07.01.2016 19:20 |

Hungerdrama

Belagerte Syrer essen Hunde, Katzen und Blätter

Das ganze Ausmaß der Hungerkatastrophe lässt sich nur erahnen: Bilder von Aktivsten aus der seit Monaten belagerten syrischen Stadt Madaya zeigen Lebende und Tote mit Körpern, die bis auf die Knochen ausgemergelt sind. Hungernde würden mittlerweile Hunde und Katzen schlachten, um zu überleben, heißt es. Laut dem lokalen Revolutionsrat des Ortes habe es bisher 39 Hungertote gegeben. Der UNO zufolge stimmte Syriens Regierung am Donnerstag Hilfslieferungen zu. Die Vorbereitungen liefen, sagte eine UN-Sprecherin.

Die nun von Aktivisten im Internet veröffentlichten Bilder aus Madaya zeigen ausgemergelte Menschen, darunter Kinder. Es sind Fotos, die an die große Hungerblockade der Wehrmacht gegen Leningrad von 1941 bis 1944 erinnern, kommentierte die "Bild"-Zeitung die Aufnahmen aus dem belagerten Madaya am Donnerstag. Damals verhungerten Hunderttausende aufgrund der brutalen Vernichtungspolitik der Nazis.

Die lokale Gesundheitsbehörde der syrischen Ortschaft hat auf Facebook ein Video verbreitet, in dem ein kleines Mädchen, bis auf die Haut abgemagert, strampelt. Sieben Monate alt sei das Kind mit dem Namen Amal und habe seit Tagen nichts zu essen bekommen, erzählt eine Frauenstimme. Die Kleine schreit mit krächzender Stimme.


Überprüfen lassen sich die schrecklichen Bilder aus dem Ort nordwestlich von Damaskus nicht. Aber alles spricht dafür, dass sie echt sind und von einer der schlimmsten Hungerkatastrophen in dem fast fünfjährigen syrischen Bürgerkrieg zeugen.

Ort seit fast sechs Monaten abgeriegelt
Seit fast sechs Monaten haben Regierungskräfte und die mit ihr verbündete Schiitenmiliz Hisbollah die von Rebellen kontrollierte Enklave von der Außenwelt abgeriegelt. In den vergangenen Wochen wurde die Blockade nochmals verschärft, erklärte ein Aktivist aus Madaya gegenüber der "Bild".

Rund 40.000 Menschen sollen in Madaya eingeschlossen sein, mindestens die Hälfte von ihnen Zivilisten. Schon mehr als 25.000 Menschen seien vom Hungertod bedroht, schilderte der Aktivist Masen Burhan vom humanitären Komitee Madayas über Skype die dramatische Lage in der Ortschaft. Ein halbes Kilo Reis oder Weizen könne 200 Dollar kosten. Das örtliche Hilfskomitee versuche, die wenigen Lebensmittel, die es erhalte, gerecht zu verteilen.

Aktivist: "Lage ist katastrophal"
Wie andere Aktivisten berichtete auch Burhan, dass Einwohner nun Hunde und Katzen schlachteten, um das Fleisch der Tiere zu essen. Um ihren Hunger irgendwie zu stillen, sollen sie auch Gras gegessen haben. "Den Geschmack von Brot haben die Menschen vergessen", sagt Burhan. Auch Milch für Kinder fehle, heißt es. Dutzende Menschen hätten Ohnmachts- und Schwächeanfälle erlitten. Jeden Tagen würden Menschen an Mangelernährung sterben. Die Lage sei "katastrophal".

Eine Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz erklärte, zuletzt sei es Mitarbeitern im vergangenen Oktober ermöglicht worden, in der Stadt Hilfe zu leisten. "Was wir damals gesehen haben, war bereits schlimm", sagte Dibeh Fakhr der Deutschen Presse-Agentur in Genf.

Madaya wird zum Verhängnis, dass die Stadt an einem strategisch wichtigen Ort liegt. Das Regime und die Hisbollah beherrschen den größten Teil des Gebiets an der Grenze zum Nachbarland Libanon. Die vom Iran unterstützte Miliz will die gesamte Region unter Kontrolle bringen, um eine Pufferzone gegen die Rebellen zu haben. Schon im vergangenen Jahr bombardierten Armee und Verbündete die nahe gelegene Stadt Sabadani über Wochen ohne jede Rücksicht auf Zivilisten. Seit Langem sind in dem Bürgerkrieg alle Hemmschwellen gefallen.

Kriegsparteien setzen Aushungern als Kampfmittel ein
Es ist in dem Konflikt nicht die erste humanitäre Katastrophe infolge einer Blockade. Im Juni beklagten die UN, dass mittlerweile alle Kriegsparteien das Aushungern als Kampfmittel einsetzten. Eines der bisher schlimmsten Beispiele war das palästinensische Flüchtlingslager Yarmuk im Süden von Damaskus, das von der Armee belagert wurde. Abgeschnitten von der Außenwelt wären dort Dutzende den Hungertod gestorben, berichteten Aktivisten im vergangenen Jahr.

Zumindest zeichnete sich am Donnerstag Hilfe für die Menschen in Madaya ab: Syriens Regime stimmte den UN zufolge Lieferungen für die Stadt zu. Eine andere Hoffnung haben die hungernden Einwohner kaum. Immer wieder versuchen Menschen, trotz der Blockade zu fliehen. Doch das sei gefährlich, berichtet Aktivsten Burhan. Einige seien schon ums Leben gekommen, als sie bei der Flucht auf Minen getreten seien.

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