Im Betrieb werde seit den ersten zu hohen Werten intensiv, aber erfolglos nach der Kontaminationsursache gesucht, berichtet der Informant der Austria Presseagentur. Prolactal weist alle Vorwürfe von sich, die Proben seien stets unter den Grenzwerten gelegen.
Die Staatsanwaltschaft Graz hat am Dienstag indes Erhebungen aufgenommen und einen entsprechenden Auftrag an die Polizei erteilt. Man sei von selbst aufgrund heimischer Medienberichte tätig geworden, heißt es. Erhoben werde wegen fahrlässiger Tötung gegen die Verantwortlichen des Unternehmens. Allerdings sei keine Gefahr im Verzug, da das infrage kommende Produkt des Unternehmens schon länger vom Markt genommen sei.
Vier Todesfälle in Österreich im letzten Halbjahr 2009
Bei den Listerien im Prolactal-Quargel handelt es sich offenbar um einen Stamm, der noch nie zuvor eine Erkrankung bei Menschen hervorgerufen hat. Den ersten Erkrankungsfall gab es laut Ulrich Herzog, Bereichsleiter Verbrauchergesundheit im Gesundheitsministerium, Ende Juni 2009. Die vier Todesfälle betrafen Männer im Alter von 57, 61, 84 sowie 88 Jahren.
Zwei der Opfer stammten aus Niederösterreich, eines aus dem Burgenland und eines aus Wien. Bis auf einen hatten alle Männer schwere Vorerkrankungen. Insgesamt hat es im vergangenen Jahr zwölf Erkrankungen gegeben, die auf diesen Stamm zurückzuführen sind; heuer waren es zumindest drei. Bei acht weiteren Fällen aus diesem Jahr ist die Abklärung noch nicht abgeschlossen. Betroffen sind alle Bundesländer außer Vorarlberg, Tirol und Oberösterreich.
Erkrankungsfälle von Listeriose verschiedenster Typen hat es im vergangenen Jahr insgesamt 45 gegeben, elf davon verliefen tödlich. Es handelt sich laut Franz Allerberger von der AGES um den ersten Ausbruch von Listeriose seit 1986, sonst traten nur Einzelfälle auf. In der Regel verläuft ein Viertel aller Erkrankungsfälle tödlich.
"Mitte 2009 muss dort irgendwas passiert sein"
Prolactal wurde laut Gesundheitsministerium im vergangenen Jahr zweimal routinemäßig überprüft. Dabei wurden allerdings keine Überschreitungen von Listerien-Grenzwerten festgestellt.
Bis zur tatsächlichen Aufdeckung gab es eine Art Schnitzeljagd: Listeriose-Patienten bzw. deren Angehörige wurden ab November von Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums gebeten, Kassenbons aufzubewahren, wobei man davon ausging, dass sich die Einkaufsgewohnheiten nicht verändern. Schließlich fand man ein Indiz: Auf drei Bons - in Kärnten, Niederösterreich und Wien - fand sich als Posten Quargel. Über Recherchen bei Supermärkten wurden Hersteller und sogar Chargen eruiert.
In der Tat entpuppte sich der Quargel - in Deutschland Harzer Käse genannt - als Quelle des Übels, wobei offenbar aber nur einzelne Chargen mit Listerien kontaminiert wurden. Unklar ist, auf welche Weise der Listeriose-Erreger in die Produktion kam. "Mitte 2009 muss dort irgendwas passiert sein - was, wissen wir nicht", meint Franz Allerberger von der Lebensmittelagentur AGES.
Insider: Produktion hätte viel früher gestoppt gehört
Das Mikrolabor des Hartberger Betriebs befindet sich im oberösterreichischen Pasching, einer weiteren Niederlassung von Prolactal, und führt u.a. die Routine-Untersuchungen an den in der Oststeiermark gezogenen Proben durch. Dort sei man schon im Vorjahr - und damit lange vor dem Gesundheitsministerium - auf die Bakterien gestoßen, die Ergebnisse seien auch nach Hartberg weitergegeben worden, berichtet die Quelle. Die Ergebnisse hätten jedoch im Vergleich zu jenen aus einem externen Labor Abweichungen gezeigt. Diese Werte seien nämlich vereinzelt über der vorgeschrieben Grenze gewesen.
Eine äußerst intensive Reinigungsaktion, die nicht vergleichbar mit den davor praktizierten Säuberungen war, sei daraufhin im Hartberger Betrieb gestartet worden. Immer wieder wurden zahlreiche Proben aus Produkten gezogen und an externe Labors geschickt, um dem Problem auf den Grund zu gehen, doch die Suche sei nicht erfolgreich gewesen. Enorme Summen an Geld musste das Unternehmen dafür investieren. Der Informant meint, dass schon damals die Produktion eigentlich hätte stillgelegt werden müssen.
"Billiger Topfen in schmutziger Verpackung"
Neben der Listerien-Verseuchung sollen die hygienischen Bedingungen teilweise "schlampig" sein, berichtete die Quelle. Der Topfen und andere Rohstoffe würden oft "billigst im Ausland gekauft" und in schmutzigen Verpackungen geliefert. Mitarbeiterinnen hätten bereits abgelaufenen Quargel kosten und auf seine Genießbarkeit beurteilen müssen, behauptet der Informant.
Das Unternehmen weist die Vorwürfe entschieden zurück und meinte, dass die Mitarbeiter keine "Testpersonen" seien. Doch hätten sie oft über Grippesymptome und Übelkeit geklagt, so der Informant, der meinte, dass dort mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Bakterien von den Mitarbeiterinnen mitverzehrt wurden.
Prolactal: "Jede einzelne Charge überprüft"
Von Unternehmensseite hieß es am Dienstag, dass quasi ständig positive Proben gezogen würden - Listerien sind in geringer Konzentration in vielen tierischen Rohprodukten enthalten -, diese aber stets unter den Grenzwerten gelegen seien.
Erst als amtliche Untersuchungen am 22. Jänner überhöhte Werte lieferten - laut Aufzeichnungen des Gesundheitsministeriums lag eine am 18. Jänner gezogene Probe über dem Bakterien-Grenzwert von 100 Koloniebildenden Einheiten -, habe man umgehend gehandelt und die Rückholaktion gestartet. Wie es trotz Überprüfung "jeder einzelnen Charge" zu den Todesfällen habe kommen können, konnte man sich bei Prolactal nicht erklären.
Gesundheitsministerium weist Kritik zurück
Gesundheitsminister Alois Stöger hat sich am Dienstag zunächst nur unkonkret zu der Causa geäußert. Angesichts der raschen Reaktion lobte er aber die steirische Herstellerfirma (das war vor dem Bekanntwerden der Ermittlungen, Anm.). Das Unternehmen habe "gut reagiert" und die Nahrungsmittel aus dem Regal genommen, sagte Stöger am Dienstagvormittag vor dem Ministerrat. Am Dienstagabend hieß es vonseiten des Ministeriums, man werde angesichts der neuen Entwicklungen in dem Fall mit weiteren Kommentaren abwarten.
Die Tatsache, dass an dem Käse der steirischen Firma Ende 2009 sechs Menschen verstorben waren, war erst am Montag der Öffentlichkeit und da nur auf Druck von Reportern und der Opposition (genauer gesagt des BZÖ) bekannt geworden. Kritik an der Informationspolitik des Ministeriums wies Stöger am Dienstag zurück. "Als ich informiert worden bin, haben wir auch die Öffentlichkeit informiert", meinte Stöger vor dem Ministerrat.
Wann und wie diese Information erfolgte, vermochte der Minister auf Nachfrage von Reportern aber nicht zu konkretisieren. Die Rückrufaktion wurde damals jedenfalls von Prolactal selbst bekannt gegeben und als freiwilliger Rückruf deklariert. Was die Todesfälle betrifft: Von deutschen und österreichischen Gesundheitsbehörden erschien am 4. Februar 2010 ein Fachartikel auf der Website des europäischen Fachjournals "Eurosurveillance", der im Wesentlichen alle jetzt bekannt gewordenen Fakten zur Causa enthält.
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