Fatale Therapie
Diabetes-Studie nach Todesfällen abgebrochen
Die Studie folgte plausiblen Überlegungen. Nicht-Diabetiker haben einen sogenannten HbA1c-Wert von weniger als sechs Prozent. Das bedeutet, dass nur an wenigen roten Blutkörperchen Zucker angelagert ist. Bei Typ-2-Diabetikern ("Altersdiabetes") ist der Wert aber oft wesentlich höher. Der schlecht eingestellte Diabetes lässt die Atherosklerose fortschreiten.
Thomas Wascher, Diabetologe an der Grazer MedUni, dazu: "Die österreichischen Empfehlungen nennen einen empfohlenen HbA1c-Wert von sieben Prozent, besser noch 6,5 Prozent." Belegt ist, dass bei einer solchen Blutzuckereinstellung mit oralen Antidiabetika und/oder Insulin das Risiko für Herzinfarkt, Nieren-, Nerven- und Netzhautschäden deutlich sinkt.
In der amerikanisch-kanadischen Studie aber war das Ziel radikal. In einer der Patientengruppen wurde der Blutzuckerwert de facto auf nicht-diabetische Pegel heruntergetrimmt. Die Hälfte dieser Personen erreichte einen HbA1c-Wert von weniger als 6,4 Prozent. In der Patientengruppe, in der man auf für Typ-2-Diabetiker in den USA "normale" Werte von sieben bis 7,9 hinarbeitete, lag er zuletzt bei 7,5 Prozent. Alle Patienten hatten ein hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere gefäßbedingte Komplikationen der Zuckerkrankheit.
257 Todesfälle in vier Jahren
Doch die Tragik: In der Gruppe mit besonders intensiver Therapie starben 257 Personen innerhalb von vier Jahren, in der etwa gleich großen Gruppe mit höheren Blutzuckerwerten hingegen 203. Das waren drei Todesfälle mehr pro Tausend Teilnehmer und Jahr.
Rätseln über Todesursachen
Jetzt rätseln die Fachleute, wie es zu diesem Ergebnis kommen konnte - beziehungsweise warum die große wissenschaftliche Studie durchaus plausiblen Überlegungen widerspricht. Wascher: "Man weiß aus der Intensivmedizin, dass kritisch Kranke besser dran sind, wenn sie einen tiefen Blutzuckerwert haben. Aber auf der anderen Seite verschlechtern echte Hypoglykämien ("Unterzuckerung", Anmerkung) die Behandlungsresultate bei ihnen." Es könnte also sein, dass die bei besonders "scharfer" Blutzuckereinstellung häufiger auftretenden Hypoglykämien selbst wiederum das Sterberisiko erhöhten. Eine andere Erklärung könnten Arzneimittelnebenwirkungen durch die vermehrte Gabe von Medikamenten bei den besonders intensiv Therapierten sein.
300.000 Zuckerkranke in Österreich
Allerdings, direkte Konsequenzen auf die Behandlung vieler Typ-2-Diabetiker dürfte dieser Studienabbruch ohnehin nicht haben: Ein Großteil dieser Zuckerkranken hat nämlich viel höhere als die empfohlenen Werte. Derzeit wird die Welt von einer Welle an Typ-2-Diabetes-Erkrankungen überrollt. Gab es im Jahr 2000 weltweit 159 Millionen Zuckerkranke, werden es im Jahr 2025 schon 280 Millionen oder 76 Prozent mehr sein. In Österreich sind mehr als 300.000 Menschen zuckerkrank, 85 Prozent davon leiden an Typ-2-Diabetes.
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