Die Charaktererstellung ist wie erwähnt eine Aufgabe für sich. Für Einsteiger sind die schier unendlichen Möglichkeiten, inklusive genretypischer Punktevergabe auf verschiedene Eigenschaften und Kenntnisse, beinahe überfordernd. Hilfreich dabei: Die Möglichkeit, per "Empfohlen" das Programm die Auswahl treffen zu lassen.
Der Einstieg ins "Neverwinter Nights 2"-Universum ist malerisch. Erst ein paar Gegenstände eingesammelt, schon warten die besten Kumpels aus Westhafen. Also flugs in die wunderbar animierte Cyberwelt, das Tutorial übernehmen verschiedene Figuren auf dem bunten Volksfest, das gerade stattfindet.
Nicht denken, nur handeln...
Ein Tier beim Schweinezüchterwettbewerb scheint gar fett und riesig - also wird es per Zauberspruch zur wahren Größe geschrumpft. Der Umgang mit Pfeil und Bogen ist ebenfalls keine Herausforderung - ganz im Gegensatz zum ersten Faustkampf. Die unwirschen Gegner, eine garstige Familienbande, sind knackige Gegner, und genau an dieser Stelle wird die größte Schwäche des Games offenbar: Die Intelligenz der (bis zu drei) weiteren Partymitglieder lässt gewaltig zu wünschen übrig.
Um das zu verstehen, ist zuerst ein mehrmaliger virtueller Exitus, im Fall des Faustkampfes glücklicherweise nur eine Ohnmacht, nötig. Dann hat der Spieler verstanden: Anweisungen an die gesamte Gruppe gibt es nicht, die einzige Möglichkeit Kämpfe zu gewinnen ist leider, immer wieder auf Pause zu drücken und so händisch jedes Partymitglied anzuleiten... Neu eingeführte Schnellzugriffsleisten helfen zwar, können die fehlende Intelligenz der Gruppenangehörigen aber nicht ausgleichen.
Unzählige Quests in petto
Dass die Lust am Spiel trotz der umständlichen Steuerung bei Kämpfen nicht verloren geht, verdankt das Game unter anderem den gelungenen Animationen, vor allem bei Zaubersprüchen. Außerdem gefällt die Handlungsfreiheit in "Neverwinter Nights 2", viele NPCs halten Nebenquests bereit, bei deren Erfüllung diverse Vorteile winken. Meist ist dem Spieler freigestellt, wie er diese erledigt - und vor allem zu wessen Vorteil. So kann sich der Gamer auf die Seite des Guten oder des Bösen schlagen.
Das Prinzip erscheint bekannt? Kein Wunder, hatte es doch schon in "Star Wars - Knights Of The Old Republic" Premiere. Von dort übernommen wurde auch, dass die Gruppenmitglieder eine individuelle Bindung zur Spielerfigur haben. Viele Entscheidungen haben so eine Auswirkung auf das Ansehen innerhalb der Gruppe, und wie loyal die anderen hinter ihrem Anführer stehen.
Auswahl en masse
Der regelmäßig anstehende Levelaufstieg ist aufgrund des kaum zu überblickenden Angebots ein mäßiges Vergnügen - etwas weniger Auswahl und bessere Vergleichsmöglichkeiten wären wünschenswert gewesen. Das gleiche gilt für die Fülle an Waffen und sonstigen Ausrüstungsgegenständen. Das Inventar artet bald zur nervigen Kleinkram-Herumschieb-Aktion aus, der Vergleich zwischen verschiedenen Items ist nur händisch möglich, das raubt Zeit und Nerven.
Weichei oder harter Kerl
Doch weiter im Game - Das ländliche Idyll findet sein jähes Ende, als plötzlich Monsterhorden in das Dorf einfallen. Der Held muss sich entscheiden - wie kämpft er, welche Aufgabe hat Vorrang? Wer lebt muss kämpfen, aber was tun mit dem, der sich weigert? Soll er unbehelligt von dannen ziehen, wollen wir ihn bedrohen oder gleich drauflos prügeln?
Dank der regulierbaren Schwierigkeitsstufe machen bereits die ersten Kämpfe Laune, auch wenn die stärkste Kämpferin - die Zauberin - leider bereits am Anfang den Löffel abgibt. Nach zahllosen weiteren Toten, darunter dank unserer tatkräftigen Unterstützung auch unzählige Orks und sonstige Bösewichte, ist klar: Wir müssen das Unheil an der Wurzel packen!
Todesmutig in neue Welten
Unser Ziehvater taucht plötzlich auf und erzählt - wie meist im Game in einer nett animierten, kurzen Zwischensequenz - von einem Artefakt, das wir wiederholen sollen. Die Angreifer suchen es sonst wieder im Dorf, das wären keine guten Aussichten für das beschauliche Landleben. Die dezimierte Gruppe zieht also todesmutig in den nächsten Abschnitt, während sich eine geheimnisvolle Geschichte voller Verschwörungen und Gegnerhorden auftut.
Der Übertritt in den nächsten Kartenabschnitt, das Spiel besteht aus so genannten Modulen, ist immer mit einer Ladezeit verbunden - besonders störend beim Betreten und Verlassen von Häusern. Das ist 2006 nicht mehr nötig.
In jedem Level warten neue Herausforderungen, nicht selten haben sie mit der individuellen Geschichte der Hauptperson oder seiner Begleiter zu tun. Jede Figur hat einen eigenen Charakter, Talente, Wünsche und Sorgen, um die sich gefälligst gekümmert werden soll. So entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ja, ein Verantwortungsgefühl gegenüber den Mitreisenden. Die vielen Zwischensequenzen tragen dazu ebenso wie die überaus gelungene Hintergrundmusik bei. Dass sich die virtuellen Bewohner manchmal nicht zwischen Deutsch und Englisch entscheiden können, tritt dabei fast in den Hintergrund.
Fazit: "Neverwinter Nights 2" hat einige Fehler, doch nur wenige stören den Spielverlauf wirklich - wie das fitzelige Inventar und die im Kampf komplett hilflosen Partymitglieder. Dennoch lässt das Spiel Rollenspiel-hungrige Gamer nicht los, was vor allem an der gelungenen Hintergrundgeschichte, den knackigen und vor allem zahlreichen Kämpfen und der Identifikation mit Charakter und NPCs liegt. Dungeons, Eislandschaften und idyllische Felder und Wiesen auf der Suche nach Dämonen und Hexern zu durchstreifen, ist eine wahre Freude. Immer die unzähligen Nebenquests, die große Handlungsfreiheit und das "Nur noch fünf Minuten"-Gefühl im Nacken, ist mit "Neverwinter Nights 2" solider Rollenspiel-Spaß garantiert. Ein Editor und die Möglichkeit, mit Freunden im Multiplayer-Modus zu gamen, sind weitere Bonuspunkte.
Plattform: PC
Publisher: Atari
Krone.at-Wertung: 86 %
Von Bernadette Geißler
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