Das freie Wort

Bescheidene Weihnachten

Ich war ein sogenanntes Wegwerfkind, weil man mich in der Nachkriegszeit kaum ernähren konnte. Ich landete in einem Kinderhort der Gemeinde Wien. Ich hatte das Glück, dass ich tolle Pflegeeltern bekam. Der Pflegevater war ein Forstarbeiter der Domprobstei Wien. In dem Haus in Kirnberg an der Mank gab es weder Strom noch Fließwasser. Ich lernte Bescheidenheit. Am Heiligen Abend wurden alle Tiere geweiht. Ich bekam den Weihrauchkessel, und der Duft alleine sorgte für ein Weihnachtsfest, das ich nicht vergessen werde. Viele Weihnachtsgeschenke so wie heute gab es damals nicht. Es gab nur ein Geschenk. Doch dieses Geschenk war wertvoll. Die Mitternachtsmette war Pflicht. Mit meiner Pflegemutter ging ich im hohen Schnee zur Kirche. Die Kirche wurde in der Barockzeit erbaut. Die vielen Malereien bewunderte ich als Kind sehr. Früher konnten die Menschen nicht lesen und schreiben. Da waren die Fresken für die Glaubensverbreitung sehr wichtig. So fand ich den Weg zur Kunst. Das war für mich sehr prägend. Es waren bescheidene Weihnachten. Diese gibt es auch heute noch in vielen Familien.

Helmut Maria Horvath, Forchtenstein/Wien

Erschienen am Fr, 24.12.2021

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