Die Fußball-WM 2026 in Kanada, den USA und Mexiko neigt sich dem Ende zu. Mit dem Spiel um Platz drei und dem Finale sind nur noch zwei Spiele zu spielen. Das waren die Tops und Flops der Endrunde in Nordamerika, sowie die Themen, die für Gesprächsstoff sorgten.
Tops:
Lionel Messi: Der argentinische Superstar ist und bleibt auch im stolzen Fußballeralter ein Phänomen. „Er ist der beste Spieler, den es jemals gegeben hat. Das hat er wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt“, sagte Österreichs Teamchef Ralf Rangnick nach der Gala des 39-Jährigen gegen das ÖFB-Team. Messi führte Argentinien ins Finale, führt mit acht Treffern die Torschützenliste des Turniers an und ist mit 21 Treffern bester Torschütze der WM-Geschichte.
Spanien: Der Star ist das Kollektiv. Keine andere WM-Mannschaft wirkt offensiv wie defensiv so in sich geschlossen wie das spanische Ensemble. Aus dem Team von Trainer Luis de la Fuente ragt niemand heraus, auch Topstar Lamine Yamal nicht – alle agieren auf Augenhöhe. „Ich habe noch nie eine so vorbildliche Gruppe erlebt, auf dem Platz und neben dem Platz“, erklärte de la Fuente. In sieben gemeinsamen Wochen habe es „nicht ein einziges Problem“ gegeben. Manifestiert hat sich das auch auf dem Platz, wo sich „La Roja“ von Spiel zu Spiel steigerte und im Halbfinale gegen Frankreich (2:0) eine taktische Meisterleistung bot.
Top-Stürmer: Die Superstars mit Torauftrag kannten keine Ladehemmung. Überstrahlt von Messi feierten auch Kylian Mbappe (8 Tore), Erling Haaland (7) und Harry Kane (6) persönliche Tor-Festivals. Nicht ganz mithalten konnte Cristiano Ronaldo, der 41-jährige Portugiese erzielte aber immerhin drei Tore und war der einzige seiner Mannschaft, der mehr als einen Treffer verbuchte.
Neue Regeln: Eine echte Wohltat waren die Maßnahmen gegen das Zeitschinden. Der Fünf-Sekunden-Countdown bei Einwürfen und Abstößen sowie die Zehn-Sekunden-Regel bei Auswechslungen führten zur erhofften Beschleunigung des Spiels. Auch das unwürdige Vortäuschen von Verletzungen wurde unterbunden, weil ein Spieler nach einer Behandlung auf dem Spielfeld erst eine Minute nach Spielfortsetzung wieder aufs Feld zurückdurfte.
Die Fans: Rudernde Norweger, biertrinkende Schotten, die ganz Boston verzückten, und Südamerikaner, die die Stadien füllten: Aller Kritik zum Trotz ist auch diese WM ein Event des kulturellen Austauschs. Die Stimmung passt auch auf den Rängen. Trotz Kritik an der Ticket-Politik der FIFA waren die Stadien gut ausgelastet. Auch das Rundherum ging friedlich vonstatten.
ÖFB-Legende: Marko Arnautovic hat seinen Rekord-Status im österreichischen Fußball zementiert. Mit seinen 37 Jahren wurde er der älteste ÖFB-Spieler, der jemals bei einer WM auflief. Viel wichtiger aber: Österreichs Rekordschütze ist nun auch der älteste ÖFB-Torschütze bei einer WM. Mit dem gegen Jordanien versenkten Elfer zum 3:1 löste er Toni Polster ab, gegen Algerien gelang ihm das wichtige 1:0.
Europa: Die Aufstockung der Teilnehmer änderte nichts an der Dominanz der europäischen Länder. Sechs der acht Viertelfinalisten und drei der vier Halbfinalisten kamen aus Europa.
WM-Gastgeber: Die Gastgebernationen nutzten ihren Heimvorteil. Die USA, Mexiko und Kanada schafften allesamt den Sprung in die K.o.-Phase und überstanden auch das Sechzehntelfinale. Endstation war für das Trio danach aber im Achtelfinale.
Afrika: Als größter Gewinner der WM-Aufstockung von 32 auf 48 Nationen kristallisierte sich Afrika heraus. Ihre zehn statt vormals fünf Startplätze wussten die Teams zu nutzen – gleich neun erreichten die K.o.-Phase. Debütant Kap Verde sorgte für mehr als eine Überraschung. Im Sechzehntelfinale war aber meist Endstation, nur Marokko (Viertelfinale) und Ägypten (Achtelfinale) kamen weiter.
Underdogs: WM-Debütant Kap Verde schaffte mit einem 0:0 gegen Spanien die erste Sensation des Turniers, warf den zweifachen Weltmeister Uruguay aus dem Bewerb und zwang Argentinien im Sechzehntelfinale in die Verlängerung. Für weltweite Schlagzeilen sorgte auch Curacao. Das kleinste Land, das jemals an einer WM-Endrunde teilnahm, feierte mit einem 0:0 gegen Ecuador einen historischen Punktgewinn. Die DR Kongo kam bis ins Sechzehntelfinale und stand gegen England vor der ganz großen Sensation, ehe in der letzten Viertelstunde Harry Kane zuschlug.
Torhüter: Unai Simon stellte einen neuen WM-Rekord auf. 649 Minuten blieb der spanische Schlussmann ohne Gegentreffer, erst im Viertelfinale beendete der Belgier Charles De Ketelaere diese Serie. Auch viele andere Torhüter sorgten für positive Schlagzeilen. Vozinha wurde zum Gesicht der Underdogs, der 40-Jährige führte Kap Verde sensationell zu einem 0:0 gegen Spanien und ins Sechzehntelfinale. Eloy Room aus Curacao stellte beim historischen ersten WM-Punktgewinn des Landes (0:0 gegen Ecuador) sogar einen Paraden-Rekord auf. Alexander Schlager war bester Mann im ÖFB-Team und erspielte sich damit einen Vertrag bei Werder Bremen.
Flops:
Fall Balogun: Mit einem Kniefall vor den Mächtigen zog sich die FIFA mit ihrer Entscheidung in der Causa Folarin Balogun weltweite Empörung zu. Der US-Stürmer war im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina ausgeschlossen worden, was normalerweise eine automatische Sperre nach sich zieht. Nach einem Anruf von US-Präsident Donald Trump bei FIFA-Präsident Gianni Infantino setzte der Weltverband die Sperre aber auf Bewährung aus, Balogun durfte im Achtelfinale gegen Belgien spielen. Nicht nur der europäische Verband UEFA zeigte sich „fassungslos über diese beispiellose, unbegreifliche und ungerechtfertigte Entscheidung“.
Umgang mit Iran: Wenig überraschend, dass die Nationalmannschaft des Iran angesichts der politischen Lage mit erschwerten Bedingungen klarkommen musste. Der Umgang mit der Auswahl war aber kein Ruhmesblatt für sportliche Fairness. Das Team musste wegen Einreisebeschränkungen für jedes Spiel aus dem WM-Quartier im mexikanischen Tijuana in die USA einreisen und durfte nur für kurze Zeit vor und nach den Spielen in den USA bleiben. Irans Kapitän Mehdi Taremi sprach von einer „Katastrophen-Weltmeisterschaft“.
Modus ohne Konsequenzen: Einige Top-Nationen gerieten in der Vorrunde ins Straucheln, um letztlich doch alle ins Sechzehntelfinale einzuziehen. Nur 16 der insgesamt 48 Teilnehmer schieden aus. Der neue Modus ging wie erwartet zulasten der Spannung.
Schiedsrichter: Die Politik der FIFA, nicht ausschließlich die besten Unparteiischen zu nominieren, sondern Referees aus allen Kontinenten, rächte sich. Einige Schiedsrichter waren heillos überfordert, am offensichtlichsten der Usbeke Ilgiz Tantashev im Achtelfinale Frankreich gegen Paraguay. Tantashev ließ den Südamerikanern übertriebene Härte und mehrere klare Fouls durchgehen und zeigte den Spielern von Paraguay keine einzige Gelbe Karte.
Deutschland: Nach dem Vorrunden-Aus 2018 und 2022 ging auch in Nordamerika das Achtelfinale ohne das DFB-Team über die Bühne. „Es wäre vermessen, wenn wir nach dem dritten großen Turnier sagen, wir gehören noch zur Weltspitze, das tun wir einfach nicht“, erklärte Julian Nagelsmann nach dem Aus im Elfmeterschießen gegen Paraguay. Wenige Tage später war Nagelsmann als Teamchef Geschichte, Jürgen Klopp soll die Deutschen wieder titelfähig machen.
Türkei: Mit großen Ambitionen waren die Türken zu ihrer ersten WM seit 2002 gereist. Es wurde ein Fiasko. Nach zwei Niederlagen gegen Australien und Paraguay nahm das Turnier für Arda Güler, Hakan Calhanoglu und Kollegen ein jähes Ende.
Asien: Von den neun Teams des größten Kontinents schafften es nur Japan und Australien aus der Gruppenphase. Im Sechzehntelfinale war für beide Schluss.
Preise: Abseits des Rasens sorgte vor allem die Kostenentwicklung für Kritik. Dynamische Ticketpreise, teils mehrere Tausend Dollar für K.-o.-Spiele und das Finale, hohe Park- und Transportgebühren sowie deutlich teurere Speisen und Getränke in vielen US-Stadien ließen den Stadionbesuch für zahlreiche Fans zu einem teuren Spaß werden.
Gesprächsstoff:
Hydration Break: Das vermeintliche Unwort der WM. Unter Pfiffen und Buhrufen der Fans gab es für die Spieler zwei zusätzliche Pausen pro Partie. Die offizielle Begründung: Es soll für das Wohlbefinden der Spieler während der WM gesorgt werden. Hinter der Pause standen aber wohl auch kommerzielle Interessen. Schließlich wurden während jeder der dreiminütigen Spielunterbrechung im TV Werbungen geschaltet. Die Meinungen der Protagonisten über die Kunstpause waren gespalten.
VAR: So wie die Schiedsrichter gerieten auch die Video-Assistenten (VAR) in die Kritik. Es mag einer gewissen österreichischen Perspektive geschuldet sein: Nicht zuletzt Ralf Rangnick kritisierte den VAR für einen uneinheitlichen Einsatz, weil sich Österreich bei der 0:2-Niederlage gegen Argentinien benachteiligt sah. Rangnick äußerte den „unguten Verdacht“, dass sich der VAR gegen größere Nationen weniger einzuschreiten traue. „Wieder einmal hat der VAR einen Kaffee getrunken. ... Es war ein klarer Elfmeter, Rote Karte“, sagte Ghanas Teamchef Carlos Queiroz nach dem Aus gegen England. Tatsache ist aber auch, dass dank Eingriffen des VAR viele Fehlentscheidungen verhindert wurden.
Fitnesszustand des ÖFB-Teams: Das hohe Pressing entwickelte sich unter Teamchef Ralf Rangnick zu einer der größten Stärken der österreichischen Nationalmannschaft. Diese konnte die ÖFB-Elf in Nordamerika aber nur zu selten auf den Platz bringen. Bei vielen Fans, Experten und Ex-Profis entfachte auch deshalb eine Debatte über den Fitnesszustand der Akteure. „Wir haben oft bereits zur Pause Spieler austauschen müssen. Das ist kein Zeichen, wo ich sage, da kann man von einem absoluten Topniveau beim Fitnesslevel sprechen“, sagte ORF-Experte Andreas Herzog. Herbert Prohaska ergänzte: „Unsere Stärken wie hohes Pressing und Bälle erkämpfen konnten wir nicht so ausspielen.“ Rangnick stellte körperliche Defizite als möglichen Grund dafür in Abrede.
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