Im Zuge der Aktionswoche Rettungsdienst geben der Bundesverband Rettungsdienst und die „Krone“ Einblick in die tägliche Arbeit der Sanitäter. Einer von ihnen hat sich im „Krone“-Interview jenen Fragen gestellt, die in der Bevölkerung schon lange Thema sind.
Lukas Broll ist 28 Jahre alt und seit zehn Jahren als Notfallsanitäter beim Roten Kreuz Innsbruck tätig. Den Weg dorthin fand er wie viele über den Zivildienst. Vor zwei Monaten hat er die NKI-Ausbildung (Notfallkompetenz Intubation) abgeschlossen und damit die höchste Qualifikationsstufe für Sanitäter in Österreich erreicht.
Im Zuge der Aktionswoche Rettungsdienst, initiiert vom Bundesverband Rettungsdienst (BVRD.at) und der „Krone“, spricht er im Interview über Höhen und Tiefen seines Jobs und was es für die Zukunft dringend benötigt.
Notfallsanitäter Lukas Broll im „Krone“-Talk:
Krone: Um die Begrifflichkeiten gleich zu Beginn zu schärfen: Sie sind Notfallsanitäter, kein Notarzt. Wie ist das Hierarchiesystem unter Sanitätern aufgebaut?
Lukas Broll: In Österreich ist es so, dass das System aus Rettungssanitätern besteht, das ist die niedrigste und am weitesten verbreitete Ausbildungsstufe. Dann gibt’s Notfallsanitäter und aufbauend darauf noch die Notfallkompetenzen Arzneimittel, Venenzugang und Intubation. Und natürlich auch noch das notärztliche Personal.
Warum haben Sie sich damals für diesen Beruf entschieden?
Aufgrund der anspruchsvollen Aufgaben und der Chance, dass ich ganz konkret und individuell anderen Menschen helfen kann. Es ist ein Beruf, in dem man Probleme eigenverantwortlich und kurzfristig löst. Was mich erfüllt, ist die unmittelbare Wirksamkeit. Dass ich nach meinem 12-Stunden-Dienst nach Hause gehe und für mich das Gefühl habe, es war gut, dass ich heute da war.
Mit unserer Aktionswoche wollen wir in ganz Österreich Bewusstsein schaffen. Aber funktioniert der Rettungsdienst in Österreich eigentlich überall gleich?
Da kann man ganz klar sagen: Nein, funktioniert er nicht, und das ist eines der zentralsten Probleme. Das Sanitätergesetz ist Bundessache, die Rettungsdienste selbst sind Ländersache. Dementsprechend gibt’s wilde Unterschiede in Strukturen, Finanzierung, Personalausstattung. Ein Beispiel: Das Kind mit der schweren allergischen Reaktion bekommt im Bundesland A vielleicht zwei Notfallsanitäter, im Bundesland B aber zwei Rettungssanitäter und muss daher auf den Notarzt warten, der aber eine dementsprechende Anfahrtszeit hat. Der Notfallsanitäter mit der entsprechenden Kompetenz kann Medikamente verabreichen, das können und dürfen Rettungssanitäter einfach nicht.
„Welche Versorgungsqualitäten man bekommt, hängt aktuell davon ab, wo man in Österreich den Notruf wählt.“

Lukas Broll, Notfallsanitäter
Bild: Rotes Kreuz Innsbruck
Der Appell, der seitens BVRD.at und euch Sanitätern hier laut wird, lautet: Es braucht eine einheitliche Ausbildung und dazu einiges an Reformen?
Ja, das ist sehr spitzt formuliert, das ist mir schon klar, aber für alle Patienten in Österreich heißt das eigentlich im Klartext: Welche Versorgungsqualitäten man bekommt, hängt aktuell davon ab, wo man in Österreich den Notruf wählt und das darf eigentlich kein Lotteriespiel sein. Ich denke, dass die Ausbildung, mit der wir die täglichen Situationen bewältigen, dem schlichtweg nicht gerecht ist. Aktuell agieren wir mit einer Ausbildung, die international nicht Schritt halten kann und die in einem gesetzlichen Rahmen verankert ist, der seit über 20 Jahren feststeckt. Hier braucht es eine professionelle, mehrjährige Ausbildung als höchste Stufe, analog zu anderen Gesundheitsberufen. Damit Patienten in ganz Österreich flächendeckend die gleiche Qualität bekommen, egal in welchem Bundesland sie den Notruf wählen. Das sollte man endlich ernst nehmen – politisch, finanziell und strukturell.
Lassen Sie uns einen Blick auf Ihre Tätigkeiten werfen. Womit verbringen Sie Ihre Arbeitsstunden?
Grundsätzlich ist ein Dienst bei uns zwölf Stunden lang. Von 7 bis 19 Uhr oder von 19 bis 7 Uhr. Untertags bin ich dann im Schnitt auf zehn Einsätzen unterwegs und in der Nacht sind es im Schnitt zirka sieben Einsätze.
Zehn Einsätze sind nicht wenig…
Ja, das habe ich mir extra noch rausgesucht. Das ist der Schnitt aus 2024/25. Da war ich selbst ein bisschen erstaunt [lacht].
Was passiert normalerweise – so wie jetzt gerade – zwischen den Einsätzen?
Viel Nachbereitung von Einsätzen. Also Reinigung und Desinfektion, Dokumentation, Material auffüllen, Fortbildungen, man liest sich wo ein. Und natürlich auch, wenn es das Einsatzaufkommen zulässt, dass man sich mit Kollegen zusammensetzt. Das ist auch wichtig für den Zusammenhalt und die Verarbeitung von dem, was man im Dienst erlebt.
Gibt’s ganz typische Einsätze, die auch am häufigsten vorkommen?
Ja, gibt es. Das ist aber auf keinen Fall der absolut lebensbedrohliche Notfall, wo jede Sekunde zählt, sondern das sind vorwiegend Einsätze, die zurückzuführen sind auf Versorgungsprobleme, soziale oder psychosoziale Fälle. Also dass jemand zu Hause allein und schlecht versorgt ist oder dass die Leute nicht wissen, an wen sie sich wenden können. Wir sind eben als Rettungsdienst die niederschwelligste und immer verfügbare Instanz im Gesundheitssystem.
„Aktuell bleibt uns nichts anderes übrig, als jeden Patienten in ein Krankenhaus zu bringen, obwohl das vielleicht nicht immer der optimale Ort der Versorgung ist.“

Lukas Broll, Notfallsanitäter
Bild: Rotes Kreuz Innsbruck
Und ist das gut so?
Das ist ein zweischneidiges Schwert. Die Niederschwelligkeit ist, glaube ich, gut. Die Leute brauchen jemanden, der für sie erreichbar ist. Momentan fehlt es schlichtweg an einer Kompetenz, die Patientenströme richtig leitet. Aktuell bleibt uns nichts anderes übrig, als jeden Patienten in ein Krankenhaus zu bringen, obwohl das vielleicht nicht immer der optimale Ort der Versorgung ist. Wenn jemand 144 wählt, dann bekommt er ein Rettungsauto. In den seltensten Fällen wird das zuerst an die 1450 weitergeleitet.
Und gibt’s Dinge, die eure Arbeit behindern?
Viele Patienten denken, wenn sie mit dem Rettungsdienst ins Krankenhaus fahren, dann werden sie bevorzugt behandelt. Und das ist falsch. In jeder Notaufnahme gibt es ein Triage-System und danach erfolgt die Kategorisierung der medizinischen Dringlichkeit und nicht nach der Anreiseart. Und behindernd wirkt auch das überholte Bild des Rettungsdienstes als reiner Transportdienstleister.
Was wünscht man sich da oft, dass jeder Österreicher über Erste Hilfe weiß?
Ich würde mir wünschen, dass jeder eine Herzdruckmassage kann, starke Blutung stillen kann, stabile Seitenlage durchführen kann und wenn sich jemand verschluckt, einen Heimlich-Handgriff anwenden kann. In den ersten fünf Minuten sind das die entscheidenden Dinge, die ein Ersthelfer tun kann, bevor wir übernehmen.
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