Mo, 20. August 2018

"See EU Later"

29.03.2017 13:12

Großbritanniens Presse zelebriert Brexit-Antrag

Die britische Premierministerin Theresa May hat am Mittwoch - neun Monate nach dem Referendum - in London offiziell den Brexit-Antrag Großbritanniens bei der EU eingebracht. Während der Austritt der Briten wohl nur wenige Europäer begeistert, feiert die Presse auf der Insel den Antrag. "The Sun" etwa titelte "Dover & Out" und ließ sogar Abschiedsgrüße an die weißen Kreidefelsen der Küstenstadt Dover projizieren.

Auf den Klippen erschien "See EU Later", ein Wortspiel, das "Bis dann" bedeutet und dabei "you" mit dem auf Englisch ähnlich klingenden "EU" ersetzt. Der Spruch "Dover & out" ist angelehnt an "over and out", was im militärischen Sprachgebrauch das Ende einer Durchsage signalisiert. Die Kreidefelsen liegen vis-a-vis der französischen Küste, am engsten Teil des Ärmelkanals zwischen den beiden Ländern.

"The Sun" gilt als EU-kritisch und hatte vor dem Brexit-Referendum stark für den Austritt Großbritanniens aus der Staatengemeinschaft geworben. Am Mittwoch schrieb die Zeitung: "Er ist endlich hier, der monumentalste Tag in der modernen Geschichte Großbritanniens."

Ein "Tag der Freiheit" für die "Daily Mail"
Auch andere Blätter reagierten durchaus enthusiastisch auf den Brexit-Antrag. Die "Daily Mail" druckte auf ihre Titelseite in riesigen Lettern "FREEDOM!", der "Mirror" titelte "Dear EU, It's Time To Go" und die "Times" schrieb "The Eyes Of History Are Watsching" ("Die Augen der Geschichte schauen zu"). Die verbleibenden Mitgliedsstaaten müssen sich nach Ansicht der "Times" nun einer Realitätsprüfung unterziehen.

Auch der "Telegraph" sieht den Tag des offiziellen Austrittsgesuchs als Freudentag: "Diejenigen, die so lange von diesem Augenblick geträumt haben, können sich ein Hoch nicht verkneifen. Auf eine lange Schlacht, die erfolgreich geschlagen wurde. Auf die Aktivierung von Artikel 50 und die Erfüllung eines unmöglichen Traums. Und auf Großbritannien, dessen Zukunft voller Möglichkeiten steckt." "The Guardian" wiederum zeigte auf seinem Titelblatt ein Puzzle mit den EU-Landern, allerdings fehlten an der Stelle, an der Großbritannien liegt, die Puzzleteile.

Uneinigkeit in europäischen Blättern
Nach dem Brexit-Antrag stehen nun lange Verhandlungen Großbritanniens mit der EU bevor. Europäische Zeitungen sind sich uneins, wie dien Lage zu bewerten ist. Während einige beschwichtigen, schlagen andere martialische Töne an. Sogar von Kriegsgefahr ist die Rede.

Die liberale rumänische Tageszeitung "Adevarul" etwa sieht große Gefahren. Ähnlich wie der Brexit hätten viele Tragödien begonnen, die in Europa Blutbäder angerichtet hätten. Und solche Tragödien könnten sich über Nacht wiederholen, "wenn sich Fanatismus im passenden Verhältnis mit der Wirtschaftskrise verbindet, mit nationalistischen Reden und populistischen Versprechen". Die slowakische Tageszeitung "Sme" zieht ein ähnlich verheerendes Fazit: "Was immer uns die Zukunft noch bringen wird, bisher jedenfalls ist in die Chronik der europäischen Einigung noch nie etwas in schwärzerer Tinte geschrieben worden als der Austritt Großbritanniens."

Den Briten sei gar nicht klar, was der Brexit für ihre Zukunft bedeuten werde, ist die Budapester Tageszeitung "Nepszava" überzeugt. Der britische EU-Austritt schaffe Verlierer auf beiden Seiten des Ärmelkanals, schreibt die katholische französische Zeitung "La Croix". Erst einmal könnten sich die Briten an ihrer "wunderbaren Isolation" erfreuen. Die EU ihrerseits müsse dem Vereinigten Königreich wiederum nicht länger Zugeständnisse machen. Der Preis dafür aber sei hoch.

"Sollen die Briten doch ihr Europa-Hexenfeuer genießen"
Verkraftbar findet hingegen die liberal-konservative dänische Tageszeitung "Berlingske" den Austritt Großbritanniens aus der EU. "Obwohl es schmerzhaft ist, Lebwohl zu sagen, geht das Leben weiter. Der Brexit hat die übrigen Mitgliedsländer dazu gebracht, näher zusammenzurücken." Die Zeitung "Hospodarske noviny" aus Tschechien meint: "Sollen die Briten doch ihr Europa-Hexenfeuer genießen." Politiker müssten diesen nationalen Egoismus mit harten Trennungsauflagen bestrafen.

Die belgische Zeitung "De Standaard" dagegen ruft beide Seiten zur Mäßigung auf: "Die Trennung bewusst auf eine Kampfscheidung hinauslaufen zu lassen, wäre ein kapitaler Fehler." Ungeachtet aller Verbitterung müsse eine gute Nachbarschaft angestrebt werden.

 krone.at
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