Mo, 20. August 2018

„Krone“-Interview

20.03.2018 07:00

Ghostpoet: Alltagsbeobachter ohne Gott-Komplex

Mit „Dark Days + Canapés“ gelang dem britischen Trip-Hop-Indie-Musiker Ghostpoet alias Obaro Ejimiwe letzten Herbst eines der stärksten Alben des Jahres. Der 35-Jährige kanalisiert darauf mehr als je zuvor die kleinen und großen Probleme der Welt, ohne groß zu predigen. Vor seinem Auftritt im Wiener Flex haben wir mit dem nachdenklichen Künstler über die Flüchtlingskrise, den Brexit, klangliche Missverständnisse, Selbstschutz und „Terminator 2“ gesprochen.

Als Obaro Ejimiwe vor knapp zehn Jahren damit beginnt, erste Songschnipsel und krude Soundideen in seiner Wohnung aneinanderzureihen, ist er getrieben von der Magie der Dunkelheit. Der gedankenvolle Hüne mit karibischen und nigerianischen Vorfahren ist das personifizierte Gegenstück zum Londoner Partyleben und referiert in seinen wohldurchdachten Texten lieber über die Melancholie des Daseins und das langsame Verschwinden von Zwischenmenschlichkeit. Als er 2010 die erste EP „The Sound Of Strangers“ auf den Markt wirft, kürt ihn der prestigeträchtige „Guardian“ bereits zu „New Band Of The Day“.

Senkrechtstart
Mit einer Band im herkömmlichen Sinne hat Ghostpoet, so das Pseudonym, das sich Obaro gleichermaßen als Schutz und zur einfacheren globalen Verständlichkeit erwählt, aber wenig zu tun, denn viel lieber schraubt er ungestört und alleine an seinen klangvollen Versatzstücken, die irgendwo zwischen Trip Hop, Indie, Avantgarde Pop und Rap-Zitaten mäandern. Ein bisschen Tricky, ein bisschen The Streets, ein bisschen Roots Manuva. Nur bitte ja nicht zu einfach gestrickt. Relativ früh tourt er im Vorprogramm von Metronomy und Jamie Woon, spielt in Glastonbury und wird für sein Debütalbum „Peanut Butter Blues & Melancholy Jam“ mit einer Mercury-Prize-Nominierung bedacht. Dass sie ihm ausgerechnet PJ Harvey wegschnappt, hat der damals 28-Jährige mühelos verkraftet.

Auf die Mercury-Prize-Shortlist schafft es 2015 auch das Drittwerk „Shedding Skin“, dazu knüpft er mehr als nur zarte Bande mit den Trip-Hop-Pionieren Massive Attack und wird auf Twitter und allen anderen möglichen Social-Media-Plattformen nicht müde zu betonen, dass er mit Hip Hop nichts zu tun hätte. Der digitale Kreuzzug gegen die enervierende Falschkategorisierung hindert ihn nicht daran, weiter an Sounds zu schrauben und im Herbst 2017 mit „Dark Days + Canapés“ das bislang wichtigste Album seiner Karriere zu veröffentlichen. So ist „Immigrant Boogie“ das deutlichste musikalische Statement zur Flüchtlingskrise oder „Karoshi“ ein kritisches Statement zur „Höher, schneller, weiter“-Gesellschaft der neoliberalen Neuzeit. Vor seinem umjubelten Auftritt im Wiener Flex trafen wir Obaro, um offen und kritisch über sein Leben, seine Inhalte und seine Ansichten zu diskutieren.

„Krone“: Obaro, mit „Last Days & Canapés“ hast du unlängst ein Album veröffentlicht, dass bandorientierter klingt als alle anderen zuvor.
Ghostpoet: Was meinst du damit?

Dass der Sound breiter, opulenter und vielschichtiger klingt. Deine früheren Werke waren doch deutlich reduzierter und weniger ausgeschmückt.
Interessant, ich höre das Wort „bandorientiert“ in letzter Zeit nämlich ziemlich oft und werde nicht so ganz schlau daraus. Die Erklärung klingt aber schlüssig, aber ich würde sagen, es gibt einfach mehr akustische Instrumente im Mix.

Es klingt auch eingängiger, weniger experimentell.
Eingängiger? (lacht) Interessant. Die Experimente habe ich vielleicht wirklich etwas zurückgefahren, aber ich bin noch sehr weit vom Mainstream entfernt. Dieses Album ist eine Kulmination aus meinen Erfahrungen der letzten drei Alben mit dem Sound, den ich heute haben möchte. Ich liebe das Experimentieren genauso wie normale Gitarrenmusik und irgendwo dazwischen ist das Album  angesiedelt. Für noch mehr Experimentierfreudigkeit sollte ich wohl eher Side-Projects gründen. (lacht) Vielleicht steckt eine höhere moralische Pflicht hinter „Last Days & Canapés“, aber auch das nicht bewusst.

Es ist mitunter auch so, dass deine Fans gewisse Erwartungen haben, wenn sie ein neues Ghostpoet-Werk in die Hände kriegen.
Ich habe keine Ahnung, was sie von mir erwarten. Es gibt Leute, die wollen, dass ich immer das erste Album wiederhole – andere stehen auf das zweite und wollen nie mehr etwas anderes hören. Ohne respektlos zu sein, aber diese Art von Erwartungen kann ich nicht erfüllen. Die Leute wissen natürlich, dass ich jetzt keine Riesensprünge mache, aber mich ständig weiterentwickle. Das neue Album ist natürlich eine Fortsetzung des letzten, aber ich erforsche für mich einen Platz, in dem ich mich wohlfühle. Ich weiß nicht, ob ich dort schon angekommen bin, aber zumindest der Weg ist der richtige.

Weißt du eigentlich schon vor dem Schreibprozess, in welche Richtung du mit deinem Sound willst?
Nicht so wirklich. Ich wollte auf jeden Fall mehr Gitarren haben. Es sollte aber nicht automatisch dunkler werden, sondern eher die Dinge wiedergeben, die ich unterbewusst in meinem Leben aufsauge. Ich lese und beobachte Medien und Konversationen sehr stark und das Ergebnis davon ist ein ziemlich dunkles Werk. Im Endeffekt entscheidet ohnehin die Musik, wohin sie mich trägt und nicht umgekehrt.

Der textliche, sehr sozialkritische Aspekt ist dir genauso wichtig wie der musikalische. Würdest du dich prinzipiell als Alltagsbeobachter bezeichnen?
Ich denke, dass beide Seiten gleich wichtig sind. In meiner Musik geht es darum herauszufinden, was uns menschlich macht, warum wir hier sind und warum wir gewisse Dinge so tun, wie wir sie tun. Was macht das Leben besser und was schlechter? Dazu versuche ich Texte zu schreiben, die sich nicht zu sehr auf Großbritannien beziehen, sondern universell sind. Ich komme diesem Ziel immer näher, ohne zu kommerziell zu werden.

Jeder Europäer ist mehr oder weniger vom Brexit beeinflusst. War es gerade deshalb für dich schwierig, aus diesem nationalen Thema auszubrechen, weil du eben mittendrin steckst?
Nein, ich bin ein Weltbürger. Wir geben uns verschiedenfärbige Reisepässe und ziehen Grenzen, aber im Endeffekt sind wir alle Menschen und alle gleich. Ich versuche immer die Welt zu erreichen und nicht nur meine Heimat. Das wäre langweilig. Es ist auch schwieriger, in Wien zu spielen, weil ich nicht von hier bin und die Fans nicht auf mich warten. Ich kreiere Musik für Menschen, nicht für ein Land.

Ist es für dich leichter, klar Position zu beziehen und dich politisch zu äußern, weil du eben kein sogenannter A-Künstler bist und nicht permanent im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehst?
Das kann gut sein. Je größer du bist, umso genauer wirst du beäugt. Aber deinen Weg musst du selbst wählen. Wenn du bei einem Majorlabel unterschreibst, musst du in gewisser Weise nach deren Regeln spielen und wirst normalerweise zu einer bestimmten Art von Künstler geformt. Du steckst auch permanent unter Druck, viel verkaufen zu müssen. Es kommt auch darauf an, ob dir eine lange Reise wichtiger ist, oder der schnelle Erfolg. Mein Label wird das auch nicht gerne hören, aber eigentlich ist mir die künstlerische Entfaltung schon wichtiger als jede Chartposition. So fühle und lebe ich Musik. Ich denke bei keinem Song an einen Hit, wenn ich ihn schreibe. Ich denke darüber nach, was ich zu sagen habe und welche Melodie ich weitergeben will. Ein Popstar zu sein ist sicher verdammt hart. Du musst viel mehr Interviews geben und wirst immer beobachtet - ich beneide sie nicht. Das Musikgeschäft kann hart sein, aber ich mache die Musik, die mir wichtig ist und die ich liebe. Mir geht es um die Tiefe, nicht um die Höhe.

Fühlstdu auch eine gewisse Art von Verantwortung, die du mit deinen Texten transportierst? Weil du Leute damit erreichen und vielleicht auch zum Nachdenken bringen kannst?
Ich schreibe das, was ich will. Wenn ich Lust habe über Zitronen zu schreiben, dann mache ich halt das. (lacht) Ich bin auch nur ein Mensch und will nicht zwingend Erwartungen erfüllen. Ich kann jetzt als Ghostpoet natürlich kein Free-Jazz-Album machen, es muss schon Sinn machen, was ich tue. Aber ich lasse mir nicht vorschreiben, worum sich meine Texte drehen. Mein Label und mein Management verstehen das und wenn ich Musik erschaffe, dann führt mich der Weg zum Ziel. Ich bin einfach ich selbst und es muss nicht immer philosophisch oder politisch sein. Kreativ zu sein ist das Wichtigste, alles andere ist nebensächlich. Ich hoffe in erster Linie, dass ich meinem Weg weiter treu bleiben kann.

Der Grat zwischen Predigen und Kommentieren ist ein unheimlich schmaler, wenn man sich als Künstler klar positioniert. Denkst du über diesen Grat nach, wenn du Songs schreibst?
Ja und nein. Ich will natürlich nicht predigen und auch nicht bewusst politische Songs schreiben. Ich versuche einfach ehrlich zu sein und das Weltgeschehen zu kommentieren. Die Leute werden in ihrem Leben den ganzen Tag von diesem oder jenem instrumentalisiert oder in eine bestimmte Richtung gedrängt. Das hat in der Musik keinen Platz. Ich will Texte machen, die jemanden zum Nachdenken bringen, aber nicht mehr.

Setzt du dir beim Songschreiben musikalische oder inhaltliche Grenzen?
Ich habe unterbewusste Barrieren, die ich nicht überschreiten möchte, aber ich denke nicht darüber nach. Ich bin beim Texten kein Nick-Cave-Charakter, der alles in einen Song haut, was er fühlt und spürt. Das könnte ich probieren, aber das wäre wohl nicht ich. Das ist eine interessante Frage, die mich dazu bringt, mich jetzt selbst zu hinterfragen. (lacht) Reden wir das nächste Mal darüber weiter.

Die hellen Momente auf dem Album muss man suchen, aber es gibt sie. Zudem sprichst du gerne in Metaphern über dir wichtige Themen. Dient das einer Art Selbstschutz? Dass du dich wo verstecken kannst?
Mit Sicherheit. Meine persönliche Welt steckt in den Texten und ich muss sie nicht offenbaren. Ich will nicht das gemeine Ich ausstrahlen, sondern Individuen erreichen, die für sich selbst sprechen und die ich in den Songs reflektiere. Es soll nichts zu offensichtlich sein.

Wie viel von der Privatperson Obaro Ejimiwe steckt in Ghostpoet? Oder überschneiden sich die beiden Welten komplett?
Das prozentuell zu bewerten ist schwierig. Mein persönliches Leben ist sehr anders als mein musikalisches. Das ist auch bewusst so gemacht, denn die Musik kann sehr einnehmend und toxisch sein, wenn du alles von dir reinlegst. Deshalb war mir eine Trennung dieser beiden Welten immer wichtig. Wenn ich jetzt mit dir rede, bin ich immer derselbe, da trage ich keine Maske, aber es muss klare Grenzen zwischen dem echten und dem künstlerischen Charakter geben. Ich will Obaro von Ghostpoet aber nicht wegtragen, wenn das in irgendeiner Weise Sinn macht. Außerdem ist mein echter Name wirklich schwer auszusprechen und würde meinen Stand im Musikgeschäft nicht erleichtern. (lacht) Ich wollte mich auch nicht in einem bestimmten Genre festlegen lassen und habe immer versucht, einen Spalt der Türe offenzuhalten, um die Leute nach hinten einzuladen. Eigentlich dachte ich aber wenig über diese Entscheidung nach. Hätte ich gewusst, dass ich zehn Jahre nach meinem Karrierebeginn im meinem Tourbus in Wien mit dir darüber sprechen würde, hätte ich mir wahrscheinlich mehr Gedanken gemacht. (lacht)

Siehst du dich selbst mehr als Texter denn als Musiker?
Nein, ich sehe mich einfach als Künstler, der alle Bereiche davon abdeckt. Das volle Paket quasi. (lacht)

Zehn Jahre sind auch schon eine lange Zeit. Da erlebt man im Musikgeschäft so einiges.
Alben von mir gibt es jetzt seit etwa sieben Jahren. Ich war lange kein professioneller Musiker, sondern habe einfach nur für mich selbst herumexperimentiert. Da ging es noch nicht um eine Karriere oder Musik als Job.

Wunderst du dich heute manchmal darüber, was du in den Frühzeiten so alles produziert hast, nachdem da eine sehr große Entwicklung stattfand?
Die ganze Zeit. Ich bin sehr selbstkritisch und perfektionistisch veranlagt, ich stelle mich nur sehr schwer zufrieden. Wenn ich meine alten Alben höre, dann würde ich so viele Dinge gerne ändern. Songs erweitern, anders produzieren oder die Technik umstellen. Auch live bin ich nur sehr selten glücklich. Andererseits wäre ich ohne all diese Schritte nicht hier und viele Fehler sind so speziell, dass normale Hörer sie gar nicht mitkriegen. All das ist Teil meiner Reise.

Gab es Missverständnisse von außen? Etwa, dass man dich in falsche Schubladen stecken oder in gewisse Richtungen kategorisieren wollte?
Natürlich, aber das ist Teil der Gesellschaft, in der wir leben. Du kannst dich nur immer wieder erklären, anders geht es heute nicht. Ich bin wie ich bin und das leite ich über die Musik nach draußen. Irgendwann werden die Leute mich verstehen, davon bin ich überzeugt. Ich habe es mir selbst schwer gemacht mit meiner Musik und meiner Charakteristik. Vielleicht bin ich ja auf einer Mission, die ich selbst noch nicht verstanden habe, aber ich bin nicht auf ein Genre festgelegt, was schon immer sehr bewusst so entschieden war. Ich versuche immer wieder, mich selbst neu zu erfinden, aber das ist eine Lebensaufgabe. Ich kann die Frustration von Menschen verstehen, die sich aus allen Kategorien befreien wollen. Niemand will das, aber jedem passiert das. Ich kann auch nicht auf alle Rücksicht nehmen, weil ich so bin, wie ich bin. Wenn mich jemand nicht aushält, ist das total okay. Es Gibt genug andere Musik da draußen.

Hast du auch persönliche Erfahrungen in das neue Album einfließen lassen?
Nein, es geht hier ausschließlich um unterschiedlichste Beobachtungen in meinem Leben. Ich reflektiere einfach die Welt, wie ich sie durch meine Augen sehe.

Der „Immigrant Boogie“ ist einer der direktesten Songs zum Thema Flüchtlingskrise, der derzeit überhaupt auf dem Markt ist. Da wird wenig geschönt.
Das Album an sich ist sehr ehrlich. Ich wollte im Gegensatz zu früher weniger abstrakt, dafür aber wesentlich direkter und geradliniger sein. Ich hätte nicht gewusst, wie ich das Thema Migration sonst angehen sollte. Als die erste Songlinie kam, wusste ich, wohin die Richtung geht. Ich bin sehr stolz auf diese Nummer. Sie ist nicht direkt politisch, aber jeder kennt das Problem und es geht um Menschlichkeit. Es ist mir wichtig, aus dieser Perspektive zu schreiben. „Immigrant Boogie“ ist einer der wichtigsten Songs, die ich je schrieb. Es war einfach der richtige Zeitpunkt, dieses Thema in die Hand zu nehmen und der Song selbst war essenziell für das gesamte Album.

Du hast Verwandte und Vorfahren aus Nigeria und der Dominikanischen Republik, bist also selbst ein Weltenbürger, dessen Geburts- und Lebensbereich zufällig England ist.
Es ist ein Missverständnis, dass ich in Nigeria lebte. So eine typische Besonderheit des Internets. (lacht) Als globaler Bürger und Künstler ist das Gefühl von Daheim für mich nicht geografisch begrenzt. Aber realistisch gesehen ist das natürlich England, denn ich spreche die Sprache, kenne die Menschen und verstehe die Kultur. Also würde ich England als mein Zuhause bezeichnen.

Sorgst du dich um die Zukunft deiner Heimat? Ab März 2019 ist der Brexit endgültig exekutiert und die Stimmung in Großbritannien hat sich in den letzten Monaten erheblich gedreht.
Es gibt immer Dinge, über die man sich sorgen muss. Es ist wie es ist, was soll ich dagegen tun? Derzeit sind wir in der EU und ich habe kein Problem mit dem Reisen. Für Musiker und Künstler könnte es noch schwieriger werden, aber ich will mir nicht jetzt schon zu viele Sorgen darüber machen.

Der Song „Karoshi“ dreht sich grob um karrierebesessene Menschen und Workaholics, die ihr ganzes Leben verpassen, weil sie sich permanent auf einer beruflichen Überholspur befinden. Ein Problem, dass in den westlichen Staaten evident ist.
Es ist ein verdammt großes Problem, weil es mit einer gewissen Notwendigkeit einhergeht. Die Leute müssen so viel arbeiten, um überhaupt leben zu können. Du arbeitest acht Stunden oder mehr, bist müde, kommst nach Hause, isst etwas, setzt dich vor den Fernseher und schläfst. Das wiederholt sich dann zumindest fünf Mal pro Woche und so nebenbei ziehen all die Leidenschaften und Passionen, alle Hobbys ungenutzt an dir vorbei. Es ist ein Teufelskreis, der an die 50 Jahre dauert und dann bist du vielleicht zu alt oder zu krank, um dein Leben noch zu leben. Je älter ich werde, umso mehr sehe ich diese Problematik. Ich weiß schon, dass es schwer möglich ist, das zu ändern, aber das kann nicht die Idee des Menschseins sein, dass man die Hauptzeit seines Lebens nur arbeitet. Der Refrain bezieht sich auf die konstanten Konflikte und Kriege, die wir selbst mit uns ausfechten, weil wir hinterfragen, warum wir so leben. Warum gibt es so viele ärmere Menschen, die in ihrem Leben aber viel mehr Glück und Vollkommenheit verspüren? Es ist mehr eine Frage, als eine Feststellung, was dir all die Erfolge im Berufsleben und die vielen Statussymbole wirklich bringen. Darüber denke ich schon lange nach und jeder sucht nach dem Sinn des Lebens. Seit Jahrhunderten, wenn nicht sogar Jahrtausenden. Das Thema musste einfach raus.

Ist der Kapitalismus, so wie er in unseren Breitengraden existiert, ein gescheitertes Konzept?
Für diese Diskussion fehlt uns jetzt die Zeit. (lacht) Es ist aber wichtig, so viel wie möglich für die Gemeinschaft zu tun, in der sich jeder selbst bewegt. Unlängst habe ich mit ein paar Freunden in Polen die Idee von Mikrogemeinschaften und den damit einhergehenden, geistigen Veränderungsprozess besprochen. Wir selbst können die Welt nicht verändern, aber diese Lebensform ist die Zukunft. Man muss zumindest wo Präsident sein, um wirklich etwas zu verändern. Ich kann aber in meiner Gemeinschaft und meiner Umgebung etwas verändern und dort Gutes tun. Du kannst dann zumindest auf einen Dominoeffekt hoffen und eventuell verbessert das die Lage der Welt nachhaltig. Wenn ich derzeit zu viel über darüber nachdenke, deprimiert mich das, weil ich mich verdammt hilflos fühle, die Welt verändern zu können.

Kann auch deine Musik die Welt im kleinen Rahmen verändern? Oder ist das wirklich den Taten vorbehalten, die du in deiner direkten Umgebung vollziehst?
Ich weiß es nicht. Als Fan von Musik habe ich mir immer Songs ausgesucht, die meine Emotionen berühren, aber nicht darauf aus sind, meine Perspektive auf gewisse Dinge zu verändern. Das sollte vielleicht nicht das Ziel von Musik sein, aber sie sollte dich emotional berühren können. Ob Musik die Welt verbessern kann, das weiß ich wirklich nicht. Es gab aber Leute, die auf mich zukamen und mir sagten, dass meine Musik ihre Welt veränderte. Das ist einfach unglaublich und für mich immer wieder wahnsinnig herzzerreißend. Manche Songs brachten sie durch eine bestimmte Stimmung in ihrem Leben. Ich will keinen Messias-Komplex kriegen und glauben, dass ich ein Gott werde, der dir den Segen erteilt. (lacht) Ich inhaliere diese Botschaften und das Feedback, lasse es in mein Tun einfließen und bewege mich dann weiter, um neue Musik zu erschaffen. Vielleicht kann die Musik Dinge verändern, aber es ist schon heftig für mich, dass sich Leute bei mir bedanken. Ich will gar keine so großen Statements abgeben, ich kanalisiere ja nur, was mir wichtig ist. Jeder befindet sich auf seiner persönlichen Reise und ohne Musik wäre ich ganz woanders auf dieser Welt. Iich bin überzeugt davon, dass wir in einer Welt ohne Musik nicht leben könnten.

Musik aus der Vergangenheit konnte die Welt jedenfalls wirklich verändern – viel nachhaltiger, als es heute überhaupt möglich wäre. In den 60er- oder 70er-Jahren war jede Band dezidiert politisch, hat sich klar geäußert und damit auch eine Stimmung in der Bevölkerung mitgetragen. Es gab in Bereichen des Rassismus, des Vietnam-Krieges oder der internationalen wirtschaftlichen Beziehungen so viele Dinge dringend zu verändern. Es gab massive, weltweite Probleme und viele Musiker, die diese Veränderungsprozesse einleiteten oder zumindest begleiteten. Sie waren Sprachrohre für eine ganze Generation. Ich weiß nicht, ob Musiker heute die Macht für diese Veränderungen haben. Es ist heute alles so anders. Musik wird anders veröffentlicht und auch anders rezipiert. Es gibt so viel Auswahl wie nie zuvor und damit stellt sich die Frage, ob du diese Art von Macht der 70er-Jahre überhaupt wieder erreichen könntest. Natürlich hat heute jemand drei Millionen Instagram-Follower, aber wer steckt dahinter? Erreichst du wirklich alle damit und sind alle auf einer Linie mit dir? Das wusstest du damals viel eindeutiger. Wenn jemand zum Beispiel klar sagen würde, er wäre gegen Abtreibungen, wie viele Follower würde er verlieren? Das ist auch der Grund, warum sich keiner mehr klar artikuliert und Stellung bezieht.

Musiker trauen sich einfach nicht mehr, für etwas einzugestehen. Die Business-Überlegungen haben den Kern der Botschaft längst überholt.
Es ist einfach mehr Angst im Spiel, in allen Bereichen. Likes und Social-Media-Plattformen sind die Währung der Neuzeit, sie sind so viel Wert wie Bargeld. Du kriegst die Leute, weil du eine Art von Person darstellst, aber wenn du plötzlich anders denkst, sind sie weg. So ist auch die Musik geworden. Heute kann kaum mehr jemand Bob Dylan oder Bob Marley sein, denn die mussten sich nicht um Followers oder Likes sorgen, sondern waren echt und angreifbar in ihrer Ausstrahlung. Über dieses Thema könnte man stundenlang diskutieren. Alles geht in Zirkeln und vielleicht denkt die nächste Generation auch, das wäre alles Blödsinn. Derzeit ist die Welt aber wie sie ist und gegenwärtig finde ich es schwierig, Mainstream sein zu wollen. Je mehr du im Mainstream bist, umso weniger kannst du klar Position beziehen, ohne geprügelt zu werden. Aber Musik steuert immer noch eine gewisse Stimmung. Wenn ich richtig angepisst bin, dann werde ich immer Anthrax auflegen. Wenn ich dazu noch „Terminator 2“ in den DVD-Player lege, ist das eine tödliche Kombination. (lacht)

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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