"Wie eine Armee"
So ticken die Piraten vor Somalia
Im Exklusivinterview auf krone.tv schildert Boris - seinen Nachnamen möchte er aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich genannt wissen -, wie die somalischen Piraten ticken, wie sie organisiert sind, warum sich die Entführungen lohnen sowie seine Erlebnisse mit den modernen "Schrecken der Meere"!
Ban: "Massive Piratenplage"
Von Jänner bis Ende Oktober sind etwa 65 Handelsschiffe vor der Küste Somalias gekapert worden, bilanzierte UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon am Mittwoch vor dem Weltsicherheitsrat in New York über das "Piratenproblem". Die Piraterie habe ernste Folgen für den Handel, trage zu einer Verschlimmerung der humanitären Lage in Somalia bei und schwäche die Übergangsregierung in dem ostafrikanischen Land. In Somalia gibt es seit 1991 keine funktionierende Regierung mehr. Ban bezeichnete die jüngsten Übergriffe von Piraten vor der Küste Somalias wörtlich als "Plage".
In der von Ban genannten Zahl noch nicht enthalten ist das mögliche Lösegeld für die 17 Schiffe und über 300 Besatzungsmitglieder, die sich derzeit in den Händen der Piraten befinden. Darunter befindet sich auch der saudi-arabische Supertanker "Sirus Star" mit Öl im Wert von 100 Millionen Dollar an Bord sowie ein mit Waffen beladener ukrainischer Frachter.
Selbst militärische Mittel scheinen nicht zu wirken
Der Kampf gegen die Piraten - viele von ihnen sind ausgebildete Ex-Soldaten; wenn sie nicht gerade auf Beutezug sind, führen sie am Festland ein Leben in Saus und Braus - geht selbst mit militärischen Mitteln kaum voran. Die NATO hat derzeit vier Schiffe im Schutz-Einsatz, die unter anderem aus Italien und Großbritannien stammen. Die Europäische Union will Marine-Einheiten in ihrer "Operation Atalanta" ab Mitte Dezember einsatzbereit haben. Die Mission soll fünf bis sieben Schiffe und mehrere See-Aufklärungsflugzeuge umfassen.
In der Nacht auf Mittwoch war erstmals ein großes somalisches Piratenboot von einem Kriegsschiff versenkt worden. Bei einem Seegefecht vor der Küste Somalias hatte die indische Fregatte "INS Tabar" ein angebliches Mutterschiff der Seeräuber unter Feuer genommen. Gebracht hat das nichts: Ungeachtet dessen kaperten somalische Piraten in der Nacht weitere Schiffe.
Ein Leben in Saus und Braus - im bettelarmen Somalia
Die Piraterie ist vor allem in der somalischen halbautonomen Region Puntlandin ein florierender Wirtschaftszweig geworden. Um Nachwuchs brauchen sich die älteren Piraten keine Sorgen zu machen, ihr üppiger Lebensstil wirkt wie ein Magnet auf junge Männer in dem bettelarmen Land. Die Zahlen des Ostafrikanischen Seefahrerhilfsprogramms belegen dies nur zu deutlich: Gab es vor knapp drei Jahren noch rund 100 Seeräuber an der somalischen Küste, so sind es inzwischen schon gut über 1.000.
Die Region profitiert von dem "Geschäft". Inzwischen sind Somalias Piraten-Schlupfwinkel wie Eyl, Harardhere oder Garowe richtige "Boomtowns" geworden. Im Vergleich zu dem Rest von Somalia, das nach der blutigen Herrschaft der Islamisten wirtschaftlich am Boden liegt, herrscht dort der pure Luxus. Entsprechend betrachten die dortigen Bewohner die Seeräuber durch eine rosarote Brille. "Sie sind meine besten Kunden, sie machen sich nicht die Mühe, beim Einkaufen zu handeln", sagt Mohamed Ali Yarow, Besitzer eines Geschäfts für Herrenmode in Garowe. "Und die Mädchen gehen gerne mit den Piraten aus, da diese immer Geld haben."
Der wirtschaftliche Einfluss der Seeräuber in der Region wird ihnen sogar von höchster Stelle bescheinigt. "Sie (die Piraten) sind zwar in den großen Städten nicht so populär, aber in einigen Ortschaften und Siedlungen haben sie richtigen wirtschaftlichen und auch gesellschaftlichen Einfluss", sagt Bile Mohamoud Qabowsade, Berater von Puntland-Präsident Adde Muse.
Lösegelder erreichen immer größere Dimensionen
Und das Geschäft der Piraten scheint immer besser zu laufen. Hatten sie bisher noch pro gekapertem Schiff "mickrige" zwei Millionen Dollar Lösegeld von den Eignern erhalten, so scheint jetzt mit dem saudischen Supertanker eine neue finanzielle Dimension erreicht zu sein. Fast 25 Millionen Dollar sind im Gespräch.
Und damit das Geld weiter fließt, kümmern sich die Piraten bestens um ihre Geiseln. Für die ausländischen Schiffsbesatzungen werden unter anderem an Land spezielle Küchen eingerichtet, in denen Mahlzeiten nach dem Geschmack der "Gäste" angerichtet werden. "Wir müssen die Geiseln nach unseren besten Möglichkeiten behandeln, denn schließlich wollen wir für sie gutes Geld einnehmen", sagte der Seeräuber Ali Jamaal einem Korrespondenten der Deutschen Presseagentur. Diese Geschäftsstrategie zahlt sich aus - allein in diesem Jahr haben die Schiffseigner bisher schon fast 30 Millionen Dollar Lösegeld auf den Tisch gelegt.
Kriegsschiffe schüchtern die Piraten nicht ein
Die Beute wird nach einem festgelegten Schlüssel verteilt. "Es gibt da eine feste Abmachung über die Verteilung des Geldes", sagt Jamaal. "Ein Teil geht an die Männer, die das Schiff gekapert haben, ein anderer Teil geht an die Helfer an Land." Streit über die Beute wie in Piratenfilmen gebe es nicht.
Als gute Geschäftsleute investieren die Seeräuber einen Teil ihrer Einnahmen in das eigene "Unternehmen". Sie legen sich die neuesten Waffen zu, ebenso wie die modernsten GPS-Navigationssysteme, mit deren Hilfe sie sich an ihre nächsten Opfer heranmachen. Auch für die schönen Seiten des Lebens - Autos, Frauen, Luxus-Villen - bleibt noch mehr als genug Geld übrig. Angesichts dieser Gewinnspannen lassen sich die Piraten auch nicht von den Kriegsschiffen verschiedener Staaten einschüchtern.
Verzweifelte Reeder: Suez-Kanal meiden?
Einer der weltgrößten Reeder erwägt indes, aus Angst vor Piraten die Route durch den Suez-Kanal zu meiden - selbst wenn dafür große Umwege in Kauf genommen werden müssen. "Wir ziehen das auf jeden Fall in Betracht. Es ist möglich", erklärte ein Sprecher des norwegischen Unternehmens Frontline. Gegenwärtig würden die Schiffe angewiesen, im Golf von Aden so nah wie möglich an Jemen und so weit wie möglich von Somalia weg zu fahren. Frontline transportiert einen großen Teil des Öls aus dem Nahen Osten zu den Weltmärkten. Sollten die Reeder entscheiden, den Weg über den Golf von Aden und das Rote Meer durch den Suez-Kanal zum Mittelmeer zu meiden, müssten die Schiffe am Kap der Guten Hoffnung vorbei Afrika im Süden umrunden.
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