Nach 36 Jahren

Argentinien: Großmutter findet geraubten Enkelsohn

Ausland
06.08.2014 07:04
37 Jahre nachdem ihre Tochter von Argentiniens Militärjunta verschleppt und ermordet worden war, konnte Estela Carlotto ihren Enkelsohn in die Arme schließen. Der heute 36-jährige Mann wurde durch einen Gentest identifiziert. Carlotto ist die Vorsitzende der "Abuelas de Plaza de Mayo", die seit 1977 nach ihren vom Militär geraubten Enkelkindern suchen.

Von 1976 bis 1983 herrschte in Argentinien die brutale Militärdiktatur unter General Jorge Rafael Videla. In dieser Zeit verschleppte das Regime Zehntausende Menschen. Inhaftierten Müttern wurden ihre Babys nach der Geburt weggenommen, die Frauen zumeist umgebracht. Die Neugeborenen wurden anschließend illegal an Pflegeeltern abgegeben, häufig hohe Offiziere, die sogar für die Adoption der Kinder bezahlten.

Großmütter suchen Enkelkinder
Die Menschenrechtsorganisation "Abuelas de Plaza de Mayo" ("Großmütter der Plaza de Mayo") sucht seit 1977 nach den verschwundenen Kindern. Nun konnte Präsidentin Estela Carlotto selbst ihren 1978 von Militärs geraubten Enkel kennenlernen. "Ich wollte nicht sterben, ohne ihn umarmt zu haben" erklärte die 83-jährige am Dienstag in Buenos Aires.

Der heute 36-jährige Ignacio Hurban hatte sich vor einem Monat freiwillig dem Gentest unterzogen, weil er Zweifel über seine Herkunft hegte. Die Tochter Carlottos, Laura, wurde 1977 von Militärs inhaftiert, als sie schwanger war. Kurz nach der Geburt ihres Kindes 1978 wurde sie in La Plata, 60 Kilometer südlich von Buenos Aires, ermordet.

Schmerzhafter Prozess
Lauras Bruder, Kivo Carlotta, stellte sich für den DNA-Test zur Verfügung. "Während es für die Familie eine unglaubliche Freude war, war mein Neffe ziemlich geschockt", erklärte Kivo gegenüber dem TV-Sender Todo Noticias. "Mittlerweile geht es ihm aber gut." Die Konfrontation mit ihrer wahren Herkunft ist für die mittlerweile erwachsenen, geraubten Kinder meist ein sehr schmerzhafter Prozess, weil viele ihre vermeintlichen Väter als Offiziere nicht selten an der Folterung und Ermordung ihrer leiblichen Eltern beteiligt waren.

Estela Carlotto und ihre "Abuelas de Plaza de Mayo" konnten bislang rund 114 der etwa 500 Kinder von Verschleppten ausfindig machen. Ihr Leben und ihre Suche wurden 2011 in dem Film "Verdades Verdaderas" auf die Kinoleinwand gebracht. Im März 2011 wurden die Großmütter der Plaza de Mayo zudem für ihr Engagement von der UNESCO mit dem Felix-Houphouet-Boigny-Friedenspreis ausgezeichnet.

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