Mi, 20. Juni 2018

Politkowskaja-Mord

19.11.2008 21:53

Geschworene verweigern öffentliche Verhandlung

Im Moskauer Prozess um den Mord an der regierungskritischen russischen Journalistin Anna Politkowskaja hat der Richter nun doch die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Der Richter nahm damit eine frühere Anordnung zurück, wonach das Verfahren gegen drei mutmaßlich in die Tat verwickelte Männer öffentlich sein sollte. Er habe dies damit begründet, dass die Geschworenen sich geweigert hätten, vor den Kameras der Presse den Saal zu betreten, sagte eine Anwältin der Familie Politkowskaja. "Aus unserer Sicht haben sie einfach Angst, ihre Pflicht zu erfüllen", sagte sie.

Politkowskaja wurde am 7. Oktober 2006 vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen. Sie war vor allem als Kritikerin des damaligen Präsidenten Wladimir Putin sowie wegen ihrer Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien bekannt geworden. Es war einer der spektakulärsten Mordfälle an Journalisten in der achtjährigen Amtszeit Putins, der inzwischen Ministerpräsident ist. Die Anwälte hatten sich für ein öffentliches Verfahren eingesetzt, um sicherzustellen, dass der politisch belastete Prozess gerecht und fair verläuft.

Kritik am Ausschluss der Öffentlichkeit
Sowohl die Verteidiger der Angeklagten als auch die Anwälte der Hinterbliebenen des Opfers haben die Entscheidung des Richters kritisiert. Wenn ein Geschworener seinen Eid geleistet habe, müsse ihm auch klar sein, dass er in seiner Funktion als Richter in der Öffentlichkeit stehe, sagte etwa die Anwältin der Politkowskaja-Familie, Karina Moskalenko. Auch der Chefredakteur der russischen Wochenzeitung "Nowaja Gaseta", Dmitri Muratow, hat die richterliche Entscheidungzum Öffentlichkeits-Ausschluss als "Schande" bezeichnet. Sie sei insgeheim getroffen worden, nur weil sich die Geschworenen geweigert hätten, in Anwesenheit der Presse zu erscheinen. "Das ist furchtbar", sagte Muratow, für dessen Zeitung Politkowskaja gearbeitet hatte. Er werde in seiner Zeitung dafür sorgen, dass der Prozess öffentlich gemacht werde.

In vielen russischen Strafprozessen ist es schwierig, genügend Schöffen zu finden, da die Laienrichter unter anderem Racheakte der Verurteilten fürchten. Am Montag hatte das Gericht zunächst für einen öffentlichen Prozess entschieden.

Angeklagte weisen jede Schuld von sich
Angeklagt sind wegen Beihilfe zum Mord zwei tschetschenische Brüder, weil sie Politkowskaja beobachtet und ausgeforscht haben sollen, sowie ein ehemaliger Polizist, der technische Hilfe geleistet haben soll. Alle drei bestreiten die Anschuldigungen. Der mutmaßliche Mörder Politkowskajas, Rustam Machmudow, ein weiterer Bruder der zwei tschetschenischen Angeklagten, ist weiter auf der Flucht. Menschenrechtler kritisieren, dass bis heute weder die Auftraggeber des Mordes noch die Geldgeber ermittelt wurden. Putin wies seinerzeit den Vorwurf zurück, dass die russische Führung in den Mord verstrickt gewesen sei.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar schreiben

Sie haben einen themenrelevanten Kommentar? Dann schreiben Sie hier Ihr Storyposting! Sie möchten mit anderen Usern Meinungen austauschen oder länger über ein Thema oder eine Story diskutieren? Dafür steht Ihnen jederzeit unser krone.at-Forum, eines der größten Internetforen Österreichs, zur Verfügung. Sowohl im Forum als auch bei Storypostings bitten wir Sie, unsere AGB und die Netiquette einzuhalten!
Diese Kommentarfunktion wird prä-moderiert. Eingehende Beiträge werden zunächst geprüft und anschließend veröffentlicht.

Kommentar schreiben
500 Zeichen frei
Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.