Roncallis Jubiläumsshow verbindet große Circuskunst mit leisen Gefühlen. Lili Paul-Roncalli verneigt sich auf ihre Weise vor ihrem Vater.
Bei Roncallis 50. Jubiläumspremiere bei der Innsbrucker Olympiaworld begann die Vorstellung schon vor dem Zelt. Blattgold schimmert auf historischen Circuswagen, nostalgische Fahrgeschäfte drehen sich zu vertrauten Melodien. Dazwischen zieht der Duft von Popcorn und gebrannten Mandeln über den Platz.
Das liebevoll gestaltete Ensemble lässt für ein paar Stunden den Glanz der Belle Époque aufleben – und stimmte auf eine Show ein, die diesem Zauber mit spektakulärer Artistik ihre eigene Lebendigkeit gibt. Zum 50. Geburtstag entsteht unter dem blau-weiß gestreiften Zeltdach eine Welt, deren Wärme in den Details liegt: in einem musikalischen Übergang, einer Geste, einem Kostüm, das schon vor der ersten Bewegung eine Geschichte erzählt.
Bernhard Paul denkt Circus vom Theater her. Musik, Licht und Artistik gehören für ihn zusammen; die Clownerie schöpft aus Commedia dell’arte, Pantomime und Straßentheater. Seine Sammelleidenschaft liefert dafür den Fundus. Was ihn an vergangenen Zeiten begeistert, bekommt in der Manege ein neues Leben. Das sechsköpfige Roncalli-Ballett führt tänzerisch von einer Szene zur nächsten, mal verträumt, mal temperamentvoll. Spiegelkleider fangen das Licht, üppige Rokoko-Kostüme verwandeln die Manege in einen Ballsaal. Aus einzelnen Nummern wächst ein Abend mit eigenem Atem. Nostalgie gibt ihm Wärme, die Lust am Neuen hält ihn wach.
Wo selbst die Schwerkraft ins Staunen kommt
Pavel Valla Bertini lässt sein Einrad Rad um Rad in schwindelerregende, unglaubliche Höhe wachsen. Mit jedem Reifen steigt die Spannung. Seit Kindertagen in der Manege zu Hause, hält er auch hoch über dem Boden spielerisch die Balance. Venice Carnival bringt Übermut in die Manege: Die Artisten schnellen vom Trampolin empor, überschlagen sich und finden am Barren wieder Halt.
Ihre Kostüme und ausgelassenen Posen erinnern an die spätmittelalterlichen Moriskentänzer. Hinter dem vergnügten Spiel steckt höchste Präzision. Ilena Pastorino und Julieta Pachame tragen ihren Tanz in die Luft: Als Duo Hair Suspension schweben sie allein an ihren Haaren über der Manege. Die seltene Kunst des Zopfhangs verlangt enorme Körperkontrolle. Bei ihnen bekommt sie eine fast unwirkliche Anmut.
Alexandra Saabel spielt mit unseren Gewissheiten und mit unserer Fantasie: Menschen verschwinden und tauchen anderswo wieder auf. Über ein Jahr tüftelte sie mit ihrem Partner Ilja Smyslov an den Illusionen. Auch die märchenhaften Kostüme stammen aus ihrer Hand. Dann der Clown Housch-Ma-Housch: Ein Mikrofon, ein Streifen Klebeband – und schon gerät die Ordnung aus den Fugen. Er zieht, das Band gibt den Rhythmus vor, das Publikum macht mit. Für diese Komik braucht es wenig Aufwand, aber einen Künstler, der sein Handwerk beherrscht. Die Freude springt über die Manege und macht aus Fremden ein gemeinsames Publikum.
Die wunderschöne Tochter erzählt den Vater weiter
Lili Paul-Roncallis Darbietung gehört zu den berührendsten Momenten des Programms. Am Trapez beginnt sie, über Tanz und Kontorsion führt ihr Weg zur Stuhlbalance. Ihr Körper beschreibt Bögen, hält inne, findet das Gleichgewicht. Hinter der Eleganz steht eiserne Disziplin. Die Stühle tragen eine Erinnerung: Bernhard Paul zeigte als Jugendlicher selbst Artistik auf übereinandergestellten Stühlen.
Seine Tochter greift diesen frühen Versuch auf und macht daraus ihre eigene Nummer. Darin liegt etwas Zärtliches. Lili bewahrt den Anfang ihres Vaters, indem sie ihn weiterführt. Für einen Moment schrumpfen die fünf Jahrzehnte zwischen seinem Aufbruch und ihrem Auftritt auf einen gemeinsamen Augenblick.
Ein ganzer Abend bekommt seinen vielfältigen Klang
Seit über vier Jahrzehnten prägt Musikdirektor Georg Pommer den unverwechselbaren Roncalli-Sound. Der Jazzpianist, Komponist und Arrangeur entwickelt ihn eng mit Bernhard Paul. Sein Royal Orchestra lässt Beatles-Melodien und Rock’n’Roll durch die Manege ziehen, begleitet jede Bewegung und setzt die Pointen musikalisch. Die Livemusik, in deren Zentrum die stimmgewaltige Sängerin Lina Maria Posado Arroyane steht, ist ein Hauptdarsteller.
Zum großen Finale versammeln sich alle Artisten noch einmal in der Manege und laden einige Gäste aus dem Publikum zu einem gemeinsamen Tänzchen ein. Zum Abschied danken die Zuschauer den Künstlern mit minutenlangen Standing Ovations. Und irgendwo zwischen Lachen und Luftanhalten stellt sich dieses seltene Glück ein: Man sitzt unter vielen Menschen und fühlt sich mit seiner Begeisterung ganz aufgehoben.
Was für ein Abend! Roncalli begeisterte mit Prominenz, Artistik, Livemusik und opulenten Kostümen. Clowns und die Einbindung des Publikums sorgten für herzhaftes Gelächter. Zu sehen gab es allerhand, aber könnte man selbst eine Rolle in der Manege einnehmen? „Als Akrobat würde ich keine Minute überleben, als Zirkusdirektor schon eher und die Rolle des Clowns würde mich interessieren“, sagte Entertainer, Schauspieler und Intendant Alfons Haider, Ehrengast der „Krone“.




LR Mario Gerber würde die sportliche Rolle des Akrobaten gefallen, Schauspieler und Volksschauspiele-Capo Gregor Bloéb hingegen findet jeden Tag ein Stück Clown in sich: „Ich bin mein eigener Clown, ich stehe auf, mache einen Witz, dann lache ich über mich selbst und dann ist alles wieder super.“ In die Vorstellung hineingrätschen wollte aber dann doch keiner.
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