Mi, 26. September 2018

"Krone"-Reportage

29.11.2015 08:01

Paris und Brüssel: Dem Terror auf der Spur

Wohntürme, Arbeitslosigkeit, Gewalt! Die Pariser und Brüsseler Vororte sind explosive soziale Brennpunkte. Religion und Radikalität gelten hier als "Ausweg".

"Wir haben hier alles", sagt Sabir zur "Krone", während er mit einer Zigarette im Mundwinkel um sich blickt, "vor allem aber eines: unser eigenes Leben." Sabir lebt gerne in Saint-Denis. Dort, wo zuletzt Polizisten eine Wohnung mit Terrorverdächtigen stürmten, zwei Menschen getötet wurden. Dieses Randgebiet nördlich von Paris prägen eigene Gesetze. "Diebstahl und Schlägereien gehören dazu", meint der Maghrebin Ende vierzig, "die Polizei braucht hier aber genauso niemand, wie die Politiker. Die haben versagt."

Vorstädte brannten
Vor allem in den Banlieues par excellence. Clichy-sous-Bois etwa. Besser bekannt als jener Brennpunkt, dessen Bilder im Herbst 2005 um die Welt gingen: Damals hatten Jugendliche Autos, Amtshäuser und Schulen angezündet. Als Rache für den Tod zweier Jugendlicher, die sich auf der Flucht vor der Polizei in einer Trafostation versteckten, dort durch einen Stromschlag starben.

Nicolas Sarkozy, zu dieser Zeit Frankreichs Innenminister, reagierte forsch: "Die Gegend gehört mit einem Hochdruckreiniger gesäubert." Doch verändert hat sich trotz groß angekündigter Pläne wenig: Zig Plattenbauten, die nach 1950 in Zeiten des Wirtschaftshochs entstanden, aber längst als "Wohnsilos" verfallen sind. Jugendliche, von denen rund jeder Zweite unter 25 Jahren arbeitslos ist. Gewalt.

Religion als Ausweg
Viele versuchen sich als Drogen-Dealer. Oder mit Rap-Liedern, doch nur wenige schaffen dadurch die Flucht aus der Tristesse. "Die jungen Leute haben hier das Gefühl, dass sie nichts wert sind", erzählt Mamadou, "oft ist die Religion das Einzige, was ihnen bleibt." Angesichts dessen wirkt die Empfänglichkeit für IS-"Propaganda" und der folgenden Radikalisierung umso größer.

Dass auch Brüssels Vorort Molenbeek so zur Dschihadisten-Hochburg wurde, liegt nahe. Zumal dort mitunter keine Meldepflicht besteht. Und dennoch wollen sich viele Einwohner nicht in die selbe Schublade stecken lassen. "Ich habe hier schon immer gelebt", schildert eine ältere Dame, die nicht namentlich genannt werden will, "so etwas, wie jetzt bei den Razzien, so starke Polizei- und Militärpräsenz - das hat es hier noch nie gegeben." Ihr sei das friedliche Nebeneinander lieber. Tee statt Terror quasi. Ein Motto, das auch den Pariser Banlieues gut stehen würde.

Video: 16 Festnahmen bei Razzia in Brüssel

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