So, 19. November 2017

„Effizienter leben“

14.03.2017 10:55

„Speed Watching“: Serien-Spaß in doppeltem Tempo

Wer beim Überangebot in TV und Streaming-Diensten nicht mehr hinterherkommt, schaut Folgen einfach mit doppelter Geschwindigkeit. Kunstpausen bleiben beim sogenannten Speed Watching zwar auf der Strecke, aber Hartgesottene feiern den Zeitgewinn. Credo: Wer doppelt so schnell schaut, schafft auch doppelt so viele Folgen.

Glaubt man Anleitungen von Könnern, wird das Gehirn dabei schrittweise an die doppelte Abspielgeschwindigkeit gewöhnt. Wer "Gilmore Girls" oder "Westworld" erst mit 1,2-fachem und dann 1,5-fachem Tempo schaut, schafft irgendwann auch das zweifache oder sogar mehr. Dabei helfen Video-Player wie VLC und Erweiterungen für den Internetbrowser. "Das Leben ist kurz. Verschwende es nicht damit, Videos mit einfacher Geschwindigkeit zu gucken", schreibt der Nutzer einer entsprechenden Erweiterung für Google Chrome.

Denn nicht Stunden, sondern ganze Tage und Wochen voller Serien-Stoff spülen die Produzenten von Kabelsendern wie HBO, CBS und Fox sowie Streaming-Diensten wie Netflix, Amazon und Hulu auf den Markt. Selbst Hardcore-Fans ringen mit der Flut an spannendem TV-Material. 455 Drehbuch-Serien erschienen einer Studie des Senders FX zufolge im Jahr 2016 allein in den USA - im Jahr 2010 gab es nicht einmal halb so viele. Der Moment des "Peak TV", an dem ein dann übersättigter Serien-Markt schwächelt und die Zahl der Produktionen wieder sinkt, ist noch immer nicht erreicht.

"Effizienter leben"
Also hasten einige Zuschauer mit doppeltem Tempo durch das Angebot. Der Genuss, ein TV-Kunstwerk in Ruhe zu gucken und die von Regisseur und Drehbuchautor vorgesehenen Pausen, Längen oder Zeitlupen voll auszukosten, mag beim Speed Watching flöten gehen. Dafür werde das Leben aber "effizienter", schrieb die "Washington Post" vergangenen Sommer: Vier Folgen "Unbreakable Kimmy Schmidt" passten jetzt in nur eine Stunde. "Es gibt mehr zu gucken als jemals zuvor."

Aus der Not geboren
Erfunden haben will die ans Speed Reading (Bücher) und Speed Listening (Podcasts) angelehnte Methode der frühere Jus-Student Alexander Theoharis. Er sei vor ein paar Jahren versehentlich an eine Taste gekommen, die ein laufendes Video etwas beschleunigt habe, erzählte er der "Seattle Times" 2014. Nun schaut er "Breaking Bad" mit 1,6- und "The Office" mit 2,4-facher Geschwindigkeit und Untertiteln. Er habe einfach wissen wollen, was in diesen Serien passiert, sich wegen der verlorenen Zeit im Studium aber oft schuldig gefühlt.

Für Lernvideos und Online-Vorlesungen mag die Methode praktisch sein. "Modern Family" werde bei doppeltem Tempo sogar lustiger, schreibt die "Washington Post", denn "die Witze kommen schneller und schlagen härter ein". Man müsse auch keine Zeit mehr mit öden Füll-Inhalten verschwenden. Und wer hat schon Zeit, fünf Staffeln "The Wire" in insgesamt zweieinhalb Tagen anzusehen? Die Chrome-Erweiterung "Video Speed Controller" wurde schon mehr als 235.000 Mal heruntergeladen.

Nur mag es sein, dass das Gehirn ein normales, dann langsam wirkendes Erzähltempo irgendwann nicht mehr erträgt. Der Genuss einer Serie im Normaltempo wäre ruiniert, möglicherweise auf ewig. Und, fragt das "New York Magazine", wenn es so viel Arbeit ist, die eigene Lieblingsserie zu verfolgen, warum schaut man sie dann überhaupt?

 krone.at
Redaktion
krone.at
Das könnte Sie auch interessieren
Kommentar schreiben

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Für den Newsletter anmelden