Der dritte Teil der Divinity-Reihe (was soll eigentlich der Zweier im Namen?) entführt den Spieler in die verwunschene Welt von Rivellon. Diese ist ein klassisches, mittelalterlich geprägtes Rollenspiel-Reich, weshalb sich in dem Game alles um Drachen, Drachenritter - die sich in die Lindwürmer verwandeln können - und Drachentöter dreht. Zu Spielbeginn findet sich der Gamer dann auch als angehender Rekrut letzterer wieder. Und wie der Name schon sagt, hat diese Truppe keine Freude mit den schuppigen Flugechsen und ihren Rittern. Bereits nach kurzer Ausbildung, in deren Zuge der Abenteurer eine von drei Charakterklassen (Krieger, Magier, Waldläufer) wählen kann, geht es auch schon los. Denn die Arbeit wartet in Form eines Drachen, der im romantischen Trümmertal gesehen wurde.
Doch anstatt mit den Drachentöter-Kollegen auf die Jagd zu gehen, heißt es für den Neuling, Informationen in der Bevölkerung einzuholen. Und bereits hier entfaltet sich eine der größten Stärken des Games: Unmengen an gut gemachten und abwechslungsreichen Quests, die sich neben den Hauptaufgaben auftun. Die bekommt der Spieler nämlich von den liebevoll erdachten und äußerst unterschiedlichen Charakteren, die die Welt bevölkern. Reine Jagd- und "Finde Gegenstand X"-Missionen sind dabei eher die Ausnahme als die öde Regel.
Bei der Erfüllung der Aufgaben genießt der Spieler auch wohltuend große Freiheiten: Verrate ich die Trunkenbolde in der Kneipe an ihren Vorgesetzten, oder decke ich sie? Helfe ich den verfluchten Seelen durch die Zerstörung eines Artefakts, oder liefere ich es lieber bei ihrem ehemaligen Meister ab und kassiere eine Belohnung? Von der eigenen Entscheidung hängen der weitere Verlauf der Aufgaben und natürlich auch deren Ergebnis ab.
Da sich unser Held allerdings von seinen Kollegen sowieso geschnitten fühlt und ihn auch noch eine Drachenritterin zu einem der ihren macht, nimmt die Geschichte bereits nach Kurzem eine gravierende Wendung: Unser Charakter nimmt den Geist eines Drachen in sich auf und sieht sich ab diesem Zeitpunkt dazu bemüßigt, Damian, den ultimativen Bösewicht, zu zerstören. Bis dorthin soll es aber noch ein weiter Weg sein, auf dem unzählige Kämpfe auf den Gamer warten.
Das Kampfsystem erinnert dabei stark an die Gothic-Reihe – mit Tastatur und Maus geht es den Gegnern in Echtzeit an den Kragen. Was dabei im Nahkampf prächtig funktioniert, hat bei Angriffen aus der Entfernung seine Tücken. Denn das Auto-Zielsystem nimmt leider nicht immer den gewünschten Gegner, sondern meist den nächstbesten, ins Visier. Ansonsten funktioniert die Steuerung der Kämpfe aber tadellos. Die Möglichkeit, diese zu pausieren, bringt außerdem die oft benötigte Ruhe in die Hektik einer Schlacht, um sich an Tränken zu laben oder Zauber zu sprechen.
Nach gewonnenem Kampf gibt's wie in jedem Rollenspiel Erfahrungspunkte, mit denen sich der Charakter aufleveln lässt. Auch hier haben die Macher dem Drachenritter wieder einiges an Freiheit zugestanden. Denn unabhängig von der anfangs gewählten Klasse, können Krieger auch Magier-Fähigkeiten erlernen oder sich Waldläufer einen Priesterspruch zur Geisterbeschwörung merken. Auf diese Weise lassen sich die Fähigkeiten sehr individuell bestimmen und der Held sich so entwickeln, wie das sein Gamer-Herrchen gerne hätte.
Eine weitere Besonderheit von "Divinity II" stellt die Möglichkeit dar, sich in einen Drachen zu verwandeln. Diese erhält der Spieler allerdings erst nach einigen Stunden Spielzeit, wenn er sich seinen eigenen Drachenturm erobert hat. Dieses innovative Feature klingt leider besser als es umgesetzt wurde: Erhebt sich der Spieler nämlich in seiner Echsengestalt in die Lüfte, verschwindet Freund und Feind von der Oberfläche Rivellons. Man fragt sich in diesem Moment natürlich unwillkürlich, warum man die Gegner am Boden nicht mit seinem feurigen Odem vaporisieren darf. Statt des geplanten Luftangriffs gibt es in dieser Gestalt leider nur etwas lahme Luftkämpfe. Naja…
Der Drachenturm hilft dem Spieler allerdings nicht nur bei der Verwandlung zum Flügeltier (denn hier findet der Held den dafür benötigten Drachenstein), sondern bietet außerdem ein Zuhause für seine Diener. Diese helfen ihm dabei, seine Fähigkeiten zu verbessern, brauen Tränke oder erschaffen Kreaturen aus den Teilen gefallener Feinde, die den Spieler im Kampf unterstützen sollen. Auch ein Schmied zur Veredelung der eigenen Ausrüstung nimmt hier Quartier. Und für Gamer, die es hassen, in Rollenspielen Blumen für Tränke zu pflücken, gibt es sogar Angestellte, die die begehrten Zutaten für den Drachenlord zusammentragen.
Optisch ist das Game nett gemacht: Rivellon wurde mit viel Liebe zum Detail gestaltet, was den Spieler relativ mühelos die Atmosphäre dieser Welt vermittelt. Rein grafisch schöpft das Game jedoch nicht alle Möglichkeiten aus. "Fallout 3" etwa benutzt die selbe Engine und sieht doch um einiges besser aus. Der Sound hingegen präsentiert sich eigentlich durch die Bank hervorragend: Die Sprachausgabe ist mit tollen Sprechern besetzt und auch die Musik ist eine herrliche Untermalung für das Fantasy-Epos.
Fazit: "Divinity II: Ego Draconis" ist ein episches Fantasy-Rollenspiel wie es im Buche steht. Quests über Quests, genügend Freiheiten für den Spieler und auch zahlreiche neue Ideen machen das Game zu einer stimmungsvollen Angelegenheit, für das sich alle Fans des Genres begeistern dürften. Sieht man von einigen Problemchen wie der etwas schwachen Umsetzung der Drachenverwandlung oder der nervig undetaillierten Kartenführung ab, so ist Entwickler Larian damit ein feines Game gelungen. Wer in den kommenden Wochen noch nichts vorhat, sollte jedenfalls einen Blick riskieren.
Plattform: PC (getestet), Xbox360 (ab September)
Publisher: dtp entertainment
krone.at-Wertung: 8/10
von Stefan Taferner
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