Wer nun allerdings auf eine Lehrstunde in Sachen griechischer Mythologie hofft, wird enttäuscht. Die Entwickler von Liquid Entertainment interpretieren den klassischen Sagenstoff um Jason und seine Argonauten reichlich frei. So finden sich etwa auch Gestalten wie Daedalus, dessen Sohn Ikarus der Sonne zu nahe kam, und Held Achilles - vielen auch als Brad Pitt bekannt - an Bord der Argo ein, obwohl sie da der Sage nach eigentlich nichts verloren hätten. Dennoch: Die Story um den aus Liebe zu seiner Frau von Rache getriebenen Jason und seine Argonauten, die es auf der Suche nach dem Goldenen Vlies mit allerlei aus Homers Epos bekannten Ungetümen aufnehmen, zählt zum Besten des Spiels.
Das eigentliche Spielprinzip bietet hingegen kaum Überraschungen. Gemeinsam mit Freund Herkules zieht Jason anfangs noch als Duo von Insel zu Insel, im weiteren Spielverlauf finden sich weitere Helden unterschiedlichster Couleur an Bord der Argo ein, um Jason mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Kampferprobt sind jedoch nur fünf von ihnen, zwei davon darf Jason vor jedem Landgang auswählen, ihn zu begleiten. Von den unterschiedlichen Kampfstilen einmal abgesehen, macht es jedoch keinen Unterschied, welchem Argonauten man den Vorzug gibt.
An Land angekommen, gilt es den meist strikten Questvorgaben Folge zu leisten. Im Gespräch mit der Bevölkerung ergeben sich weitere Herausforderungen, die es durch den Dialog mit anderen Bewohnern wiederum brav abzuarbeiten gilt. Es wird also geredet, recht viel sogar, und gelaufen. Die schlauchartigen Levels müssen zur Absolvierung des Quests oft mehrfach abgelaufen werden, ehe sämtliche Dinge erfragt wurden und garantiert jede Person die für sie bestimmte Botschaft erhalten hat. Damit es dem Spieler dabei nicht zu langweilig wird, dürfen zwischendurch kräftig Hammer, Schwert und Speer geschwungen bzw. geworfen werden. Kaufen kann man das Kriegsgerät übrigens nicht, stattdessen werden dem König von Zeit zu Zeit neue Ausrüstungsgegenstände überreicht.
Jason verfügt standardmäßig über einen leichten und einen schweren Angriff, die zu blutigen Kombos aneinandergereiht werden können. Blocken darf man auch, im Kampf gegen das niedere Fußvolk ist dies jedoch meist nicht vonnöten. Erst die übermächtigen und durchaus schick in Szene gesetzten Endgegner verlangen etwas mehr Aufmerksamkeit und strategisches Vorgehen. Am Ende werden jedoch auch sie ein Opfer der Klinge des Königs, was diesem mit einem Eintrag im Buch der Heldentaten gedankt wird. Statt der sonst üblichen Erfahrungspunkte können diese Heldentaten nun den Göttern des Olymps gewidmet werden, um zusätzliche Fertigkeiten sowohl aktiver als auch passiver Natur zu erlangen.
Doch nicht nur im Kampf erwirkt Jason Heldentaten, auch im Dialog kann sich der Held seine Lorbeeren verdienen, werden doch Antworten oftmals direkt einem Gott zugeschrieben. Wer verbale Angriffe reitet, steigt beispielsweise in der Gunst des Ares, während Worte der Weisheit bei Göttin Athene Eindruck schinden. Dass dennoch nicht so recht Freude am Debattieren aufkommt, ist der gelangweilten und absolut uninspirierten Ausdrucksweise der deutschen Synchronsprecher zu verdanken, die wie RTL-Moderatorin Katja Burkhardt einen S-Fehler haben. Offenbar wurde bei der Komprimierung der Audiospur gepfuscht.
Auch in optischer Hinsicht ist "Rise of the Argonauts" bestenfalls Durchschnitt. Trotz Verwendung der Unreal-3-Engine kämpft der Titel auf der Xbox 360 mit Rucklern, matschigen Texturen, holprigen Animationen und allerlei Darstellungsfehlern. Wenngleich einzelne Szenerien und vor allem die Boss-Kämpfe grafisch durchaus imposant gestaltet wurden, beschleicht einen immer wieder das Gefühl, dass der Titel verfrüht in die Läden gekommen ist.
Fazit: "Rise of the Argonauts" böte eigentlich alle Grundzutaten für ein vergnügliches Spiel. Offenbar hat man dem Titel jedoch nicht die Entwicklungszeit zugestehen wollen, die er verdient hätte. Die miese Synchronisation, die durchschnittliche Grafik, die ausufernden Dialoge sowie die halbgaren Kämpfe sprechen dafür. Einzig und allein die interessante Story bewahrt "Rise of the Argonauts" vor dem Totalabsturz, was allerdings nur für wenige Gamer Anreiz genug sein dürfte, sich mit Jason und dessen Gefolge auf die Jagd nach dem Goldenen Vlies zu begeben.
Plattform: Xbox 360 (getestet), PC, PS3
Publisher: Codemasters
krone.at-Wertung: 6/10
von Sebastian Räuchle
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