Vor sechseinhalb Jahren stand Céline Dion das letzte Mal auf einer Bühne, eine Krankheit verunmöglichte daraufhin Auftritte – jetzt gibt sie gerade ihr viel umjubeltes Comeback in Paris, ein Triumph über alle Schmerzen. Die „Krone“ war live dabei und wurde Zeuge eines Abends, der weit über musikalische Maßstäbe hinausreichte.
Bei der vierten Nummer „Encore un soir“ ist es so weit. Nachdem Céline Dion für die Performance besonders viel Applaus bekommt, rollen ihr am Mittwochabend das erste Mal Tränen der Rührung von der Wange. Es sind die Tränen eines Comebacks, das es in der Form noch nicht gegeben hat und das in der Musikhistorie zweifellos seinesgleichen sucht. Es ist vor rund 30.000 Fans in der restlos ausverkauften Plenitude Arena das zweite von insgesamt 16, die die Frankokanadierin in diesem Herbst spielen wird.
Neun Millionen Menschen wollten Konzerttickets haben
Wegen der großen Nachfragen wurden für Mai 2027 bereits weitere zehn Gigs fixiert – natürlich gibt es dafür keine Karten mehr. Für die insgesamt 900.000 Tickets, die insgesamt an die Frau und den Mann gebracht wurden, gab es laut dem „Billboard Magazine“ nicht weniger als neun Millionen Bewerbungen. Noch beliebter war nur die Oasis-Reunions-Konzerte 2025, aber die waren sogar ganze 16 Jahre von der Bildfläche verschwunden und hatten schlichtweg keine Lust mehr an gemeinsamen Auftritten – Goldstimme Dion war es physisch nicht mehr möglich.
Am 8. März 2020 stand sie in New Jersey das letzte Mal auf der Bühne, dann kam Corona. Als sie 2022 ein Comeback wagen wollte, wurde sie vom Stiff-Person-Syndrom ausgebremst, einer seltenen neurologischen Krankheit, die mit Muskelversteifungen und heftigen Krämpfen einhergeht. Die als unheilbar geltende Krankheit war für Dion nicht nur gesundheits-, sondern auch karrierebedrohend. Mehrmals musste sie eine geplante Tour verschieben und absagen, schämte sich für ihre eigene Unzuverlässigkeit und verlor fast die Freude an ihrer größten Leidenschaft.
Bilder, die man nicht vergisst
Die 2024 veröffentlichte Doku „I Am: Céline Dion“ zeigt schonungslos auf, wie sie erschöpft und hilflos in Las Vegas vegetiert und sich mühsam zurückkämpft. Bei einem wilden Krampfanfall hält die Kamera auf ihren eigenen Wunsch minutenlang drauf, um das Elend in seiner vollen, niederträchtigen Pracht zu dokumentieren. Diese Bilder brennen sich auch bei Nicht-Dion-Fans nachhaltig ein.
Szenenwechsel in die Pariser Arena. Mit dem programmatischen „On ne change pas“ und einer mitreißenden Version von „Destin“ leitet Dion in das Set, das die Fans auf den durchwegs bestuhlten Plätzen von Sekunde eins an von den Sesseln reißt. Mit „Because You Loved Me“ folgt an dritter Stelle der erste englischsprachige Song. Dion ist sehr schlank, bewegt sich in ihrer traumhaften Robe grazil wie ein schwarzer Schwan über die opulente Bühne und zeigt sich ein ums andere Mal vom Fanzuspruch ergriffen.
Schon vor ihrem Auftritt ging wieder und wieder die Welle durch die Arena, bei „Purple Rain“ groovten sich die dürstenden Fans früh und passend ein. Waren bei der ersten Comeback-Show vergangenen Samstag noch leichte Wackler zu verorten, ist Vollprofi Dion trotz aller Nachteile und Rückschläge an diesem Abend fast schon makellos. Souveräne Tonlagen, auch in die gefährlichen, weil krampffördernden hohe Bereichen, eine ladylike Performance und eine hervorragende Background-Band bestehend aus Pianisten, Streicherquartett, zwei Rockgitarren und jede Menge Backgroundstimmen.
Von der Ohnmacht zum Triumph
Mit dieser Gemengelage gerät auch der zweite Paris-Gig zum Triumphzug in der Stadt des Triumphbogens. Das Konzert ist in vier Akte unterteilt und nach jede wird ein thematisch für die Künstlerin wichtiges Video eingespielt. Das erste zeigt Dion bei Vollmond durch eine Wüstenlandschaft schreiten, bis die Mischung aus „Dune“ und „Mad Max“ vor einer Steinwand landet. Vor dem zweiten Akt lässt sie sich beim zwischenmenschlichen Paartanz fallen und man erkennt langsam die Ordnung. Es geht von der gefühlten Ohnmacht hinaus in die weite Welt, befreit und wieder entfesselt.
Dementsprechend gibt es mit Songs wie „J’rai ou tu iras“ oder „Ne bouge pas“ einen Part mit viel Rock’n’Roll, bei dem Dion auch ihr in Teilen tieferes und dunkleres Timbre in Szene setzen kann. Doch auch das vakante Hoch geht. Die Range beim „Titanic“-Klassiker „My Heart Will Go On“ und bei ihrem internationalen Durchbruchssong „Beauty And The Beast“ ist beeindruckend und die überschwänglichen Publikumsreaktionen lassen die Äuglein der Künstlerin vor ehrlicher Freude und Dankbarkeit sofort wieder nass werden.
Den in Akten aufgeteilten Songs wird ein gefinkeltes Bühnenkonzept beigestellt. Die von Creative Director Willo Perron kreierten, aschgrauen Monolithen rotieren und öffnen sich, um mit Fortdauer der Show immer mehr Musiker freizugeben, bis hin zu einem 20-köpfigen Gospel-Chor, der in der Endphase aus dem souligen „Love Can Move Mountains“ und dem andächtigen „The Prayer“ wahre Ereignisse macht. Darüber thront eine Leuchtgebilde, das an das Sibelius-Monument in Helsinki erinnert und sich passend zu Songs wie „I Feel Love“ oder „I’m Alive“ in eine Discokugel verwandlet.
Die Veränderungen am Bühnenbild symbolisieren sozusagen chronologisch die Wandlung von Dions innerer Verschlossenheit hin zu diesen Momenten in dieser Arena, einer der wohl wichtigsten Ereignisse in ihrem gesamten Leben. Mit Schicksalsschlägen umgehen kann sie, die einst ihren Ehemann und ihren Bruder innerhalb von nur zwei Tagen an Krebs verlor. Das Stiff-Person-Syndrom trainierte sie sich mittels Yoga, Pilates, viel Ehrgeiz und den richtigen Medikamenten so weg, dass nicht nur dieses epische Gesangs-Comeback, sondern auch ein fast normaler Alltag möglich sind.
Herzlichkeit weit über die Bühne hinaus
Die Euphorie hat ganz Paris erfasst. Schon vor zwei Wochen bezog die Künstlerin in einem noblen Innenstadthotel Quartier, um akribisch für die Konzerte zu proben. Fans belagern das Hotel täglich, die Künstlerin scherzt nachts nach den Proben oft mit ihnen, stellt ihren Hund vor, unterschreibt ihre Platten und CDs und hat, wenn sie mal ganz müde ist, immer ein herzliches Winken für alle im Talon.
So unnahbar und divenhaft Dion früher galt, so zugänglich, dankbar und mit sich und ihrer Welt im Reinen ist sie in der Gegenwart. In Paris eröffnete ein Popup-Store, überall lacht Dion als Werbe-Testimonial herüber und das offiziellen Merchandise-Preise selbst für den Superstarstatus astronomisch sind (Weste: 110 Euro, Pulli: 105 Euro, ein simpler Fächer: 40 Euro), nimmt ihr auch niemand krumm. So dankbar und ergriffen sich die Künstlerin immer wieder ans Herz greift und sich gegen Ende zunehmend verbeugt, so dankbar sind auch ihre Fans, die noch vor einem Jahr von so etwas wie hier und heute nicht zu träumen gewagt hätten.
Das Publikum ist nicht zuordenbar. Geschlecht, Alter, Hautfarbe - alle komplett durchgemischt. Dions Lieder und ihr unvergleichliches Charisma verwandeln die Heterogenität des Auditoriums in eine fast schon salbungsvolle Homogenität. Für Céline ist jedes gelungene Lied ein Triumph. Wiewohl man die Kunst niemals mit dem Sport vergleichen darf, sind die Parallelen hier enger gezogen als sonstwo. Es ist eine Heldinnengeschichte. Eine Rückkehr, geboren aus Blut, Schweiß und Tränen. Aus Ehrgeiz, Sturheit und einer überschäumenden Dosis Wahnsinn.
Am Ende singt Céline auf Italienisch Oper bei „La Wally“ und reißt den Fans noch einmal die Gänsehaut auf den unteren Armen hoch, bevor sie sich im Schluss beim Eric Carmen-Cover „All By Myself“ versucht, dem schwierigsten Lied, das sie nicht perfekt hinbekommt, aber mithilfe des Publikums als letzter gemeinsamer Höhepunkt notiert werden kann. Céline Dions Rückkehr auf die Weltbühne ist nicht bloß ein musikalisches Comeback, es ist ein in Ton gegossenes Manifest von Stärke, Resilienz und Empowerment – diese Frau lässt keinen Schmerz in ihr Leben.
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