Späte Ankunft

Feldpost erreicht Familie nach 60 Jahren

Viral
18.02.2004 13:30
30 Feldpostbriefe eines deutschen Soldaten aus Trier sind rund 60 Jahre nach ihrer Entstehung im englischen Halifax auf einem Flohmarkt aufgetaucht. Es sind Briefe von den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges, wie sie Soldaten einst in großer Zahl an ihre Familien schickten.
Gekauft hat sie der englische Sammler PeterGreenway - um sie den Eigentümern zurückzugeben, wieer sagt. Der Soldat Walter Banz schrieb die meist nur wenige Seitenumfassenden Nachrichten Anfang bis Mitte der 40er Jahre an seineFamilie in Trier. "Es sind so viele Briefe - mit einem Foto vonBanz samt Kameraden, mit Schilderungen des Soldaten-Alltags sowieAuszügen aus seinem Soldbuch, es gibt Nachweise von Aufenthaltenin Lazaretten", berichtet Greenway.
 
Der 52-Jährige hatte gehofft, Banz die Briefezurückgeben zu können. Doch seine in Köln lebende84 Jahre alte Schwester erzählt, ihr Bruder sei schon vorein paar Jahren gestorben. Obwohl sie in den Briefen ausdrücklichangesprochen wird, mochte sie Greenway den unerwarteten Fund nichtabnehmen, obwohl der Engländer kein Geld dafür habenwollte. "Die Zeiten sind vorbei, warum denn jetzt wieder mit diesenalten und zum Glück vergessenen Geschichten anfangen", sagtdie Seniorin. Kontakt zu ihrem Bruder, der sich nach dem Kriegals Steuerberater in Höhr-Grenzhausen im Westerwald niederließ,habe sie kaum gehabt.
 
Doch Greenway ließ nicht locker, machte denSohn von Walter Banz ausfindig und schickte dem 56-jährigenDetlef Banz den Packen Briefe per Luftpost in das baden-württembergischeBretzfeld. "Mein Vater hat fast nie über den Krieg gesprochen",erinnert sich der Sohn, der als Familientherapeut immer wiedermit Konflikten in Familien zu tun hat, die er auch auf schmerzhafteErfahrungen im Krieg zurückführt. "Da ist man als Therapeutnun ganz unerwartet selbst betroffen", meint der Vater zweierKinder. Banz will das unerschlossene Kapitel Familiengeschichtenun mit seinen beiden Geschwistern aufarbeiten.
 
Der Leiter des Düsseldorfer Universitätsarchivsund Feldpostexperte, Max Plassmann, sieht in dem Fall vor allemfür die Familie einen großen Gewinn. "Es ist ungewöhnlich,dass Briefe in dieser Zahl an Angehörige zurückkommen."Möglicherweise seien die Briefe über eine Haushaltsauflösungin den Militaria-Handel gelangt. "Für einzelne Feldpostriefebesonders von Prominenten oder mit belastenden Inhalten und Schilderungenvon Kampfhandlungen werden schon einmal bis zu 50 Euro pro Stückoder noch mehr gezahlt." Vor allem in der Neonazi-Szene blühedas Geschäft mit den Briefen.
 
Die Forschung nutzt die Feldpost nach Darstellungdes Wissenschaftlers mit Vorsicht. "Immerhin haben die Soldatenihre meist tausenden Briefe pro Person unter Zensur oder Selbstzensurgeschrieben, so dass meist nur unter Hinzunahme anderer Quellengültige Aussagen über eine Situation zu treffen sind."Zudem gebe es in den deutschen Archiven nur wenig Feldpost. Plassmannrechnet damit, dass in den nächsten Jahren, wenn die Kriegsgenerationstirbt, über Nachlass-Auflösungen viel Feldpost wiederin Umlauf kommt.
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