18 Jahre missbraucht
Viele offene Fragen im Fall Jaycee Lee Dugard
So hat Jaycee Lee Medienberichten zufolge während ihrer Gefangenschaft für ihren mutmaßlichen Kidnapper gearbeitet und dabei keine Anstalten gemacht, Hilfe zu suchen. Die jetzt 29-Jährige habe in der Druckerei von Phillip Garrido ausgeholfen und Kunden per Telefon und E-Mail bei ihren Bestellungen geholfen, berichtete die Zeitung "San Francisco Chronicle" unter Berufung auf mehrere Kunden Garridos.
Dugard sei "sehr professionell, sehr höflich" gewesen, "wie eine normale Sekretärin", zitierte die Zeitung einen Kunden. "Sie war stets zuvorkommend und hilfsbereit", sagt Ben Daughdrill, ein weiterer Kunde von "Printing for Less". "Ich habe sie sogar einmal persönlich kennengelernt." Dugard, die von Garrido als "Allissa" vorgestellt wurde, benutzte in ihren E-Mails stets kurze Sätze und schrieb in Kleinbuchstaben: "leider haben wir keine digitalkamera. hoffentlich können sie mir die benötigten fotos besorgen, damit ich sie zu ihrer broschüre hinzufügen kann", schrieb sie etwa am 7. Mai 2007.
Gehirnwäsche oder Stockholm-Syndrom?
"Ich kann mir das alles nur damit erklären, dass Jaycee irgendwann einer Gehirnwäsche unterzogen wurde. Sie durfte ja telefonieren und E-Mails schreiben. Wieso hat sie niemals um Hilfe gerufen? Irgendetwas muss also ziemlich daneben gelaufen sein", so Daughdrill gegenüber CNN.
Experten zufolge entwickelte Dugard vermutlich das Stockholm-Syndrom. Bei diesem psychischen Phänomen solidarisiert sich das Opfer ohne aktive Einflussnahme des Täters mit diesem. Minimale Vergünstigungen, etwa das Lockern von Fesseln oder das Gewähren eines WC-Besuchs, werden als liebevolle Gesten gedeutet. Von den Einsatzkräften fühlen sich die Opfer hingegen verlassen.
1991 auf dem Weg zur Schule entführt
Jaycee Dugard war 1991 im Alter von elf Jahren auf dem Weg zur Schule entführt worden. Ihr Entführer hielt das Mädchen in einem Hinterhof-Verschlag in Antioch rund 70 Kilometer östlich von San Francisco gefangen und zeugte mit ihr zwei Kinder, die heute elf und 15 Jahre alt sind. Der Fall war aufgeflogen, als Garrido, ein verurteilter Sexualstraftäter, zu einem Treffen mit seinem Bewährungshelfer Dugard und die beiden gemeinsamen Kinder mitbrachte. Auch bei dieser Gelegenheit stellte Garrido die Entführte als "Allissa" vor.
"Sie hat die Mädchen sehr geliebt"
Garrido und seine Frau wurden schließlich festgenommen und erwarten ihren Prozess wegen Entführung, Vergewaltigung und Freiheitsberaubung. Der Verteidiger von Garridos Frau Nancy sagte dem Fernsehsender CBS, seine Mandantin sei nach ihrer Festnahme "bestürzt, verängstigt und etwas verloren". Sie vermisse die beiden Mädchen, die ihr Mann mit der Entführten gezeugt habe. "Sie hat die Mädchen sehr geliebt, und sie hat Jaycee sehr geliebt", so Gilbert Maines.
Töchter hielten Jaycee für ihre Schwester
Die 29-jährige Jaycee Lee wohnt mit ihren beiden Töchtern (wld und 15 Jahre) nun an einem sicheren Ort in der Nähe von San Francisco. Laut Psychologen wird es aber noch Jahre dauern, um die "Gehirnwäsche" ihres Peinigers vergessen zu machen. "Die Mädels dachten immer, Jaycee wäre ihre Schwester. Um zu realisieren, dass Garido nicht der perfekte Vater war, wird es noch jahrelanger Therapie benötigen", meinte etwa Stiefvater Carl Probyn zu einem US-Magazin.
Die elfjährige Angel und ihre 15-jährige Schwester Starlite wurden von Phillip Garrido systematisch von jeder Information ferngehalten. "Beide sind ziemlich intelligente Kinder, aber sie haben sehr wenig Bezug zur großen Welt. Beide haben nie einen Zugang zu einem Fernseher gehabt. Mathematik, Geographie und Geschichte sind für sie Fremdwörter. Sie haben noch nicht einmal vom Präsidenten der Vereinigten Staaten gehört", meinte etwa ein kalifornischer Ermittler.
Die beiden Mädchen müssen sich nun erst langsam an das Leben in Freiheit gewöhnen. Noch schlafen sie mit ihrer Mutter gemeinsam in einem Raum, wie sie es jahrelang gewöhnt waren. "Aber mit jedem Tag wird die kleine Angel lebhafter, nur Starlite verhält sich weiterhin sehr ruhig und schüchtern."
Ehemaliges Opfer berichtet: "Ich dachte, ich würde sterben"
Unterdessen hat eine Frau, die 1976 von Phillip Garrido entführt und vergewaltigt worden war, über ihren eigenen Leidensweg und die Entführung von Jaycee Lee Dugard gesprochen. "Es ist fürchterlich, was er ihr angetan hat, aber ich habe keine Zweifel daran, dass er dazu fähig war", sagte Katie Hall in der Larry-King-Talkshow beim Sender CNN. Von Garridos erneutem Verbrechen zeigte sie sich geschockt. Sie wolle am liebsten nur noch schreien, "weil meine tiefsten Ängste sich als berechtigt erwiesen haben - er hat wieder zugeschlagen".
Die heute 58-jährige Frau war im Alter von 25 Jahren von Garrido verschleppt und über Stunden hinweg vergewaltigt worden. Durch Zufall entdeckte ein Polizist Garridos Versteck in einem Lagerhaus, befreite das Opfer und nahm ihn fest. Garrido wurde zu 50 Jahren Haft verurteilt, kam aber nach elf Jahren auf Bewährung frei.
Hall schilderte am Montag, wie sie Garrido in die Hände gefallen war. Er hätte sie auf einem Parkplatz angesprochen, ob sie ihn ein Stück mitnehmen könne, weil sein Auto nicht anspringe. Nach einer kurzen Fahrt habe er sie brutal überwältigt, gefesselt und in einen Lagerschuppen verschleppt. "Ich dachte, ich würde sterben", sagte Hall. "Ich kann mir nicht vorstellen, was Jaycee durchmachen musste. Mich hatte er acht Stunden in seiner Gewalt - sie hatte er 18 Jahre lang."
Garridos erste Frau: "Er war ein herrschsüchtiges Monster"
Garridos erste Frau beschrieb den 58-Jährigen als "herrschsüchtiges Monster". Einmal habe er sie mit einer Sicherheitsnadel ins Gesicht gestochen, weil ein anderer Mann mit ihr flirtete, sagte sie in der Fernsehsendung "Inside Edition". Noch heute habe sie eine Narbe.
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