Kaum jemand hätte Kap Verde zugetraut, bei der Fußball-WM in Nordamerika zum Publikumsliebling zu werden. Jetzt spielt der Außenseiter plötzlich in der K.-o.-Runde und erlebt nächstes Wochenende mit dem Sechzehntelfinale gegen Titelverteidiger Argentinien um Superstar Lionel Messi gleich den nächsten Höhepunkt. Die Freude auf der nur 600.000 Einwohner zählenden Inselgruppe westlich von Afrika, dem drittkleinsten WM-Teilnehmer der Geschichte, ist kaum in Worte zu fassen.
Eine Minute, vielleicht zwei Minuten mussten sie noch überstehen. Wie kleine Kinder zu Weihnachten standen die kapverdischen Spieler nach ihrem Schlusspfiff im Kreis um ein Handy herum, auf dem die Schlusssekunden der Partie von Spanien gegen Uruguay zu sehen waren. Und dann: pure Freude, Glückseligkeit – und eine Sensation, wie es sie in der WM-Geschichte selten gegeben hat. Durch das 0:0 gegen Saudi-Arabien und den spanischen Sieg im Parallelspiel erreichte die Auswahl des Inselstaates bei ihrem Debüt gleich die K.-o.-Runde. „Ehrlich, das ist verrückt. Für mich wird ein Traum wahr“, sagte Mittelfeldspieler Deroy Duarte, der das Zittern vor dem Handy so beschrieb: „Ich war kurz davor, zu weinen.“
Vor ein paar Wochen noch war Kap Verde das gerne genommene Beispiel für Kritiker der Aufstockung des WM-Teilnehmerfeldes von 32 auf 48. Ein so kleiner Staat habe doch bei einer WM nichts verloren. Eben doch: Nach einem 0:0 gegen Titelfavorit Spanien, einem 2:2 gegen Uruguay und diesem Remis in Houston ist der Einzug ins Sechzehntelfinale verdient.
Mama auf der Tribüne
Und mitreißende, herzerwärmende Geschichten gibt es noch dazu. Auf der Tribüne der riesigen Arena fieberte erneut Ana Candida Evora mit, die Mutter des 40-jährigen Torhüters Vozinha, dem in den sozialen Netzwerken mittlerweile mehr Menschen folgen als so manchem Hollywood-Star. „Es bedeutet uns sehr viel, denn wir wissen, dass wir aus einem kleinen Land kommen“, sagte der Tormann. „Aber wir wussten auch, dass wir hierherkommen würden, um konkurrenzfähig zu sein.“
Keiner der Spieler von Trainer Pedro Leitao Brito, der Bubista genannt wird, ist bei einem wirklich großen Klub angestellt, einige haben weitere Staatsbürgerschaften wie die niederländische oder französische. Die „Blauen Haie“, so der Spitzname des Nationalteams, sind allesamt in ausländischen Ligen engagiert. „Wir sind unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen. Unsere Großeltern und unsere Eltern haben große Opfer gebracht“, sagte Vozinha. „Ich glaube, wir haben die Widerstandskraft der Menschen von Kap Verde gezeigt. Wir haben gezeigt, mit welcher Leidenschaft wir unser Land vertreten.“
Noch auf dem Rasen feierten die Außenseiter den Einzug in die K.-o.-Runde ausgelassen. „Kleine Insel, große Träume“, kommentierte der weltbekannte schwedische Ex-Starspieler Zlatan Ibrahimović. Frankreichs ehemaliger Weltmeister Thierry Henry sagte beim Sender Fox: „Ich habe Gänsehaut. Das ist die WM, du musst große Träume haben. Das ist die Story des Turniers bisher.“
Keine Angst vor Messis Argentinien
Geht es nach den kapverdischen Spielern, muss der Traum auch noch lange nicht ausgeträumt sein – trotz der großen Namen beim kommenden Gegner. „Wir werden den Moment genießen und feiern“, sagte Deroy Duarte. Dann aber beginne die Vorbereitung auf Argentinien und Messi. „Natürlich wird das ein besonderes Spiel und ein besonderer Moment. Aber der Ball ist rund“, sagte Duarte. „Man hat gesehen, dass wir gegen das große Uruguay ein Unentschieden geholt haben. Warum also nicht?“
Trainer Bubista verwies auf eine enge Verbindung seines Heimatlandes zu den Argentiniern. „Viele Kapverdier sind nach Argentinien ausgewandert“, sagte er. Messi sei für viele der Beste aller Zeiten. „Gegen Argentinien und Messi zu diesem Zeitpunkt eines solchen Turniers zu spielen, ist großartig“, sagte der Coach. Und sein Torhüter betonte: „Wir mögen klein sein, aber wir haben ein großes Herz – und wir sind Kämpfer.“ Es hörte sich an wie: Argentinien kann kommen.
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