Noch heuer will Montenegro die Beitrittsverhandlungen mit der EU abschließen und 2028 beitreten. Die steirische Wirtschaft will die Aufbruchsstimmung in der Balkanrepublik nützen und rechtzeitig den Fuß in die Tür bekommen. Von Wasser über Holz bis Energie: Bei einer Delegationsreise wurden nun die Möglichkeiten ausgelotet.
Das Timing für den zweitägigen Aufenthalt der rund 25 steirischen Vertreter kam nicht von ungefähr: Erst vor zwei Wochen gaben sich im Badeort Tivat die EU-Größen ein Stelldichein – und stellten dem 600.000-Einwohner-Land ein gutes Zeugnis auf seinem Weg in die Union aus. Die Aussicht, noch heuer alle Verhandlungskapitel zu schließen und 2028 der 28. Mitgliedsstaat zu werden, beflügelt Politik, Wirtschaft und langsam auch die Bevölkerung.
Nach 20 Jahren Unabhängigkeit soll es jetzt Richtung Brüssel gehen
In den Straßen der beschaulichen Hauptstadt Podgorica dominieren noch die Landesflaggen mit Doppeladler und goldenem Löwen, die auch Wochen nach dem Unabhängigkeitstag am 21. Mai noch omnipräsent sind. Heuer war es schließlich ein besonderes Jahr – das 20. Jubiläum des Referendums, mit dem sich die Montenegriner 2006 vom großen Nachbarn Serbien lossagten.
Vier Jahre später wurde das Land offiziell EU-Beitrittskandidat, doch die Gespräche waren immer wieder von Rückschlägen geprägt. Das soll sich nun ändern: „Die aktuelle Regierung hat den Beitrittsprozess wiederbelebt, erst diese Woche wurden zwei weitere Kapitel erfolgreich abgeschlossen“, berichtet Österreichs Botschafter Christian Steiner. Rund die Hälfte der 33 Themenblöcke sind freilich noch offen.
Klare Nummer eins am Westbalkan
Dass es jetzt schnell gehen kann, meint auch der österreichische Wirtschaftsdelegierte Jürgen Schreder, der in Belgrad die heimischen Interessen in Serbien, Nordmazedonien und eben Montenegro betreut. Von den drei jugoslawischen Nachfolgestaaten in seiner Zuständigkeit hat Montenegro klar die Nase vorn, in Serbien fährt Präsident Aleksandar Vucic einen außenpolitischen Zickzack-Kurs, Nordmazedoniens Ambitionen werden indes vom EU-Land Bulgarien wegen eines Sprachenstreits blockiert.
Der Endspurt der Verhandlungen mit Montenegro ist vor allem von Rechtsstaats-Themen geprägt, erklärt Marko Sosic vom unabhängigen Thinktank Institut Alternativa. Der Rechtsbestand muss schrittweise an das strenge EU-Regelwerk angepasst werden. Für die Steirer, die nun in der finalen Phase ihre Netzwerke verfeinerten, ergibt sich daraus die Chance, jetzt noch rasch Pflöcke einzuschlagen, die ab 2028 vielleicht nicht mehr so leicht umzusetzen wären, erklärt Karl Hartleb vom Internationalisierungscenter. WKO-Vizepräsident Herbert Ritter gibt die Richtung vor: „Wer heute schon hier ist, ist morgen im EU-Markt mit dabei.“
Wasseraufbereitung, grüne Energie und steirische Forst-Expertise
Mit dabei waren diese Woche etwa steirische Spezialisten im Energie- und Umweltbereich. Rudolf Edlinger, Geschäftsführer von Aqua Engineering aus Stainz, macht auf den Bedarf an Wasseraufbereitung im karstigen Bergland aufmerksam. Drei bis vier Monate pro Jahr würde die Wasserqualität außerhalb der EU-Grenzwerte liegen, hier sei die heimische Expertise gefragt. Dasselbe gilt für die Stromerzeugung, die derzeit noch zu 40 Prozent von einem einzigen Kohlekraftwerk abgedeckt wird. Potenzial für grünen Strom aus Wasser, Sonne und Wind wäre reichlich vorhanden, der technologische Erfahrungsschatz der Steiermark stoße bei den Montenegrinern auf großes Interesse, erklärt Bernhard Puttinger von Green Tech Valley.
Auch im Bereich Forstwirtschaft könne die Steiermark mit Holzcluster und MM Forsttechnik im waldreichen Montenegro punkten, bestätigen die Geschäftsführer Alexander Pinter und Martin Fahrenberger. Saubermacher ist ohnehin schon seit Jahren prominent in der Region vertreten, ebenso Banken, Versicherungen oder die Strabag.
Polit-Abkommen soll Firmen den Weg ebnen
Für all diese Bestrebungen wurde am Mittwoch mit der Unterzeichnung des Partnerschaftsabkommens – laut Botschafter Steiner der erste derartige Pakt eines österreichischen Bundeslandes mit dem EU-Hoffnungsträger am Balkan – die politische Basis gelegt. „Bei Forschung und Entwicklung ist die Steiermark schon seit Jahren an der europäischen Spitze“, sagt Landeshauptmannstellvertreterin Manuela Khom (ÖVP). „Jetzt müssen wir in die Produktion kommen.“ Manche Delegationsmitglieder könnten „schon morgen erste Geschäfte abschließen“.
Die Reise nach Montenegro wurde vom Land Steiermark ermöglicht.
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