NATO-Luftangriff
Konvoi für Taliban gehalten: 27 Zivilisten tot
Die NATO-Truppen bestätigten, dass am Sonntag eine Gruppe von Fahrzeugen angegriffen worden sei, in denen Aufständische vermutet wurden. Tatsächlich hatten sich in den Fahrzeugen ausschließlich Zivilisten befunden. Über die Zahl der Todesopfer machte die ISAF selbst keine Angaben. Die Besatzung der ISAF-Maschine habe die Passagiere der drei Kleinbusse im Grenzgebiet der Provinzen Uruzgan und Daykundi am Sonntag fälschlicherweise für Aufständische gehalten, hieß es von der afghanischen Regierung. Laut dem Innenministerium in Kabul befanden sich 42 Menschen in den Fahrzeugen, von denen 27 getötet wurden.
Der Kommandant der internationalen Schutztruppen, Stanley McChrystal, entschuldigte sich bei Präsident Hamid Karzai für den "tragischen Vorfall". Eine Untersuchung sei eingeleitet worden.
Das afghanische Kabinett verurteilte den schwersten Angriff auf Zivilisten seit Monaten "in schärfster Form" und nannte ihn "unverantwortlich". Der Ministerrat rief die NATO-geführte internationale Schutztruppe ISAF erneut eindringlich dazu auf, größtmögliche Vorsicht walten zu lassen. Der Vorfall könnte das Vertrauen der afghanischen Bevölkerung in die ausländischen Truppen weiter schwächen.
ISAF: Angriff nicht Teil von "Mushtarak"
Nach ISAF-Angaben war der Luftangriff aber nicht Teil der seit Mitte Februar laufenden Großoffensive "Mushtarak" gegen die Taliban in der Nachbarprovinz Helmand. Die Provinz Daykundi liegt geografisch im Zentrum Afghanistans. Die Provinz gehört aber zum Regionalkommando Süd der ISAF und wird daher militärisch dem unruhigen Süden des Landes zugerechnet.
"Wir sind zutiefst betrübt über den tragischen Verlust unschuldigen Lebens", sagte McChrystal. "Ich habe unseren Soldaten klar gemacht, dass wir hier sind, um die afghanischen Menschen zu schützen, und dass das versehentliche Töten oder Verletzen von Zivilisten ihr Vertrauen und ihren Glauben in unsere Mission untergräbt. Wir werden unsere Anstrengungen, dieses Vertrauen wiederzugewinnen, erneut verdoppeln."
Taliban benutzen Zivilisten als menschliche Schutzschilde
Zivile Opfer bei Einsätzen der internationalen Truppen sind in Afghanistan ein hochsensibles Thema. Vor allem zwischen Washington und Kabul kommt es deshalb immer wieder zu Spannungen. McChrystal hatte im vergangenen Jahr versprochen, mehr für den Schutz der Zivilisten zu tun. Doch bereits einen Tag nach dem Beginn der Offensive "Mushtarak" musste die ISAF den Tod von zwölf Zivilisten durch einen Luftangriff bekanntgeben.
Zunächst war von einer fehlgeleiteten Rakete die Rede gewesen, später stellte sich heraus, dass Taliban-Kämpfer Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt hatte, was die ISAF-Truppen aber offenbar nicht mitbekommen hatten.
Im vergangenen Jahr hatte der Konflikt in Afghanistan mehr Zivilisten das Leben gekostet als je zuvor seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001. Die Mission der Vereinten Nationen in Afghanistan hatte im vergangenen Monat mitgeteilt, 2009 sei die Zahl der getöteten Unbeteiligten verglichen mit dem Vorjahr um 14 Prozent auf 2.412 gestiegen. Aufständische wie die Taliban seien für rund zwei Drittel (67 Prozent) dieser Toten verantwortlich gewesen. 25 Prozent der zivilen Opfer hätten Militäroperationen verursacht. Die restlichen acht Prozent ließen sich keiner Konfliktpartei zuordnen.
McChrystal plant schon Offensive in Kandahar
McChrystal hat am Wochenende Einblick in seine weiteren Pläne gewährt. Nach der Großoffensive in der Unruheprovinz Helmand will der Kommandant die radikalislamischen Taliban offenbar als nächstes aus dem benachbarten Kandahar vertreiben. "Wir werden dahin gehen, wo erhebliche Teile der Bevölkerung gefährdet sind", sagte er der britischen Zeitung "The Times". Die "Taliban-Hochburg Kandahar" sei "sehr, sehr wichtig", nicht nur für den Süden, sondern für das ganze Land. Um welche Regionen in Kandahar es genau gehen soll, sagte McChrystal allerdings nicht.
Die laufende Großoffensive in Helmand sei in vielerlei Hinsicht "ein Modell für die Zukunft", sagte McChrystal. Es handle sich um einen Einsatz afghanischer Soldaten, der von den internationalen Truppen unterstützt werde und in engem Kontakt zur Bevölkerung erfolge, erläuterte der General.
"Mushtarak": 15.000 Soldaten im Einsatz
Bei der Offensive "Mushtarak" (Gemeinsam) kämpfen seit mehr als einer Woche rund 15.000 afghanische und internationale Soldaten gegen die Taliban, die das Opium-Anbaugebiet rund um Marjah seit mindestens zwei Jahren kontrollierten. Die Offensive gilt als erster großer Testfall für die Erfolgsaussichten der neuen Afghanistan-Strategie von US-Präsident Barack Obama, welche die Vertreibung der Taliban mit zivilem Aufbau verbinden soll.
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