Neues Guantanamo?

US-Kleinstadt bettelt um Terrorhäftlinge

Ausland
03.06.2009 09:05
Niemand in den USA will die Gefangenen von Guantanamo Bay haben, wenn das Lager auf Kuba geschlossen wird - mit einer Ausnahme: Eine kleine, arme Stadt in Montana, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, wünscht sich nichts sehnlicher, als das neue "Gitmo" zu werden, und ist bereits in Washington vorstellig geworden.

Hardin heißt der Ort im sogenannten Big-Sky-Country Montana mit endlosen Prärien unter einem endlosen Himmel. Knapp 3.400 Einwohner gibt es hier. Und ein funkelnagelneues Gefängnis: Vor gerade einmal zwei Jahren wurde es fertiggestellt, 27 Millionen Dollar (19 Millionen Euro) hat der Bau gekostet, das Städtchen stürzte sich dafür tief in die Schulden. Hier, in dem fensterlosen Zementblock hinter Maschen- und Stacheldraht, auf einem Gelände, auf dem einst Antilopen grasten, ist Platz für 464 Häftlinge. Aber keine einzige Zelle ist belegt. Der Grund: ein neuer Gouverneur im Staat, der befand, dass das Gefängnis nicht benötigt werde.

Zuvor hatte sich Hardins Stadtrat immer wieder vergeblich um die Verlegung von Gefangenen aus anderen Teilen Montanas in die neue Strafanstalt bemüht. Gern könnten es auch Mörder sein: Jeder Gefangene bedeute schließlich Arbeit und damit die Verheißung besserer Zeiten für die gebeutelte Gemeinde im ärmsten Landkreis Montanas.

Andere Gefängnisse lehnen Guantanamo-Häftlinge ab 
Nun sieht der Stadtrat einen Hoffnungsschimmer - im Plan von US-Präsident Barack Obama, Guantanamo Bay zu schließen (siehe Link in der Infobox). Mindestens 100 der etwa 240 Terrorverdächtigen, so erwarten Experten, könnten damit im nächsten Jahr hinter Mauern und Stacheldraht auf US-Boden landen: in Erwartung eines Prozesses, zur Haft verurteilt oder auf unbestimmte Zeit in Sicherheitsverwahrung. Aber kein US-Staat will diese Männer haben, auch nicht in einem der Hochsicherheitsgefängnisse wie dem "Supermax" in Florence, Colorado, in dem immerhin schon 33 verurteilte internationale Terroristen untergebracht sind. Ob Republikaner oder Demokraten: Im Kongress hat sich eine weitgehend geschlossene Front gegen die Unterbringung der "Gitmo"-Gefangenen in Haftanstalten auf heimischem Boden gebildet - zu gefährlich seien diese Menschen.

Da ist der Stadtrat von Hardin aus anderem Holz. Anfang Mai beschloss er, sich in Washington um die Unterbringung der mutmaßlichen Terroristen im Two River Detention Center zu bewerben, dem neuen, leeren "Zwei-Flüsse-Haftzentrum". Die Chancen, das sieht man realistisch, sind klein, schließlich sperren sich auch die Repräsentanten Montanas im Washingtoner Kongress. "Wir werden Al Kaida nicht in unser Big-Sky-Country bringen", sagte beispielsweise Senator Max Baucus dem "Time"-Magazin. "Ausgeschlossen. Nicht mit mir." Und auch seinem Senatskollegen Jon Tester wird bei der Vorstellung, ein Gefangener könne ausbrechen oder nach Verbüßung seiner Haftstrafe die Prärien im Staat an der Grenze zu Kanada unsicher machen, angst und bange.

Hunderte neue Arbeitsplätze?
Greg Smith, Direktor für Wirtschaftsentwicklung in Hardin, sieht dagegen im Gefangenen-Zufluss aus Guantanamo die große Chance, dem Städtchen zu neuer Blüte zu verhelfen. Hunderte Arbeitsplätze, so die Schätzungen, könnten die Gefangenen nach Hardin bringen, jede Menge Gefängnispersonal würde nötig, und das würde wiederum vollere Läden, Restaurants und den Bau neuer Wohnhäuser bedeuten.

Für die Haltung der politischen Staatsrepräsentanten hat Smith nur Verachtung übrig. "Sie sind Feiglinge", sagte er dem britischen "Guardian". In anderen Gefängnissen säßen auch gefährliche Leute, da machten die Terroristen keinen großen Unterschied. Im Gegenteil. "Ich hätte größere Sorgen, wenn es Axtmörder oder Vergewaltiger wären. Die Leute in Guantánamo sind hauptsächlich Planer. Sie werden sich keine Bomben an den Körper schnallen - sie haben andere Leute, die diese Dinge tun."

Ausbrecher hätten keine Chance, sich zu verstecken
Die Einwohner des Städtchens sind indessen gespalten. Das neue Gefängnis sei wirklich ausbruchsicher, zitieren US-Medien einen pensionierten Arzt. Und wenn einem Gefangenen die Flucht gelänge, dann werde er herausstechen wie ein bunter Hund: "Wir haben hier nur wenige, die so aussehen. Es gibt keinen Platz zum Verstecken." Ein Ladeninhaber will "hier keine Terroristen haben", aber er tröstet sich mit dem Gedanken, dass die Unterbringung in Hardin wahrscheinlich schon für viele Gefangene an sich eine Strafe sei - nach tropischem Klima in Guantanamo drohen dann lange Wintermonate mit eisigen Temperaturen in Montana.

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