Hysterisch & laut

Grinderman: Nick Cave rau

Musik
02.03.2007 00:00
Grinderman ist das neue Soloprojekt von Nick Cave der zusammen mit seinen alten Bad-Seeds-Weggefährten Warren Ellis, Marty P. Casey und Jim Sclavunos eher per Zufall eine Band gegründet hat, mit der er sich außerhalb des Korsetts von Nick Cave & The Bad Seeds musikalisch austoben kann. Das Ergebnis: Eine hysterische Platte, voll kleiner Schmutzigkeiten und verworrener Parabeln.
kmm

I’ve gotta get up to get down and start all over again. Head on down to the basement! Kick those white mice and black dogs out, kick those white mice and baboons out! Kick those baboons and all the motherfuckers out and... get it on! GET - IT - ON!!!

Bereits nach den ersten Takten von Grinderman ist klar, wo und vor allem wie hier der Hase läuft. Nick Cave und seine sélection élitaire aus den Bad Seeds haben hier während einer unkontrollierten Session auf den REC-Knopf gedrückt. Hier werden Phrasen just ihres Wohlklangs wegen gesprochen, die Akkorde just ihrer Inkompatibilität wegen nacheinander aus den um Gnade bettelnden Gitarren herausgeprügelt. 

Jeder Radiosender der Welt würde für einen Moderator mit Caves Stimme und Artikulation töten – er ist der Karl Lagerfeld unter den Rocksängern, mit arktischer Coolness und höllischem Feuer zugleich. Kaum ein Amateur, der nicht mindestens einmal davon träumte, mit genau den fettigen langen Haaren und dem pechschwarzen Anzug samt Spaghettischlips, mit genau der Aufmachung, die sich John Travolta als Vorbild für seinen Vincent Vega in Pulp Ficiton nahm, auf einer kleinen Bühne in einer verrauchten Absteige zu stehen und sich die Seele aus dem Leib zu rocken. Grinderman kommt jener Vorstellung näher als alles andere, was Nick Cave bisher schuf und erweitert sie noch um den feuchten Tagtraum, auf dieser Bühne spiele sich eine wilde, zügellose und trotzdem rein musikalische Orgie ab.

Die Single „No Pussy Blues“, ein raues, schweinisches Fiasko, das Seinesgleichen sucht. Grinderman mischen Rückkoppelung mit Poesie, krächzende Gitarren mit honigsüßer Lieblichkeit, Lust mit Abscheu. „Grinderman“, der Song, ein Akkorde-Klopfen auf einer angezerrten Bassgitarre, das unbeirrbar durch den flehenden Gesang weiter auf die Lyrics einschlägt, wie eine Rüttelplatte auf die Schottergrundierung. „Go Tell The Woman“, ein Stück, wie es Tom Waits nicht besser gemacht hätte. Fast schon zu gewöhnlich klingt „(I Don’t Need You To) Set Me Free“, das man auch auf die Tracklist von „Abattoir Blues“ setzen könnte. Letzte Etappe des hysterischen Gewaltmarsches, bevor die Ruhe mit dem philosophischen „Man In The Moon“ wieder einkehrt: „Honey Bee“ – ein Amoklauf aus Fuzz-Verzerrer und Bzzzzz-Lauten, nach dem du nur noch keuchen willst. Cave, mein Bester, das ist es!

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Christoph Andert

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