„Krone“-Kommentar

Digitalisierung ist nicht nur Segen

Tirol
13.05.2026 13:00

Claus Meinert, Chefredakteur der Tiroler „Krone“, nimmt in seinem Kommentar das Thema Digitalisierung unter die Lupe.

Seit doch schon einigen Jahren wird uns eingeredet, teilweise geradezu eingetrichtert, wie wichtig, toll und zukunftsträchtig Digitalisierung ist. Tirol stellte mit Florian Tursky von der ÖVP sogar knapp zwei Jahre den Staatssekretär für Digitalisierung. Tursky ist politisch nach seinem Fiasko bei der Gemeinderatswahl in Innsbruck (2024) Geschichte, die Digitalisierung hingegen allgegenwärtiger denn je. Ohne sie geht in vielen Bereichen quasi gar nichts, das merkt der brave Bürger Tag für Tag. Pro Digitalisierung argumentiert wird gerne damit, dass die Menschen damit wesentlich selbstständiger agieren können, letztlich aber natürlich auch mehr Selbstverantwortung zu übernehmen haben, was grundsätzlich nicht schlecht und in vielerlei Hinsicht auch notwendig ist.

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Man denke nur an die ganzen Apps am Handy und die dazugehörigen Codes, die einen fast schon mehr auf Trab halten als das normale tägliche Leben es tut.

Claus Meinert, Chefredakteur Tiroler „Krone“

Aber es gibt ebenso wie meist auch die Kehrseite dieser glanzvollen Medaille. Da ist jetzt noch gar nicht die Rede von Künstlicher Intelligenz (KI), deren Fluch und Segen ganz dicht beieinander liegen. Man denke nur an die ganzen Apps am Handy und die dazugehörigen Codes, die einen fast schon mehr auf Trab halten als das normale tägliche Leben es tut. Man denke an Online-Banking (wer kennt eigentlich noch einen Bankmitarbeiter?), an ID Austria (ohne die nahezu gar nichts mehr geht), an den Finanz- und Steuerausgleich und viele andere Dinge mehr, die ältere Menschen meist auf sich allein gelassen zu meistern haben.

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Es gilt, die richtige App am Handy zu haben, um ein Dokument zu unterschreiben oder um bei den Öffis in einer Großstadt nicht in die falsche Richtung zu fahren.

Claus Meinert, Chefredakteur Tiroler „Krone“

So mancher Bürger fühlt sich da wohl nicht als „Gewinner“, sondern eher als eine Art „Loser“. Fühlt sich verloren, im Stich gelassen. Weil es gilt, die richtige App am Handy zu haben, um etwa ein Dokument zu unterschreiben oder auch nur, um bei den Öffis in einer Großstadt nicht in die falsche Richtung zu fahren. Ganz zu schweigen davon, dass man tunlichst alle App-Codes verstecken und auch ständig erneuern soll, da ja die Kriminalität auch nicht schläft und ihre Finger von der Digitalisierung lässt. Das Gegenteil ist der Fall.

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Ein System, das immer mehr Menschen damit beschäftige, sich selbst zu kontrollieren, verliere seine Kraft.

Claus Meinert, Chefredakteur Tiroler „Krone“

Ein vielstrophiges Lied von der Digitalisierung und ihren (weniger nützlichen) Folgen können auch Unternehmer singen. Das tat kürzlich der bekannte Industrielle Martin Ohneberg. Der Vorarlberger war fast sieben Jahre Präsident der Österreichischen Industriellenvereinigung, jener Organisation, die im Gegensatz zur Wirtschaftskammer aus freiwillig zahlenden Mitgliedern besteht. In einem lesenswerten Kommentar zeigte er auf, wie bei uns die Regulierungswut um sich greift. Ohneberg wörtlich: „Wir digitalisieren die Bürokratie. Wir machen sie schneller. Aber wir hinterfragen sie nicht. Das ist, als würde man ein Loch nicht schließen, sondern effizienter graben.“ Und er stellt die berechtigte Frage, warum es in Österreich ständig neue Vorschriften braucht?

Ein System, das immer mehr Menschen damit beschäftige, sich selbst zu kontrollieren, verliere seine Kraft. Und ein Standort, der Innovation darauf verwende, Bürokratie zu optimieren, habe das eigentliche Ziel längst aus den Augen verloren, so Ohneberg. „Wir feiern Start-ups, die die Bürokratie effizienter machen. Dabei müssten wir endlich damit anfangen, Bürokratie überflüssig zu machen.“

Weniger Bürokratie wird von der Politik freilich eh vor jeder Wahl und auch sonst bei jeder Gelegenheit versprochen. Vielleicht tat das ja auch Bundeskanzler Stocker bei seinem gestrigen Besuch in Tirol. Und vielleicht wird ein Versprechen ja auch einmal gehalten.

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