Mo, 17. Dezember 2018

Stadthalle live

03.11.2017 14:39

Gorillaz: Professionell, aber etwas unterkühlt

19 lange Jahre nach der Bandgründung verschlug es die legendäre Cartoon-Pop-Band Gorillaz Donnerstagabend endlich das erste Mal nach Österreich. Damon Albarn und eine ganze Armada an grandiosen Musikern lieferten dabei einen professionellen, aber auch etwas kurzen und emotionslosen Querschnitt durch zwei Jahrzehnte Charterfolge.

Was war das damals für ein Gedöns, als die Gorillaz rund um das Millennium die Popwelt mit ihrem gleichnamigen Debütalbum aus dem Herbstschlaf beförderten. Nachdem der Grunge ein paar Jahre davor als letzte revolutionäre Populärmusikwelle im Drogensumpf versank und auch der Britpop nur eine kurze Hochphase hatte, schien die Szene zu stagnieren. Bis Blur-Mastermind Damon Albarn gemeinsam mit Freund und Zeichner Jamie Hewlett die bahnbrechende Idee gebar, doch eine selbsterfundene Cartoonband ins Rennen zu schicken. Als ihr Debüt 2001 erschien und die Single "Clint Eastwood" mit ihrer neuartig-mutigen Melange aus Trip Hop, Indie Rock, Rap und gediegenem Pop quer über den Globus für Aufsehen sorgte, war die dringend benötigte Frischzellenkur gebreitet.

Grenzenlosigkeit als Pflicht
Albarn und Hewlett dachten sich vier Cartoonfiguren mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Biografien aus, ließen diese alle Klischees und Stereotype der damaligen Zeit bedienen und zeigten musikalischen Mut. Albarn war zu dieser Zeit nicht nur die medialen Schlammschlachten mit den Gallagher-Brüdern leid, sondern auch der eng gesteckte Radius in seiner ihm zum Millionär beförderten Heimat Britpop. Bei den Gorillaz war die Grenzenlosigkeit sowohl im visuellen, als auch im auditiven Sinne Pflicht. Die Vermischung aus unterschiedlichen Stilen und Kulturen mag heute gängiger Usus in den Formatradios sein, vor eineinhalb Jahrzehnten sorgten die Gorillaz damit aber für ordentliches Rascheln im Blätterwald. Verstärkt wurde das Treiben durch bahnbrechende Liveshows, bei denen die Cartoon-Charaktere als dreidimensionale Animationen von Videoleinwänden strahlten und die Menschen hinter dem Projekt in den Hintergrund verbannten.

Anno 2017, nach vielen weiteren Studioalben, langen Pausen, Streitereien und unzähligen Besetzungswechseln, hat die Transparenz im Bandcamp Einzug gehalten. Albarn stellt sich an die Bühnenfront, kommuniziert mit seinem Publikum und bedient sich an einer Vielzahl an unterschiedlichen Instrumenten wie Gitarre, Klavier oder einer Keytar. Die Cartoon-Figuren 2D, Murdoc, Russel und Noodle tauchen nur mehr sporadisch auf Videoleinwänden auf, sind aber so zeitgemäß animiert, dass sie in aktualisierter Form immer noch für Staunen sorgen. Es ist nach fast 20 Jahren Bandbestehen hier und heute tatsächlich das erste Mal, dass die Gorillaz Österreich ihre Aufwartung machen. Die gut 12.000 Anwesenden in der gut gefüllten Stadthalle sehen in erster Linie Akkordarbeit, denn alte und neue Songs wie "M1 A1", "Saturnz Barz", "Sleeping Powder" oder das poppig-eingängige "On Melancholy Hill" werden im Stakkato-Takt in die Halle gefeuert.

Zu viel Understatement
Rein technisch gelingt dieses Vorhaben famos. Der Sound ist manchmal etwas sperrig, aber durchaus passabel, die Licht- und Videoeffekte begeistern mit atemberaubender Brillanz und das Musiker-Kollektiv samt sechsköpfigem Backgroundchor lässt sich nichts zuschulden kommen. Doch die großen Emotionen, die reine Spielfreude oder das  Gespür für ein interaktives Miteinander, all das lässt sich hier nicht evozieren. Es muss ja nicht gleich eine andachtsvolle Predigt wie von Nick Cave am Vorabend sein, doch Albarns britisches Understatement lässt vor allem in den ersten zwei Showdritteln viel an gemeinschaftlicher Energie vermissen. Zu einem magischen Abend können da auch keine famosen Songs mehr helfen. Derer gäbe es aber zuhauf. Etwa das mit Western-Sounds versetzte "Tomorrow Comes Today", das von den Background-Sängern getragene "Some Kind Of Nature" oder die Percussion-geladene Stimmungsbombe "Andromeda".

Wirklich viel Stimmung kommt aber erst in der Endphase auf, wenn sich die unterschiedlichsten Gaststars ein freudiges Stelldichein geben. Etwa Jamie Principle und Zebra Katz beim beatlastigen "Sex Murder Party", die famosen De La Soul beim kultigen Chart-Hit "Feel Good Inc." oder die bereits im Vorprogramm des Konzerts überzeugende Rapperin Little Simz, deren energetische Darbietung bei "Garage Palace" getrost als atmosphärisches Highlight des Abends gezählt werden darf. Albarn findet erst am Ende seine Emotionen, etwa als er während "Kids With Guns" brachial an seinem Stromruder reißt oder bei der ersten Zugabe "Stylo" aktiv den Kontakt zu den Fans sucht und beschwörende Gesten gen Himmel schickt.

Kampfbereites Korrektiv
Nach nicht einmal 90 Minuten ist der rasant durchgepeitschte Spaß auch schon wieder zu Ende. Von vollkommener Glückseligkeit mag man angesichts der Rasanz dieses Konzerts nicht zu sprechen, ein kurzweiliges Ereignis war die lang ersehnte Österreich-Premiere aber doch. Die Gorillaz haben den ursprünglich angefochtenen Kampf gegen austauschbaren Plastik-Pop vielleicht verloren, als strenges Korrektiv dagegen sind Albarn und seine hochtalentierten Mitstreiter aber immer noch von essenzieller Bedeutung. Das nächste Mal bitte mit etwas mehr Spaß am Akustiksport.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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