21.08.2015 13:01 |

Nach Fall Anneli

Haller: "Jeder ist böse, jeder Zehnte Verbrecher"

Der Fall der 17-jährigen Anneli, die entführt und brutal ermordet wurde, schockiert derzeit Deutschland. Der Vorarlberger Kriminalpsychiater Reinhard Haller hat für das Magazin "Focus" mit durchaus provokanten Positionen Stellung zu dem Verbrechen genommen. "Jeder Mensch ist von Grund auf böse", erklärt der 63-Jährige etwa. Rund zwölf Prozent der Bevölkerung und damit zumindest jeder Zehnte werden im Lauf ihres Lebens auch tatsächlich straffällig. Der Rest werde erst durch Erziehung und Erfahrung zu einem "sozial verträglichen Wesen".

Laut Haller hätten die beiden Täter "den Plan wahrscheinlich aus Habgier und finanzieller Not gefasst". "Stress, Hetze, Panik ließen die Situation so außer Kontrolle geraten, dass sie das Mädchen umbrachten", analysiert er den Fall Anneli für das Magazin weiter.

"Jeder hat eine natürliche Hemmschwelle"
Für eine solche Tat müsse man allerdings erst einen Moralinstinkt überwinden, der grundsätzlich jedem Menschen angeboren sei: "Jeder hat eine natürliche Hemmschwelle, und die ist für Tötungen außerhalb eines Krieges relativ hoch." Lieblose und bösartige Erziehung, Alkohol- und Drogeneinfluss, Genetik, Persönlichkeitsstörungen oder Wut, Hass und Eifersucht könnten diesen Moralinstinkt allerdings außer Kraft setzen. Die wichtigsten Fähigkeiten, um ein Abgleiten ins "Böse" zu verhindern, seien das Erlernen von Selbstbewusstsein, guter Kommunikation und Empathie.

Haller hatte 2009 mit seinem Buch "Das ganz normale Böse" für Aufsehen gesorgt. Anhand von mehr als 300 nur schwer begreifbaren Tötungsdelikten machte er sich damals auf die Suche nach Hintergründen, die Menschen zu bestialischen Gewalttaten treiben. Sein Fazit im letzten von 15 Kapiteln: "Das Böse ändert sein Gesicht und zeigt sich in immer neuer Form, sein Potenzial ist unerschöpflich."

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