8000 Fans live dabei

Bibiza in der Metastadt: „Oida, bist du deppat“

Musik
25.07.2026 11:30

8000 Fans waren Freitagabend in der restlos ausverkauften Wiener Metastadt, um dem bislang größten Bibiza-Konzert beizuwohnen. Der 27-jährige Floridsdorfer hielt dem Druck stand und konzertierte mehr als zwei Stunden zwischen Rap, Rave und rockigem Rabaukentum. Franz Bibiza ist der heimische Popstar der Gegenwart. Er genießt den Moment, indem er mit seinen Fans zerfließt.

kmm

Als Anna Francesca aka Beaks pünktlich um 19 Uhr bei angenehmen Spätsommertemperaturen den Abend eröffnet, findet sich schon eine stattliche Anzahl an begeisterten Fans ein. Optisch vermischt die bereits Popfest, Elevate und diverse größere Konzerte geschulte Durchstarterin Filigranes mit Ungezähmten. Unten die zerfetzte Netzstrumpfhose Marke Rrrriot Girl, oben der Hochzeitsschleier, der für den passenden Gegensatz sorgt. Musikalisch greift Beaks samt kundiger Band in Richtung 90er-Grunge mit Patti-Smith- und dunkler Indie-Girl-Attitüde. Mit Songs wie „Dirty Girls“, „Bite Me“ oder „White Lies“ hat sie schon einige Duftmarken in der hiesigen Szene gesetzt. Bibiza-Fans kennen Beaks schon von einer gemeinsamen Tour, sind zuweilen ganz textsicher. Die offen zur Schau gestellte Nonchalance weicht ein bisschen der nicht zu verbergenden Freude über die gute Stimmung und den Zuspruch. Im Gitarrenlärm bleibt genug Platz für Coming-Of-Age-Lyrik und Nihilismus. Nur das Tokio Hotel-Cover „Monsun“ schmerzt – die schiefe „Bad Attitude“-Stimme will leider so ganz und gar nicht zum alten Popsong passen.

Oben Hochzeit, unten Anarchie: Anna Francesca aka Beaks ist bereits Bibiza-erprobt und deutlich ...
Oben Hochzeit, unten Anarchie: Anna Francesca aka Beaks ist bereits Bibiza-erprobt und deutlich rotziger unterwegs.(Bild: KATRIN SCHMIRLER)

Kontrabass und Kabarett im queeren Korsett
Für die verletzt ausgefallene Kayla Shyx wurde noch auf den letzten Metern Ersatz gefunden. Die Hälfte des Projekts Frau Thomas und Herr Martin ist Tom Neuwirth aka Conchita Wurst, die sich im oberkörperfreien Lederkorsett als Wienerlied-Domina inszeniert, während ihr guter Freund Martin Zerza die Jeans-Hotpants trägt. Mit Schlagzeug und Kontrabass wird hier fast schon hochkulturell musiziert und vor allem mit gesanglich toller Qualität beeindruckt. „Lieder aus dem lustigen Leben“ verheißen eine Mischung aus Böhmischer-Prater-Atmosphäre, Humor und offenen Traditionalismus. Das in der Pandemie geborene Projekt scheut auch nicht davor zurück, kabarettistische Züge einzubauen und mit viel Wiener Lokalkolorit für das eine oder andere Schmunzeln zu sorgen. Ob das Bibiza-Publikum wirklich die perfekte Zielgruppe für diese Art von Performance ist, sei dahingestellt, Frau Thomas und Herr Martin sind aber auch erst in höchster Not eingesprungen, um den Konzertabend zu vervollständigen. Reife Leistung – die Bauernsilvestershow am 30. Dezember im Wiener Konzerthaus wird aber der passendere Rahmen sein.

Erst kurzfristig rutschten Martin Zerza und Tom Neuwirth für die verletzte Kayla Shyx ins ...
Erst kurzfristig rutschten Martin Zerza und Tom Neuwirth für die verletzte Kayla Shyx ins Line-Up. Mission gelungen.(Bild: KATRIN SCHMIRLER)

Das Guerilla-Marketing von Franz Bibiza hält Wien schon seit Wochen in Atem. Auf weißen Plakaten wird die Frage „Who The Fuck Is Frank?“ gestellt und auf ein „Soda Zitron“ verwiesen. Das vor dem bekannten Szenecafé Savoy beim Wiener Naschmarkt gedrehte Video dazu wurde längst zum Kult und der dazugehörige Song zum inoffiziellen Sommerhit des Jahres. Keine Frage – Bibiza gehört die österreichische Pop-Gegenwart. So wie Bilderbuch vor gut zehn Jahren schafft es der Nachkomme einer bekannten Floridsdorfer Hutmanufaktur musikalisch wie auch textlich den Zeitgeist einer ganzen Generation zu treffen und dabei einen kaum merkbaren Trennschnitt zwischen Realismus und Fiktion zu setzen. Wenn Bibiza das Kokain propagiert, von durchzechten Nächten schwärmt oder mit den schönsten Frauen der Stadt flirtet, dann weiß man nie so recht, ob toxischer Hallodri oder augenzwinkernder Schwerenöter mit viel Sarkasmus. Zumindest hat er sich die wenig souveräne Unart des Ausladens von Medien bei seinen Konzerten (wie 2025 im Wiener Gasometer passiert) dieses Mal gespart – sein am 31. Juli erscheinendes Album „Rocknrollst☆r“ soll wohl so viel Staub wie möglich aufwirbeln und er nutzt die Gunst der Stunde.

Hallo Franz – für Bibiza war der Abend in Wien-Donaustadt auch alles andere als alltäglich.
Hallo Franz – für Bibiza war der Abend in Wien-Donaustadt auch alles andere als alltäglich.(Bild: KATRIN SCHMIRLER)

Vom Rapper zum Rockstar
Den bislang größten Auftritt seiner Karriere kann der 27-Jährige selbst kaum fassen. „Was geht hier ab? Oida bist du deppat?“ tönt es schon nach dem Opener und Titeltrack des kommenden Albums, bevor beim ebenfalls neuen „Franz“ die Hives-Gitarren riffen. Der bislang rappende, und sich gerne im Wiener Schicki-Micki- und Elektropop suhlende Bibiza hat nämlich seine Liebe für die lauten Rockgitarren wiederentdeckt, was bisherige Fans herausfordert, ihm aber bislang nicht geschadet hat. Das Selbstvertrauen ist groß, das beweisen die schnell exerzierten neuen Songs „Call My Manager!“ oder „Hotel Imperial“, bevor mit „Eine Ode an Wien“ eine seiner hedonistischsten, aber auch besten Nummern für lauten Jubel sorgt. Bibiza sieht seine Musik in Farben – die Rockstar-Phase ist die weiße. So inszeniert er sich und seine Band durchgehend, baut auch die mit wehenden Seidentüchern besteckte Bühnendeko so auf und der Eingangsbanner erinnert an David Bowies „Blackstar“-Piktografie.

Bei der Stimmung darf man schon mal lachen. Vor allem dann, wenn das Zusammenspiel mit der Band ...
Bei der Stimmung darf man schon mal lachen. Vor allem dann, wenn das Zusammenspiel mit der Band superb funktioniert.(Bild: KATRIN SCHMIRLER)

Im Laufe des Gigs pendelt sich der anfangs verwaschene Sound ein und lässt den Abend zu etwas Großem gedeihen. Im Live-Korsett merkt man erst, wie vielseitig und bunt Bibiza komponierte. Der Spannungsbogen ist in Subgenres aufgeteilt. Massentaugliche Partykracher wie „Soda Zitron“ oder die kommende Single „Schnapsidee“ reihen sich aneinander so wie ein Party-Rave-Teil mit „Galopp!“ (ohne Ikkimel), „Blau“ und „Waschmaschine“ samt einer Truppe „Bademeister“, die in Bademänteln und mit Handtüchern über die Bühne springen. Auch Melancholisches und Älteres, mit dem Rap Zugeneigtes wird im Bündel exerziert. Bibiza sucht bei „angefahren“ ein Bad in der Menge und hofft inständig: „Bitte haut’s mir nicht auf die Goschn“. Niemals – der Sänger selbst propagiert Liebe, Zusammenhalt und das gegenseitige Aufpassen, befindet sich „Am Weg in die Villa“, besingt die „Akademie der Bildenden Künste“ oder spielt akustisch „Der Schaffner“, das „fetzndeppate“ Lied, das er letztes Jahr nach einem Gig in der Schweiz im Tourbus einspielte. Der Schweizer Pippo bekommt dafür endlich seine Klampfe zurück – signiert. Davor darf er auf der Bühne beim Song mitschunkeln.

Am 31. Juli erscheint Bibizas neues, besonders rockiges Studioalbum. Den Großteil der Songs hat ...
Am 31. Juli erscheint Bibizas neues, besonders rockiges Studioalbum. Den Großteil der Songs hat er in der Metastadt bereits live vorgestellt.(Bild: KATRIN SCHMIRLER)

Liam Gallagher im Mundlkostüm
Das Publikum singt textsicher mit und Bibi kriegt gar nicht genug. Pyroeffekte, Liebesbekundungen und echte Zuneigung. „Unten da steht’s ihr, ihr Legenden.“ Dazu ein Cover des leidlich bekannten 90er-Hits „Narcotic“ von Liquido, das Bibizas Stimm-Range perfekt schmeichelt. Irgendwo zwischen all den nihilistischen Texten verstärkt sich der Eindruck, dass der offen zur Schau gestellte Liam Gallagher im Mundlkostüm am liebsten seinem inneren kleinen Selbst zeigen möchte, was hier passiert ist. Immer wieder bricht sich Ungläubigkeit Bahn vor dem Metastadt-Schornstein. „Ich habe mir einiges vorgestellt, als ich vor 13 Jahren zum Musikmachen begann - aber nicht so.“ Die Realität hat Bibiza in den letzten Jahren auf beiden Seiten überholt. Weltberühmt in Österreich geht sich längst aus und die Massen werden mit zunehmender Mainstreamtauglichkeit mehr. So farblich weiß wie das Outfit ist die musikalische Ausrichtung noch nicht, dass die Kanten aber zunehmend geschliffen werden, ist klar. Man kann den Weg der Massen nicht ohne Zugeständnisse gehen. Der Strizzi Bibiza wird erwachsen und bleibt genau noch so viel Adoleszent, dass es unbeschwert wirkt. Das Heute und das Morgen gehören ihm – und was danach kommt, sagt uns der Schnapsglasboden.

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