Internet-Todeskult?
Selbstmordserie unter Jugendlichen geht weiter
Britische Medien spekulieren, die Kinder seien einem "Internetkult" zum Opfer gefallen. Ermittler und die Eltern des 15-Jährigen, der sich am Freitag umgebracht hat, üben jetzt aber scharfe Kritik an dieser Darstellung. Auf einer Pressekonferenz mit dem Ermittler Dave Marris wiesen die Eltern des 15-jährigen Nathaniel Pritchard Berichte in den Zeitungen zurück, zwischen den Jugendlichen habe es eine Art "Todespakt" gegeben.
Vielmehr hätten Medienberichte Nathaniel "diese Idee in den Kopf gesetzt", erklärten sie am Dienstag. Marris bestritt ebenfalls, dass er und seine Kollegen von entsprechenden Vereinbarungen ausgingen, die über Internetnetzwerke geschlossen worden seien.
Ungeachtet dessen berichteten auch landesweit erscheinende Zeitungen am Mittwoch wieder von Spekulationen über Todespakte.
Der 15-jährige Bursch war am Freitag im Krankenhaus gestorben, nachdem er sich am Vortag zu Hause in der Stadt Bridgend (Foto) "schwer verletzt" hatte, wie britische Medien berichten. Die ebenfalls aus Bridgend stammende junge Frau, seine Cousine, wurde am Freitag in einem Haus in Folkestone, rund 400 Kilometer entfernt, tot aufgefunden. Die 20-Jährige war dort zu Besuch.
Die Leiche der 16-Jährigen wurde am Dienstag an einem Baum hängend gefunden.
"Schon immer 20 Selbstmorde pro Jahr"
Die Vorfälle werden in Zusammenhang mit der Social-Networking-Plattform "Bebo" gebracht, in der sich die Jugendlichen gegenseitig zum Selbstmord anstacheln sollen. Politiker aus Wales bezeichnen die Vermutungen als "Quatsch". Carwyn Jones, Abgeordneter aus Bridgend im Parlament von Wales, schloss eine Verbindung zwischen den Fällen auch nach den beiden jüngsten Toten erneut aus. Er verwies darauf, dass es in der Region schon immer durchschnittlich 20 Selbstmorde im Jahr gegeben habe.
Die düstere Serie hatte im Jänner 2007 begonnen, als der Leichnam eines 18-Jährigen in einem leerstehenden Haus gefunden wurde. Die meisten Opfer seither kannten einander und brachten sich allesamt durch Erhängen um. Auf die Kontaktplattform Bebo stieß man, als ein Mädchen, das sich Mitte Jänner 2008 umbrachte, unmittelbar vor ihrem Tod eine Botschaft auf der persönlichen Bebo-Site eines vorherigen Selbstmörders hinterließ. "Ruhe in Frieden, Clarky", hatte sie geschrieben. Innerhalb von 24 Stunden nach ihrem Tod versuchten zwei ihrer Freundinnen, sich ebenfalls zu töten.
Medien berichteten, die Jugendlichen brächten sich möglicherweise mit dem Wunsch um, dass Freunde im Internet eine Website einrichten und damit eine Art "Kult" um sie entsteht. Es sei "vollkommen verrückt", sich vorzustellen, dass eine Website der Grund für einen Selbstmord sei, sagte die Parlamentsabgeordnete von Bridgend, Madeleine Moon. Sie befürchte aber, dass diesen Jugendlichen bei ihrem Eintritt in die virtuelle Welt auf Plattformen wie Bebo das Gefühl für wirklichen Verlust verloren ginge.
"Dummer Modetrend"
Die Eltern der Jugendlichen stehen ebenso vor einem Rätsel wie die Polizei. Der Vater des "Clarky" genannten Burschen sagte der "Daily Mail": "Wir wissen einfach nicht, was da los ist. Das ist seltsam, dass es so viele Selbstmorde in Bridgend gibt, und dass sie sich offenbar alle kannten. Wir wissen nicht, ob das vielleicht eine abstruse Sekte oder ein kollektiver Selbstmord oder eine Art seltsamer Selbstmordpakt ist", sagte Kevin Clarke der Zeitung. Es sei wie ein "dummer Modetrend", sagte die Mutter eines der toten Jugendlichen. Sie alle schienen sich zu kopieren.
Nach dem Selbstmord des Mädchens im Jänner hinterließen Freunde Nachrichten für das 17-jährige Mädchen. In einer hieß es: "Hey Süße! Gucke nur kurz vorbei, um zu sagen, dass ich meinen Ballon mit einer Nachricht darauf losgelassen habe. Hoffe, du hast ihn bekommen und er hat dich dort oben zum Lachen gebracht."
Zehn Millionen Briten auf "Bebo"
Die Social-Networking-Plattform "Bebo" ist der Marktführer in Großbritannien. Mehr als zehn Millionen Briten benutzen sie, um Freunde virtuell zu treffen und neue Kontakte zu knüpfen.
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