Überwachung zeigt:

Aliyevs Zelle in Todesnacht 14 Stunden ungeöffnet

Österreich
03.03.2015 18:38
Drei Betten, drei Kästen, zwei Tische und ein Fernseher - in der etwa 15 Quadratmeter großen Zelle auf der Krankenstation der Justizanstalt Wien-Josefstadt hatte der kasachische Ex-Botschafter Rakhat Aliyev seine letzten Stunden verbracht, ehe er am Dienstag vergangener Woche tot aufgefunden wurde. Erhängt an einem Haken in der Nasszelle. Laut Aufzeichnungen war davor 14 Stunden lang niemand in seiner Zelle gewesen. Damit erhärtet sich für die Ermittler die Selbstmordthese.

Drei Justizwachebeamte waren in der Nacht von Aliyevs Tod für die Kontrolle der Station zuständig. In den Zellen gibt es keine Kameras, jedoch könnte durch das Fenster für die Essensausgabe Einblick genommen werden. "Das wurde aber auch nicht geöffnet", erklärte die Leiterin der Justizanstalt Josefstadt, Helene Pigl, am Dienstagnachmittag.

Letzter Kontakt mit Wache um 17.18 Uhr
Über den Türstandsanzeiger - ein elektronischer Kontakt zwischen Tür und Rahmen, der anzeigt, wann die Zelle auf- bzw. wieder zugesperrt wird - ist deutlich zu sehen: Rund 14 Stunden lang hat niemand Aliyevs Zelle betreten. Um 17.18 Uhr wurde die Zelle geöffnet, dem Vernehmen nach erfolgte zu dieser Zeit die Medikamentenausgabe. Nur 31 Sekunden später wurde der Haftraum für die Nacht verschlossen.

Blick in den Sanitärbereich der Zelle (Bild: APA/HELMUT FOHRINGER)
Blick in den Sanitärbereich der Zelle
Diese Zellentür wurde laut Protokoll und Überwachungskamera 14 Stunden lang nicht geöffnet. (Bild: APA/HELMUT FOHRINGER)
Diese Zellentür wurde laut Protokoll und Überwachungskamera 14 Stunden lang nicht geöffnet.
Überwachungsbilder aus der Justizanstalt Wien-Josefstadt (Bild: APA/HELMUT FOHRINGER)
Überwachungsbilder aus der Justizanstalt Wien-Josefstadt
In diesem Trakt befindet sich die Zelle Aliyevs. (Bild: APA/HELMUT FOHRINGER)
In diesem Trakt befindet sich die Zelle Aliyevs.
Auf diesem Protokoll ist zu sehen, wann die Zellentür geöffnet und wieder versperrt wurde. (Bild: AP/HELMUT FOHRINGER)
Auf diesem Protokoll ist zu sehen, wann die Zellentür geöffnet und wieder versperrt wurde.

Zwischen 17.19 Uhr und 7.26 Uhr starb der Ex-Botschafter. In dieser Zeit habe es keine Bewegungen gegeben, so Pigl. Am Morgen des 24. Februar wurde die Leiche Aliyevs mit Mullbinden erhängt an einem Haken der sogenannten Nasszelle, einem Raum mit Waschbecken und Toilette, aufgefunden.

Videoaufnahmen zeigen keine Bewegungen vor Zellentür
Auf ersten Auswertungen der Videoaufnahmen sind der Staatsanwaltschaft zufolge keine Anzeichen auf Fremdeinwirkung zu sehen. Peter Prechtl, der Leiter der Vollzugsdirektion, kann einer Mordtheorie nichts abgewinnen. "Ich halte es für ausgeschlossen", meint der General. "Manipulieren kann man immer was, aber ich bin überzeugt, dass in dem Fall nichts manipuliert wurde", ist sich Prechtl sicher. "Jede Bewegung einer Tür ist sichtbar", stellte auch Pigl fest. Wäre der kasachische U-Häftling in seiner Zelle überwältigt und ermordet worden, hätte man den Übergriff hören müssen, so Prechtl.

"Haftraum nicht öffnen": Zelle derzeit versiegelt
Die Staatsanwaltschaft Wien hat die Polizei mit den Ermittlungen beauftragt, die Zelle Aliyevs darf seitdem nicht mehr betreten werden. "ACHTUNG! Haftraum nicht öffnen" steht auf einem weißen Zettel, der mit zwei Klebestreifen an der schweren Zellentür angebracht ist. Aliyevs Haftraum befindet sich im fünften Stock der Krankenabteilung. "Z5/10" - wie die Justizwachebeamte den Raum nennen - ist der letzte Raum in dem kurzen Gang. Eine Überwachungskamera hängt direkt über der Tür, gibt Einsicht in das Geschehen vor der Zelle und am Gang. "Die Aufzeichnungen wurden von der Polizei mitgenommen", sagt Pigl.

Aliyev war alleine in einem Drei-Mann-Raum
Dass Aliyev allein in einem Drei-Mann-Haftraum untergebracht war, hat einen einfachen Grund: Der Ex-Botschafter hatte seit Jänner von der Staatsanwaltschaft einen Laptop zur Verfügung gestellt bekommen, um jederzeit Einblick in das umfangreiche Material seiner Prozessakten zu haben, erklärt die Anstaltsleiterin. "Damit wir Manipulationen am Gerät ausschließen können, musste er alleine sein." Untertags hatte er jedoch, wie jeder andere Strafgefangene auch, Kontakt zu Mithäftlingen, mit denen er etwa Schach gespielt hat. "Wenn sie das Bedürfnis haben, auf den Gang hinauszugehen, können sie das durchaus machen", so Pigl.

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