Bereits im Vorfeld hatte das Game für gehörigen Wirbel gesorgt. England, Amerika und auch Australien zeigten sich von der Spielidee alles andere als begeistert. Schließlich hat die Kunst aus der Sprühdose allgemein keinen sehr guten Ruf und wird von einem Großteil der Bevölkerung als Schmiererei abgetan. Doch Mark Ecko, Namensgeber des Spiels, Graffiti-Legende und Gründer des Mode-Labels Ecko, möchte mit "Getting Up: Contents under Pressure" beweisen, dass hinter all den bunten Bildern etwas mehr steckt.
Protagonist des Spiels ist der junge Writer (Sprayer) Trane, der mit Eddings, Dosen und Stickern gegen die Obrigkeit der Stadt New Radius in die Schlacht zieht, um einen korrupten Bürgermeister zu Fall zu bringen. Ähnlichkeiten zu New York, der Geburtsstätte der Dosenkunst, sind wahrscheinlich rein zufällig. Am Anfang einer jeden Mission steht das "Blackbook", die Bibel eines jeden Writers. Hier wählt Trane aus seinen Skizzen und Entwürfen die passenden Motive für den nächsten Streifzug. Zu Beginn des Spiels sind die Seiten noch recht leer, durch gewonnene Erfahrung und Inspiration kommen schnell neue Motive hinzu.
Anschließend geht es stilecht mit der Metro zum nächsten Einsatzort. Die Aufgaben sind vielfältig: Mal muss der Held in luftigen Höhen Fassaden verschönern, dann geht es wieder in die Tunnel der Subway, um "Trains zu bomben" – Züge anzumalen. Wenn es sein muss, auch bei voller Fahrt. Doch leider ist Trane nicht alleine in der Stadt: Rivalisierende Gangs und die Exekutive erschweren das Arbeiten. Zum Glück ist er aber ein flinker Bursche, der geschickt an Dachrinnen hochklettern oder über Stahlträger balancieren kann. Zudem kann Trane nahezu lautlos durch kleine Lüftungskanäle kriechen. Ein athletisches Multi-Talent also.
Von Zeit zu Zeit lässt sich ein Kontakt mit Gegnern jedoch nicht vermeiden. Dann heißt es, mit allerlei Kombos den Gegner zur Strecke zu bringen. Herumliegende Gegenstände wie Bretter oder Eimer können als Waffe eingesetzt werden. Problematisch wird es immer dann, wenn die Cops plötzlich mit Elektroschockern oder scharfer Munition aufwarten. Hat Trane jedoch erst einmal für Ruhe gesorgt, dann geht es endlich ans Werk. Hier kommt seine Intuition zum Einsatz: Durch einen Knopfdruck werden ihm die Plätze angezeigt, die für ein schmuckes Graffiti besonders geeignet sind. Natürlich kann der Spieler aber nach Lust und Laune fast überall und jederzeit sprühen, für das Gelingen der Mission ist dies aber nicht entscheidend.
Vor der Wand stehend muss dann nur noch über das digitale Steuerkreuz das passende Motiv sowie die Farbe ausgewählt werden. Auf Knopfdruck beginnt die Farbe zu laufen und die Uhr zu rennen, denn Trane hat pro Piece nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung. Trotz allem ist Hektik zu vermeiden, denn für Lacknasen gibt es später Punkt-Abzug. Darüber hinaus muss Trane darauf achten, dass er nicht von Cops oder Passanten erwischt wird. Auch vorbeirasende Züge können in schmalen Tunneln dem Leben schnell ein Ende bereiten. Ist alles gut gegangen, dann gibt es Ruhm-Punkte. Je mehr Punkte, umso besser auch die Skills, mit denen Trane die Bilder auf die Wand zaubert.
Mit fortschreitenden Fähigkeiten schaltet Trane nicht nur neue Motive frei, es kommen auch weitere Kombos hinzu. Durch geschicktes Product-Placement kann Trane zudem mit seinem Nokia-Kamerahandy Bilder von den Kunstwerken alter Graffiti-Größen schießen oder Songs für seinen iPod freischalten. Die Musik ist übrigens allererste Sahne: Neben Oldschool-Musik aus dem Film "Wildstyle" geben sich auf dem Soundtrack Acts wie Mobb Deep, Fort Minor, RJD2 oder DJ Vadim die Ehre. Auch die Synchronisation sollte Erwähnung finden: Während in der englischen Version US-Rapper Talib Kweli dem jungen Trane seine Stimme lieh, so ist in der deutschen Version Rapper Afrob zu hören. Der macht seinen Job zwar ganz gut, doch der typische Hip-Hop-Slang wirkt durch all die "mega", "fett" und "krass" selbst für abgebrühte Hip-Hop-Fans auf Dauer mega-aufgesetzt und fett-peinlich.
In punkto Grafik gibt es keinen Grund zur Klage, zumal es ja am Spieler selbst liegt, die tristen Betonmauern zu verschönern. Selbst Graffiti-Neulinge dürften recht schnell Gefallen an den vielen bunten Kunstwerken finden. Manche Charaktere hätten zwar weniger klobig ausfallen können, dennoch sind die Level sehr stimmungsvoll gestaltet. Auch beim Gameplay gibt es wenig zu kritisieren, wenngleich eine mitunter fixe Kameraperspektive ein exaktes Arbeiten gelegentlich erschwert.
Fazit: "Marc Ecko’s Getting Up: Contents under Pressure" glänzt durch eine neue, frische Idee, gelungene Grafik und "fetten" Sound. Als ein wenig störend wurden die vielen Prügeleien empfunden, die aufgesetzt wirken und letzten Endes auch nicht gerade Image fördernd sind. Dennoch bietet das Game einen guten Einblick in das Schaffen der Straßen-Künstler und dürfte aufgrund des abwechslungsreichen Gameplays (Geschicklichkeit, Jump'n'Run und Beat'em Up) auch Nicht-Sprüher für lange Zeit begeistern.
Plattform: PS2, Xbox, PC
Publisher: Atari
Krone.at-Wertung: 86%
von Sebastian Räuchle
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