Unfassbare Zustände

Afghanen geben ein Viertel ihres BIP für Korruption aus

Ausland
19.01.2010 14:07
Für Bestechungsgelder müssen die Menschen in Afghanistan laut einem UN-Bericht ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aufwenden. Afghanen zahlten demnach in den vergangenen zwölf Monaten 2,5 Milliarden Dollar (1,7 Milliarden Euro) an öffentlich Bedienstete. Auch die internationalen Hilfsorganisationen leiden unter diesen Zuständen - wenngleich auf eine ungewöhnliche Art und Weise.

Aufgedeckt wurden die Zustände durch einen Bericht des UN-Büros für Drogen und Verbrechen (UNODC). Am Dienstag wurde die Studie in London der Öffentlichkeit vorgestellt. "Drogen und Schmiergelder sind die zwei größten Einkommenserzeuger in Afghanistan", erklärte der Direktor des Programms, Antonio Maria Costa. Allein der Wert des Opiumshandels 2009 wird auf 2,8 Milliarden Dollar geschätzt. Costa forderte die neue afghanische Regierung auf, die Korruptionsbekämpfung zur obersten Priorität zu machen.

Dem Bericht zufolge musste jeder zweite Bürger in Afghanistan in einem Zeitraum von 2008 bis 2009 mindestens einmal einen öffentlich Bediensteten bestechen - ob Polizist, Politiker, Richter oder Regierungsbeamter. Viele zahlten, um bürokratische Hindernisse zu überwinden oder um bei schlechten Dienstleistungen Hilfe zu erhalten. In mehr als der Hälfte der Fälle wurde direkt nach Bargeld gefragt. Die durchschnittliche Schmiergeldzahlung betrug 160 Dollar - in einem Land, in dem das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bei 425 Dollar liegt.

Der Bericht stützt sich auf die Befragung von 7.600 Menschen in zwölf Provinzhauptstädten und mehr als 1.600 Dörfern zwischen Herbst 2008 und Herbst 2009. Trotz allgegenwärtiger Korruption erklärten nur neun Prozent der Befragten in den Städten, es sei sinnvoll, solche Vorkommnisse den Behörden zu melden.

Korruption ist größte Sorge der Bevölkerung
Es sei "unmöglich", in Afghanistan ohne Schmiergeld eine Dienstleistung von Behörden zu erhalten, erklärte UNODC-Chef Antonio Maria Costa, am Dienstag. Bestechung ist für 59 Prozent der afghanischen Bevölkerung demnach eine größere Sorge als die unsichere Lage (54 Prozent) oder die Arbeitslosigkeit (52 Prozent). Korruption sei Teil des täglichen Lebens, urteilte die Studie.

Die Bestechlichkeit der Behörden beeinträchtigt laut UNODC auch die Arbeit von internationalen Hilfsorganisationen. Dem Bericht zufolge glaubt jeder zweite Afghane, dass Nichtregierungsorganisationen oder internationale Verbände korrupt seien und sich nur in dem Land aufhielten, um Geld zu machen. Diese Wahrnehmung diskreditiere diejenigen, "die einem dringend hilfsbedürftigen Land helfen", heißt es in dem Bericht. Die Korruption sei das "größte Hindernis" bei der Verbesserung der Sicherheitslage, erklärte Costa.

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