Zu Tode gemobbt

Untersuchung beschuldigt die Behörden

Ausland
29.09.2009 21:50
Ihr Haus wurde mit Eiern und Steinen beworfen, ihr Sohn mit einer Eisenstange drangsaliert und ihre Tochter gedemütigt. Zehn Jahre lang schikanierten Jugendliche aus der Nachbarschaft die Britin Fiona Pilkington und ihre Kinder. Der Grund: Ihre Tochter war geistig behindert, ihr Sohn Legastheniker. Am Ende hielt die Mutter es nicht mehr aus: Sie zündete ein Auto an und tötete sich selbst und ihre 18 Jahre alte Tochter Francecca. Die Geschichte ist hier jedoch nicht zu Ende: In ihrer Verzweiflung hatte sich die Mutter Dutzende Male an Polizei und Sozialbehörden gewandt - doch nichts geschah. Bei einer gerichtlichen Untersuchung wurden die Behörden nun für den Tod mitverantwortlich gemacht.

Der Aufschrei in der Politik und in den Medien ist groß. Zwar entschuldigte sich die Polizei der mittelenglischen Grafschaft Leicestershire öffentlich. Doch es geht um viel mehr als einen tragischen Einzelfall. Es geht darum, warum eine Gesellschaft eine alleinerziehende Mutter mit behinderten Kindern einfach "hängen lässt". Und es geht darum, warum Jugendgangs in ganz Großbritannien Nachbarn terrorisieren und die Behörden dem nur ohnmächtig zusehen können.

"Akt der Verzweiflung" im Jahr 2007
Im Oktober 2007 setzte Pilkington ihrem Leben und dem ihrer Tochter ein Ende. "Ein endgültiger Akt der Verzweiflung" sei das gewesen, urteilte am Montag eine Jury bei einer gerichtlichen Untersuchung. Die Vorwürfe an die Behörden sind schwer: 33 Mal hatte Pilkington bei der Polizei angerufen - 33 Mal gab es nur Warnungen an die Übeltäter oder es passierte gar nichts. Auch bei den Sozialbehörden hatte die 38-Jährige das Mobbing gemeldet. Ihr Fall war bekannt, wurde aber falsch eingeschätzt. "Ich habe gelernt, dass von Montag bis Freitag niemand erreichbar ist, mein Fall hat geringe Priorität", beschrieb Pilkington ihren Frust in einem Tagebuch.

Familie verschanzte sich im Haus
Bis zu 16 Teenager quälten die Familie - einige waren erst zehn Jahre alt. Sie wohnten in derselben Straße, einer typischen englischen Straße mit Reihenhäusern und kleinen Vorgärten. Eine Gangster-Gegend sieht eigentlich anders aus. Aber die Familie verschanzte sich regelrecht zu Hause: "Francecca war frustriert, weil sie nicht in den Garten gehen konnte, ohne schikaniert oder aufgezogen zu werden", erzählte ihre Großmutter Pam Cassell. 

Vorhänge im Haus ständig geschlossen
Das Mädchen hatte im Alter von 18 Jahren die geistige Fähigkeit einer Vierjährigen, konnte kaum sprechen und sich nicht selbst waschen oder anziehen. Die Vorhänge in dem Haus habe die Mutter ständig geschlossen gehalten, sagte die Großmutter. Franceccas Bruder Anthony, der heute 19 Jahre alt ist und an schwerer Legasthenie leidet, wurde mit einem Messer bedroht und ebenfalls gedemütigt. Die Mutter selbst hatte eine Lernschwäche und angeblich auch öfter Selbstmordgedanken.

"Niemand hat irgendetwas gemacht"
Selbst an dem Tag, an dem sie sich und ihre Tochter umbrachte, hatte Pilkington noch einmal die Polizei wegen der Hänseleien alarmiert. Doch dort hieß es nur, sie solle diese ignorieren. "Sie war verzweifelt, niemand hat irgendetwas gemacht, niemand hat ihr geholfen, nicht die Polizei, nicht das Sozialamt, nicht die Nachbarn", sagte Cassell. Die Wohltätigkeitsorganisation für Menschen mit Lernschwierigkeiten, Mencap, forderte, dass Hass gegen Behinderte genauso schwer geahndet werden müsste wie Rassen-Hass.

Härtere Gangart gegen "Neighbours from Hell"
Premierminister Gordon Brown versprach am Dienstag sogleich eine härtere Gangart gegen "Neighbours from Hell", also gegen "Alptraum-Nachbarn", und Problemfamilien. Zwar hat die britische Regierung schon 1998 härtere Maßnahmen gegen asoziales Verhalten eingeführt - doch oft bleiben diese wirkungslos oder werden nicht in  Anspruch genommen. 

Innenminister Alan Johnson kritisierte dann auch, es gebe "keinerlei Entschuldigung", wenn die Behörden ihre Rechte nicht wahrnehmen. "Wir müssen enger zusammenarbeiten, damit wir sicher gehen, dass solch eine Tragödie wie mit Fiona Pilkington nicht mehr passiert."

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