Farm des Grauens

Prostituiertenmörder in Kanada – Jury sucht Urteil

Ausland
02.12.2007 15:57
Ein 58 Jahre alter kanadischer Schweinezüchter soll 26 Frauen aus dem Rotlichtmilieu von Vancouver umgebracht, in Stücke geschnitten und zum Teil seinen Schweinen zum Fraß vorgeworfen haben. Seit dem Wochenende liegt das Schicksal dieses Mannes in der Hand einer zwölfköpfigen Jury.

Nach zehn Monaten Beweisaufnahme mit 128 Zeugen müssen die sieben Männer und fünf Frauen hinter verschlossenen Türen beraten, bis sie ein einstimmiges Urteil gefunden haben: Ist Robert Pickton wirklich der Mann, der für den wohl grauenhaftesten Serienmord in der Geschichte Kanadas verantwortlich ist? Wie lange die Beratungen dauern, wagt niemand vorherzusagen.

„Sie haben geschworen, aufgrund der Beweislage ein richtiges Urteil zu fällen“, sagte Richter James Williams laut „Vancouver Sun“ in seinem Schlusswort an die Juroren. „Wir verlangen nicht mehr - wir haben ein Recht auf nicht weniger.“ Wegen der Schwere des Falles hatte der Richter das Verfahren auf sechs Morde aus den Jahren 1997 bis 2001 beschränkt, die restlichen 20 sollen später verhandelt werden. Die Details, die bei dem Prozess ans Licht kamen, waren so ungeheuerlich, dass die Medien nach öffentlicher Kritik auf eine genaue Schilderung verzichteten.

Nach Sexspiel getötet
Staatsanwalt Mike Petrie erklärte Pickton zum Abschluss der Beweisaufnahme des sechsfachen Mordes schuldig. Kronzeugin der Anklage ist vor allem eine frühere Bekannte des Farmers, die eine zeitlang mit auf seinem Hof in der Nähe von Vancouver lebte. Sie will gesehen haben, wie der blutverschmierte Pickton im Schlachthaus eine Frau in Stücke schnitt, die an einer Kette von der Decke hing. Ein ehemaliger Freund behauptete, Pickton habe ihm selbst erzählt, wie er die Frauen nach einem Sexspiel erdrosselte, zerlegte und beseitigte.

Die Verteidigung setzte in tagelangen Kreuzverhören alles daran, die Zeugen als unglaubwürdig zu überführen. Sie seien drogensüchtig, unzuverlässig und nur auf Geld aus. „Sie können diese Aussagen getrost voll und ganz wegwerfen“, forderte Rechtsanwalt Adrian Brooks die Geschworenen in seinem Plädoyer auf. Zwar geht auch er davon aus, dass die Frauen auf der Farm umgebracht wurden. Weder die DNA-Spuren noch andere Hinweise belegten aber die Täterschaft seines Mandanten, sagte Brooks. Zu viele Leute seien auf dem Hof ein- und ausgegangen.

Angeklagter erklärt sich unschuldig
Pickton selbst hat sich für unschuldig erklärt, im Prozess aber nicht ausgesagt. Tag um Tag saß er in dem eigens für das Verfahren gebauten Gerichtssaal hinter schusssicherem Glas auf der Anklagebank - stumm, ruhig und ohne Anzeichen von Emotion. Nie ging sein Blick zu den Familien der Opfer, die dem Prozess folgten.

„Wollte die 50 vollkriegen“
Umso größeres Gewicht hatten die Aussagen, die der Beschuldigte kurz nach seiner Festnahme am 22. Februar 2002 machte. Einem Spitzel, der im Gefängnis seinen Zellenkumpel spielte, erzählte er von 49 Morden. „Ich wollte noch einen mehr machen, um die 50 vollzukriegen“, hört man ihn auf dem Tonbandmitschnitt sagen. Und auf dem Video von einem elfstündigen Polizeiverhör räumt er ein, beim Beseitigen von Blutspuren am Schluss „schlampig“ geworden zu sein: „Ich hab' mir mein eigenes Grab geschaufelt.“ Die Verteidigung wirft den Ermittlern vor, das Geständnis durch Druck und Lügen erzwungen zu haben.

Auf Pickton war die Polizei durch einen Zufall gestoßen. Sie hatte den Hof 2002 nach einem Hinweis auf illegale Waffen durchsucht, fand aber stattdessen im Wohnmobil des Farmers das Notizbuch einer Frau, die als vermisst gemeldet war. Alle Alarmglocken schrillten. Denn in Vancouver waren in den vergangenen drei Jahrzehnten mehr als 60 Frauen spurlos verschwunden.

Eine beispiellose Ermittlungsaktion begann. Auf der Farm fanden sich Schmuck, Kleider und Papiere von Vermissten, in einem Tiefkühlfach lagen die zersägten Schädel, Hände und Füße von zwei Opfern. 20 Monate lang durchkämmten die Ermittler mit 270 Mann jeden Zentimeter Boden und nahmen 400.000 Proben - ein eindeutiger Hinweis auf Pickton war nicht dabei. Dennoch müssen die zwölf Geschworenen jetzt zu einem einstimmigen Urteil kommen, sonst wird das Verfahren wieder von vorne aufgerollt.

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