Di, 13. November 2018

Der Roadster-Star

07.11.2018 00:01

BMW Z4: Toll zu fahren, aber nicht alles ist super

Diese kleine Affäre hat sich lange angebahnt. Erst habe ich Fotos im Internet hinterhergegiert, dann gab es ein kleines Techtelmechtel in Paris auf dem Autosalon - und jetzt steht er vor mir, der BMW Z4! Nur für mich, zum Anfassen, Einsteigen und Fahren, auch noch mit der Topmotorisierung M40i, also dem 340-PS-Sechszylinder. Endlich!

Vielleicht liegt es an der Umgebung, einer herrlichen Küstenstraße südlich von Lissabon, wahrscheinlich aber eher an der Lackierung, dass mir der neue Münchner Roadster so viel besser gefällt als in Paris. Dort stand er in glänzend rotem Lack auf dem überfüllten Messestand, mit schwarzen Akzenten, die Scheinwerfer wie Augen geschminkt.

Vergessen. In diesem herrlichen Mattgrau sieht der neue Münchner Roadster viel besser aus, ich mag ihn sogar richtig. Er erinnert mich auch nicht mehr an einen Fiat Spider. Klar, an das Z4 Concept kommt er nicht heran, dafür mussten die Designer dann doch zu viele Kompromisse eingehen, hinsichtlich Kosten (auch für Kunden im Fall eines Unfalls bzw. Versicherungseinstufung), aber auch hinsichtlich gesetzlichen Vorschriften, z.B. zum Fußgängerschutz, denen die wunderbare, tief gezogene Schnauze geopfert werden musste.

Besser nicht anfassen
Mein Reise-Trolley verschwindet im 281 Liter fassenden Kofferraum, der auch nicht kleiner wird, wenn das Verdeck offen ist, und ich gleite auf den belederten Fahrersitz. Tolle Sitzposition, griffiges Lenkrad, BMW eben. Auch die Gestaltung des Innenraums geht in Ordnung. Doch dann mache ich den „Fehler“, die Tasten auf der Mittelkonsole zu drücken - und bin entsetzt: Das fühlt sich extrem billig an! Die Tasten sind nicht einzeln ausgeprägt, sondern jeweils Bereiche auf einer größeren Fläche, die ganz seltsam nachgibt. Man spürt auch ein Federn, wenn man draufdrückt. Kurz: Die Haptik passt ganz und gar nicht zur Optik.

Start und los!
Ich drücke den wichtigsten Knopf (der fühlt sich besser en) und starte damit den Dreiliter-Motor unter der Clamshell-Haube. Man könnte das „a very warm welcome“ nennen, Wohlfühlsound, wie ihn Autofans lieben. Was für ein herrlicher Sechszylinder! Das gibt‘s ja nicht mehr so oft, Porsche liefert den 718 Boxster bzw. Cayman nur noch mit krawallig klingenden Vierzylindern aus. Die S-Versionen der beiden Zuffenhausener sind dafür satte 150 kg leichter (was man nicht nur auf die zwei Zylinder schieben kann) und zwei Zehntel schneller von null auf 100 km/h.

Aber auf Zehnteljagd gehen wir hier sowieso nicht, es geht mehr um Endorphine als um Adrenalin, also Glücksgefühle mehr als Erfolgserlebnisse. Den Erfolg hat der Z4 schon auf der Nordschleife eingefahren, wo er mit der beachtlichen Zeit von 7:55,4 schneller war als ein BMW M2 (aber langsamer als der 718 Boxster S).

Ich genieße es vielmehr, exakt, präzise und zügig durch die Kurven zu pfeilen. Man spürt den tiefen Schwerpunkt. Dass sich beim Gangeinlegen mit dem Automatikwählhebel billiges, raues Plastik in der Hand gehabt habe, hat mich kurz irritiert, dafür arbeitet die Achtgangautomatik perfekt. Die variable Sportlenkung ist ein kongenialer Partner, rückmeldungsfreudig und direkt und dank Hinterradantrieb völlig frei von störenden Einflüssen.

Mit den Eskalationsstufen der Fahrmodi verschärft sich der Sound, das Auspuffspotzen bei Sport+ spüre ich sogar im Ellbogen, der auf der Mittelarmlehne liegt.

Der Motor kommt ohne Umschweife zur Sache, vom Turbolader kriegt man nur den Schub mit. Kein Turboloch, sondern fette 500 Nm Drehmoment schon bei 1600 Touren. Das Heck verwaltet die Power im BMW Z4 M40i per Differenzialsperre, die ebenso serienmäßig ist wie das adaptive Sportfahrwerk und die M Sportbremsanlage. Diese Sport-Schmankerl muss man bei den Versionen ohne M im Namen (also den Vierzylindern) extra dazubestellen.

Das Grauen hinterm Lenkrad
So weit, so pur und bedingungslos spaßig - solange man nicht auf den digitalen Tacho schaut. Der ist viel zu verspielt, um gut ablesbar zu sein. Die Skalen für Tacho und Drehzahlmesser sollen an die BMW-Nieren erinnern, der Drehzahlmesser läuft wie bei Peugeot gegen den Uhrzeigersinn. Vor allem der Tacho ist so grob und uneinheitlich skaliert, dass er eigentlich nur (zweifelhaften) optischen Wert hat. Wenigstens hält mich die digitale Tempoanzeige auf dem Laufenden. Und das optionale Head-up-Display.

Digitalisierung all over - volle Assistentenunterstützung
Serienmäßig ist der Z4 mit Auffahr- und Personenwarnung sowie City-Bremsfunktion und Spurverlassenswarnung ausgestattet. Optional gibt es Totwinkelwarner, Speed Limit Info mit Überholverbotsanzeige, Abstandsinformation oder auch Heckkollisions- und die Querverkehrswarnung. Die Adaptivfunktion des Radartempomaten ist - wie bei BMW üblich - abschaltbar und hat eine Überraschung parat: Der Adaptivtempomat ist nur bis 160 km/h verfügbar. Schaltet man das Adaptive ab, gehen die vollen 250 km/h.

Sind wir schon in einem Bereich, wo die Gadgets zu übertrieben sind für einen Roadster? Nein? Dann vielleicht jetzt: Gegen Aufpreis kann der Z4 völlig alleine ein- und ausparken. Außerdem findet er selbständig die letzten vorwärts gefahrenen 80 Meter zurück.

Noch was Digitales: Der Z4 lässt sich optional mit einem NFC-fähigen Handy aufsperren, man braucht also nicht mal mehr einen Autoschlüssel.

Sehnsucht nach dem iDrive
Die Zeiten, da BMW ein ab dem ersten Einsteigen narrensicheres Bediensystem hatte, sind vorbei. Der iDrive-Controller ist zwar noch da, das System heißt aber BMW Live Cockpit Professional. Das 10,25 Zoll große Zentraldisplay lässt sich konfigurieren wie ein Handy, sodass man bis zu zehn Seiten mit je zwei bis vier Kacheln nach links und rechts sliden kann. Man wird sich daran gewöhnen. Besonders stolz ist man bei BMW darauf, dass das Auto, das im Display angezeigt wird, exakt die Außenfarbe hat.

Perfektes Verdeck
Was für ein Glück, dass BMW beim Z4 wieder vom festen Klappdach abgekommen ist. Das Stoffverdeck isoliert gut gegen Lärm und lässt sich innerhalb von zehn Sekunden öffnen bzw. schließen - problemlos bei bis zu 50 km/h. Das geht also sogar noch auf der Autobahnauffahrt, wenn es sein muss.

Drei Motoren zur Wahl
Für die erste Ausfahrt stellte BMW den M40i zur Verfügung, der in Österreich ab 70.500 Euro erhältlich ist. Alternativ gibt es - ebenfalls ab März - zwei Zweiliter-Vierzylinder: den 20i mit 197 PS (45.874 Euro) und den 30i mit 258 PS (53.150 Euro), alle mit Achtgangautomatik. Ab Mitte 2019 kommt der 20i auch mit manuellem Schaltgetriebe (43.300 Euro).

Österreich und Japan
Der BMW Z4 wird seit 2. November 2018 bei Magna in Graz gebaut und in die ganze Welt exportiert, seine Motoren kommen aus dem Werk in Steyr. Damit handelt es sich also um einen waschechten Österreicher. Auch die Toyota-Version des Z4 (die Japaner verkaufen ihn mit festem Dach als Supra) läuft in Graz vom Band.

Unterm Strich
Es war früher nicht alles besser, manches aber schon. Eine derart billige Haptik wie hier bei den Schaltern gab es bei BMW früher nicht, auch so einen Larifari-Tacho hätte man früher wohl nicht einmal intern vorzuschlagen gewagt. Aber den BMW Z4 vom Show-Cruiser zum Sportwagen zu machen, war eine gute Entscheidung. Klar strahlt der neue Z4 nicht die Eleganz eines Z8 oder die Faszination eines BMW 507 aus und man wird sich in 30 oder 50 Jahren auch nicht nach ihm verzehren - äh - obwohl … kann schon sein, denn er verkörpert das, was freudiges Fahren ausmacht.

Warum?
Weil er in der richtigen Farbe richtig gut ausschaut
Weil er hervorragend zu fahren ist

Warum nicht?
Die Haptik im Innenraum ist für den Preis zu billig

Oder vielleicht …
… Porsche 718 Boxster, Mercedes SLC

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl

Kommentare

Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Aktuelle Schlagzeilen
Nur mehr 12 erlaubt?
England will nach Brexit Legionärs-Zahl reduzieren
Fußball International
Die „Krone“ zu Besuch
Matt: „Mit den Pferden ist’s wie beim Skifahren!“
Wintersport
Zahlen aus Ministerium
Abschiebungen: Plus 46%, beinahe 50% vorbestraft
Österreich
Im Derby auf der Bank
Genoa-Krise: Juric bekommt doch noch eine Chance!
Fußball International
Klub der 37-er
Tag der Karriere-Enden! Drei Weltgrößen hören auf
Fußball International

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.