. Das Reisen formt dich in unterschiedlichsten Perspektiven und du siehst Welt mit anderen Augen. Es öffnet deinen Geist und fördert die Toleranz. Du lernst, wie viele verschiedene Kulturen eigentlich die gleichen Probleme haben. Wenn ich etwa in Japan bin, wirkt alles anders, aber am Ende ist doch wieder so vieles sehr gleich. Das Reisen fördert mit Sicherheit auch die Kreativität.

Wenn du die Songs für Wild Nothing erschaffst, sind sie ein Geisteskind von dir, Jack Tatum. Live spielst du sie aber mit einer Band, die ihre eigene Seele einbringt. War es anfangs schwierig damit umzugehen, dass du deine Songs und Ideen quasi teilen musstest?
Je älter ich werde, umso einfacher fällt es mir, Dinge auch mal gehen zu lassen. Ich habe mich den Songs immer sehr nahe gefühlt, weil sie sehr persönlich für mich sind. Manchmal ist es schwierig, aber gleichzeitig auch aufregend. Die Albumaufnahme ist immer etwas sehr Persönliches, aber wenn ich damit auf die Bühne gehe, dann komme ich automatisch in einen extrovertierten Modus. Aus diesem Grund verliere ich auch ein bisschen das Besitzdenken. Die Musik gehört dann allen und nicht mehr nur mir. Wenn du siehst, wie deine Musik auf Leute wirkt, ist das immer etwas ganz Besonderes. Ich weiß schon, dass ich kein Künstler für die breite Masse bin, aber bei fast jedem Konzert gibt es zumindest den einen Typen, der zu mir kommt und mir sagt, wie sehr ihn die Musik berührt und das ist unbezahlbar. Ich liebe die Tatsache, dass die Musik live zu etwas ganz anderem wird.

Nur beim Komponieren brauchst du die Einsamkeit und bist nicht wirklich ein Teamplayer?
Ja, das kann ich nicht abstreiten. Mit jedem neuen Album fand ich neue Wege, andere Leute in den Prozess aufzunehmen, ohne dass ich mich unwohl fühlte. Es gibt trotzdem noch so viel zu tun, das ich nur selbst tun kann oder will. Ich habe das Musikschreiben so gelernt, dass die Aufnahme direkt erfolgt und so etwas geht alleine einfach am besten. Als Teenager habe ich meine Ideen im Schlafzimmer zusammengeschraubt und dann einfach aufgenommen. Ein Song pro Album entsteht, indem ich einfach dasitze und von ganz vorne beginne. Alle anderen Songs berufen sich mitunter auf andere Ideen und werden nach und nach zusammengebaut. Das hat auch sehr stark damit zu tun, dass ich sehr interessiert an der Vertonung und Texturen in der Musik bin. Das ist dann wieder der Grund, warum ich so stark in diese 80er-Genres wie Shoegaze und Dream Pop versinken kann. Ich habe das Gefühl, dass diese Bands damals interessante Wege gefunden haben, neue Soundschichten zu finden, aber trotzdem strukturierte Popsongs zu schreiben. Es klingt alles sehr einfach und logisch, aber der Prozess dorthin ist nicht so einfach, wie es klingt.

Speziell dein aktuelles Album „Indigo“ hat einen sehr cinematischen, großspurigen Klang. Liegt das mitunter auch daran, dass du diese Art von Opulenz bewusst nach außen tragen wolltest?
Das ist nicht so falsch. Ein Teil von mir hat immer nach dieser Art von Opulenz gesucht. Mein erstes Album war selbstproduziert und da habe ich überhaupt erst gelernt, wie man zuhause ein Album aufnimmt und worauf man dabei achten muss. Ich habe über die Jahre stark gelernt, wie ich etwas so gestalte, dass es mir auch wirklich gefällt. All die Alben, die ich als Fan liebe, haben mich mitunter zu meinem Sound geführt. Als ich an „Indigo“ arbeitete, habe ich mich stark mit Roxy Music- und Kate Bush-Alben beschäftigt und versucht, diese Art von klanglicher Klarheit zu reproduzieren. Cinematisch ist wohl das richtige Wort dafür. Für mich ist es auch wichtig, mit einem möglichst kleinen Budget möglichst groß zu klingen.

Bist du jemand, der nach Perfektion strebt?
Manchmal leider schon. Ich muss mir einfach bewusst darüber sein, dass ich alles mache, was irgendwie möglich ist. Es ist für mich ziemlich leicht, von meinem Sound gefangen zu werden und da muss ich aufpassen, nicht zu tief hinein zu sinken. Die Produktion und die Technik dahinter machen mir genauso viel Spaß wie die Songs zu schreiben. Man muss immer vorsichtig sein, dass man nicht zu stark in diese Falle tappt und sich darin verirrt. Ich kann die Dinge am Ende aber sowieso nur so machen, wie sie mir Spaß bereiten.

„Indigo“ war auch ein Schritt zurück zum traditionelleren Sound von Wild Nothing. Mit „Life Of Pause“ (2016) wurden deine Fans nie so wirklich warm. Das Album wirkte für viele wohl etwas zu experimentell.
Es war eine bewusste Entscheidung, nun wieder einen Schritt zurückzugehen. „Life Of Pause“ war aus kreativer Sicht ein immens wichtiges Album für mich, weil ich damals einfach etwas unsicher war mit dem Bisherigen. Es gibt auf dem Album immer noch vieles, das zumindest ich mag. (lacht) Ich weiß aber auch, dass es viele Fans nicht so sehr mochten, was total okay ist. Ich wollte neue Sounds ausprobieren und es war schwierig, es fertigzustellen. Es gab in mir selbst immer viele Überlegungen, wo ich genau damit hin will und rückblickend herrschte ein bisschen Unsicherheit ob der Ausrichtung. Die Reaktionen waren okay, aber als ich das Album dann quasi aus meinem System streichen konnte, war ich wieder frei, den Schritt zurückzugehen, der zu „Indigo“ führte. Ich habe begonnen zu realisieren, dass Wild Nothing jetzt nicht mich und meinen Geschmack zu 100 Prozent widerspiegelt.

Das ist wohl auch der Grund, warum Wild Nothing eben nicht Jack Tatum heißt?
Es ist immer schwer zu sagen, ob ich etwas von mir separieren will oder nicht. Ich habe rein aus der Intention heraus eine gewisse Distanz zwischen mir selbst und der Band Wild Nothing gebildet. Das ist eher eine imaginierte Geschichte, die nur ich selbst ganz durchblicke. Ich habe wieder meinen Komfort in „Indigo“ gefunden, weil ich den Sound von Wild Nothing wiedergefunden habe.

Du hast in einem Interview auch gesagt, dass du auf „Indigo“ die Identität von Wild Nothing findet wolltest. Ist dir das nun mit dem Album gelungen?
In gewisser Weise schon. Es gibt für mich einen roten Faden zwischen all meinen Alben. Es macht auch Sinn für mich, wenn jeder bestimmte Lieblingssongs und Lieblingsalben hat, aber wenn ich meine Diskografie zurückhöre, dann sind da immer Songs, die das eine mit dem anderen Album verbinden. Es gibt nicht so große Unterschiede, dass es keinen Sinn ergeben würde. Es gibt einen bestimmten Sound auf den Alben, den ich mir geborgt habe. Wenn ich meine Alben höre, dann höre ich auch die Bands, die ich selbst mag heraus. Das ist ein Teil des Musikmachens, die Wege zu finden, seine eigenen Favoriten umzusetzen. Das ist auch ein Grund, warum es mich noch nie geärgert hat, wenn jemand Wild Nothing als „80er-Epigonen“ bezeichnet hat. Das ist mir wirklich egal, denn am Ende des Tages ist das genau die Musik, die ich liebe und vielen anderen gefällt sie genauso.

Mit anderen Bands wie Beach House oder Craft Spells hast du aber auch den verträumten Pop der 80er in die Gegenwart verfrachtet. Heute bist du mit Wild Nothing an der Spitze dieser Bewegung. Macht dich das stolz?
Stolz ist das falsche Wort. Ich schäme mich auch nicht dafür, dass ich eine Art von Erweckungsprediger bin und den großen Alten huldige. Das gibt es auch in vielen anderen Genres, aber die meisten geben es nicht zu. Ich mag eben die Musik, die ich mag und habe keine Scheu davor, diesen Weg fortzuführen. Ich höre mir auch lieber etwas Gutes an, dass es schon gab, als etwas völlig Originäres, das unhörbar ist. Es gibt immer noch sehr gute neue Musik, die einzigartig klingt, aber ich höre sie nicht und warum sollte ich dann versuchen, selbst so zu musizieren?

Du bist mit deiner Frau von Los Angeles zurück in deine Heimatstadt Virginia übersiedelt. Das ist aufgrund deiner Wurzeln natürlich nachvollziehbar, angesichts des Schmelztiegels L.A. in der Musikbranche aber dann auch wieder etwas sonderbar.
Es hat einfach viele praktische Faktoren, dass ich zurückgezogen bin. Ich mag Virginia sehr gerne und es ist sehr familiär. Irgendwie bin ich nie wirklich von dort weggekommen und hatte immer eine Verbindung dazu. Ich war schon in Georgia, ein paar Jahre in New York und jetzt etwa zweieinhalb Jahre in L.A. Es ist nicht viel, aber ausreichend, um diese Stadt richtig aufzunehmen. Von den großen Städten in den USA gehört L.A. zu meinen Favoriten, aber ich wollte einfach heim. Meine Eltern wohnen dort und werden älter und auch ich werde älter. Außerdem ist das Leben in Virginia in vielen Bereichen einfach viel billiger. Ich toure sehr viel und kann immer noch locker mit Leuten arbeiten, die ich respektiere. In Zeiten wie diesen muss man dafür nicht mehr in Los Angeles leben. Ich habe lieber ein angenehmes, ruhiges Leben an einem Ort, an dem ich mich zuhause fühle.

Neben deiner Tätigkeit als Musiker bist du auch selbst großer Fan von Musik. Welche neuen, jungen Künstler haben es dir zurzeit angetan?
Oh mein Gott, das ist immer so schwierig. Ich muss mal meine Playliste durchschauen und gleich vorausschicken, dass ich während des Albumprozesses zu „Indigo“ bewusst sehr viel neue Musik ausgeblockt habe, um möglichst nicht zu sehr beeinflusst zu werden. Yves Tumor höre ich gerne, vor allem Leute, die Elektronik und Ambient machen.

Wie geht es jetzt bei dir weiter? In erster Linie stehen Shows in Brasilien, Mexiko und Asien an - und dann?
Auf Japan freue ich mich schon sehr, da habe ich auch meine Frau dabei und wir werden ein bisschen privat reisen. Ich bin auch froh, dass die Europatour dann vorbei ist, denn es waren doch mehr als vier Wochen und das ist ziemlich anstrengend. Auf Tour kann ich mich nicht wirklich auf neue Musik konzentrieren und das werde ich auf jeden Fall forcieren. Ich habe während des „Indigo“-Prozesses auch an anderen Songs geschrieben, die dann vielleicht mal als EP rauskommen. Zuhause bin ich einfach sehr produktiv. Außerdem wird nächstes Jahr das Debütalbum „Gemini“ zehn Jahre alt und da stellt sich natürlich die Überlegung, das Album vielleicht ganz live zu spielen, was wir noch nie machten. Das ist ziemlich verrückt für mich, denn ein ganzes Album als Ganzes aufzuführen lässt mich so alt fühlen. Außerdem muss man sich wieder in die Zeit reinversetzen, als man das Album schrieb. Ich hätte auch Lust, mich etwas hinter die Kulissen zu bewegen. Andere Bands produzieren oder Songs für andere Künstler schreiben. Das mache ich hier und da, aber vielleicht forciere ich das.

Macht das für dich eigentlich einen Unterschied, wenn du mit deiner Frau tourst?
Es ist einfach nett, wenn sie auch einmal dabei ist. Es ist unmöglich, sie die ganze Zeit mitzunehmen, weil sie natürlich ihr eigenes Leben hat. Außerdem sind wir schon so lange zusammen, dass sie genau weiß, wie unromantisch so eine Tour eigentlich ist. (lacht) Sie weiß genau, dass der ganze Tag nur aus herumsitzen und warten besteht. Aber auf die Asien-Reise freue ich mich. Ich war schon zweimal in Tokio und für sie ist es neu. Das ist für uns beide etwas Besonderes.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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